"Villa anders": Erstes Wohnprojekt für Homosexuelle

"Villa anders": Erstes Wohnprojekt für Homosexuelle
"Hier muss ich nichts erklären": Die "Villa anders" in Köln ist Deutschlands erstes Wohnprojekt für Schwule und Lesben. Hier wollen sie diskriminierungsfrei und selbstbestimmt wohnen.
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Jochen Weber (45) fühlt sich wohl in der "Villa anders": "Ich bin hier unter meinesgleichen und muss mich nicht erklären", sagt der Kölner Produktmanager. Dass Weber homosexuell ist, ist in der "Villa anders" im Kölner Stadtteil Ehrenfeld nichts Ungewöhnliches: Es ist ein Wohnprojekt für Schwule, Lesben und Transgender, nach eigenen Angaben das bundesweit erste. Hier leben 42 Menschen, die sich ein diskriminierungsfreies und selbstbestimmtes Wohnen vorgenommen haben.

Willkommen sind in dem eher unauffälligen Mehrfamilienhaus mit 35 Wohnungen Singles, Paare, Regenbogen-Familien aller Altersstufen. Ein gutes Jahr nach Einzug der ersten Mieter Ende 2009 ziehen einige der Bewohner Bilanz.

"In meiner alten Wohnung bin ich mal von meinen Nachbarn gefragt worden: 'Bei Ihnen sind immer nur Männer zu Besuch. Haben Sie denn gar keine Frau?'", erzählt Weber. Und auch wenn er das nicht dramatisch fand, so hat es ihn doch gestört. "So etwas passiert hier natürlich nicht", sagt er.

Konzept des Vereins für Schwul-Lesbisches Wohnen umgesetzt

"Das hier ist ein diskriminierungsfreier Raum, weil die Grundausrichtung gleich ist", meint auch Lisa Weiß (54), von Beruf Verwaltungsangestellte und gleichzeitig Vorstandsmitglied des Vereins Schwul-Lesbisches Wohnen. Dabei gibt es auch Heterosexuelle in der "Villa anders": "Wir nehmen bis zu 15 Prozent Heteros auf", sagt Weiß, "und mit ihnen kommen wir ganz wunderbar zurecht".

Die zwischen 38 und 78 Quadratmeter großen Wohnungen haben bislang die unterschiedlichsten Nationalitäten angezogen und außerdem Behinderte und Nicht-Behinderte, Rentner und Studenten, gut verdienende Bewohner und Hartz-IV-Empfänger. 20 Wohnungen gehören zum sozialen Wohnungsbau und werden öffentlich gefördert, die restlichen 15 sind frei finanziert, so dass die Warmmieten zwischen knapp 8 und knapp 11 Euro pro Quadratmeter variieren.

Gebaut wurde die "Villa anders" von der GAG Immobilien AG, die sich dabei an einem Konzept des Vereins für Schwul-Lesbisches Wohnen orientierte. Und auch wenn die Immobilienfirma GAG offiziell der Vermieter ist, so haben die Bewohner durchaus ein Mitspracherecht, etwa dann, wenn es um die Neubesetzung frei gewordener Wohnungen geht.

"Villa anders" lebt vom Gemeinschaftsgedanken

"Die Bewohner treffen sich dann hier im Gemeinschaftsraum, um die Bewerber gemeinsam kennenzulernen und etwas unter die Lupe zu nehmen", sagt Mieter Dietmar Gehre (45). Denn ihnen sei es wichtig, dass neue Mitbewohner den Gemeinschaftsgedanken der "Villa anders" mittrügen und bereit seien, sich für das Projekt einzusetzen.

"Es gibt hier schon einen gewissen Anspruch, dass man bei Problemen etwa nicht wegschaut", findet auch Bewohner Helmut Hofmann (69). Und so ist es selbstverständlich, dass bei verreisten Nachbarn die Blumen gegossen und die Briefkästen geleert werden. Bewohner mit Auto kaufen für nicht motorisierte Bewohner mit ein. Und wenn seine behinderte Nachbarin ihn um drei Uhr morgens anruft, weil sie dringend Hilfe braucht, dann ist Dietmar Gehre gern bereit zu helfen, wie er sagt.

Auch Gemeinschaftsaktionen gibt es: Einmal im Monat organisiert Helmut Hofmann ein Lese- und Hörcafé, es gibt gemeinsame Kochabende und Gymnastikgruppen. Doch zentraler Treffpunkt ist der gemütliche Innenhof mit der großen Parkbank. "Hier tauscht man sich im Sommer über Balkonpflanzen aus, raucht zusammen eine Zigarette oder trinkt ein Glas Rotwein miteinander", sagt Lisa Weiß. "Und wenn man dann irgendwann Gute Nacht sagt und reingehen will, ertönt es oft von zahlreichen Balkonen: 'Dann schlaf mal gut!'", erzählt Jochen Weber.

Natürlich suchten nicht alle Mieter gleichermaßen Kontakt. "Etwa ein Drittel der Bewohnerschaft ist eng eingebunden, ein weiteres Drittel ist in der zweiten Reihe mit dabei und ein Drittel will hier einfach nur wohnen", sagt Weber. Und natürlich gibt es auch in der "Villa anders" die üblichen Konflikte: Wenn zu laut gebohrt oder zu laut gefeiert wird, beschweren sich schon mal die Nachbarn.

epd