Weihnachten fällt aus: Haiti liegt in Trümmern

Weihnachten fällt aus: Haiti liegt in Trümmern
Fast ein Jahr danach - und noch immer ist in Haiti von Wiederaufbau wenig zu sehen. "Vielerorts hat man das Gefühl, dass das Beben erst vor wenigen Wochen stattgefunden hat", sagt Tommy Ramm von der Diakonie Katastrophenhilfe. "Von Weihnachtsstimmung ist in Haiti nicht viel zu merken." Am 12. Januar 2010 erschütterte ein Erdbeben Haiti und stürzte das bettelarme Land ins Chaos.

Seitdem sind geschätzte 2.000 Hilfswerke im Karibikstaat tätig und versuchen, die Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren. Sie versorgen die rund eine Million Haitianer, die immer noch in Obdachlosenlagern leben. Sie kämpfen gegen die Cholera-Epidemie, die seit Oktober mehr als 2.500 Menschen das Leben gekostet hat. Sie bauen Häuser und Schulen.

Währenddessen sei Haitis Staat völlig überfordert, klagen die Hilfswerke. "Unzureichende staatliche Strukturen und politische Instabilität erschweren den Wiederaufbau", teilte die Diakonie Katastrophenhilfe zusammen mit Caritas, dem Deutschen Roten Kreuz und UNICEF mit. Zudem leistet sich der meist abwesende Staat einen bizarren und gewalttätigen Wahlkrimi. Denn noch immer nicht ist klar, welche der 19 Kandidaten der chaotisch verlaufenen Präsidentenwahl vom 28. November in die Stichwahl im Januar einziehen werden.

Wahlbetrug?

Die Wahlbehörde nominierte dafür Mirlande Manigat und Jude Célestin. Doch nationale Wahlbeobachter und die Mehrheit der unterlegenen Kandidaten sehen Wahlbetrug am Werk. Laut Hochrechnungen sollte statt des offiziell zweitplatzierten Regierungskandidaten Célestin der drittplatzierte Michel Martelly in die Stichwahl einziehen. Zur Debatte stehen derzeit eine komplette Nachzählung unter Aufsicht der Kandidaten, eine Stichwahl mit den drei Favoriten oder gar eine komplette Wiederholung der Wahl.

Wahlchaos, Erdbebenfolgen und Choleraseuche vermengen sich zu einem Teufelskreis. So behindern die seit der Wahl immer wieder aufflammenden politischen Proteste massiv die humanitäre Hilfe, beklagen Handicap International, Terre des Hommes, die Heilsarmee und drei weitere Hilfswerke in einer gemeinsamen Erklärung. Zuvor sah sich das britische Hilfswerk Oxfam durch die Proteste gegen die UN-Friedensmission im Land behindert. Den Soldaten warfen aufgebrachte Haitianer vor, die Cholera eingeschleppt zu haben. Ob das stimmt, klärt jetzt ein Gremium internationaler Wissenschaftler.

Schon kurz nach dem Erdbeben verständigten sich die internationalen Geldgeber auf zehn Milliarden US-Dollar für langfristige Not- und Aufbauhilfe. Verbunden damit ist das Ziel, einen handlungsfähigen Staat zu schaffen. Er soll die "Republik der Nichtregierungsorganisationen" ersetzen und damit die Basis für den langfristigen Aufbau schaffen, wünscht Edmond Mulet, Chef der UN-Friedenstruppen im Land. Doch das Vertrauen in Haitis Regierung scheint gering. Im Jahr 2010 überwies die Europäische Union weniger als die Hälfte der von ihr zugesagten 1,2 Milliarden Euro. Andere Geber waren noch zögerlicher.

Pessimistische Prognosen

Eine stabile und handlungsfähige Regierung war das Ziel der Wahlen im November, auf die vor allem die internationalen Geldgeber gedrängt hatten. Dass sie vorerst im Chaos endeten und damit den Wiederaufbau weiter verzögern, haben sich die Geldgeber selbst zuzuschreiben, warnt der "Council on Hemispheric Affairs" (COHA) in seiner jüngsten Analyse. Die regierungskritische US-amerikanische Denkfabrik wirft den internationalen Beobachtern vor, eine offensichtlich "betrügerische Wahl" legitimiert zu haben, um einer erhofften kurzfristigen politischen Stabilität willen.

Die Prognose der Haiti-Experten ist pessimistisch. Sie werfen den Geldgebern vor, aus "pragmatischen Gründen" die demokratischen Defizite Haitis zu tolerieren. Das aber fördere geradezu Korruption und Betrug, schreibt der COHA und fügt hinzu: "Leider gibt es keine Anzeichen, dass die internationale Gemeinschaft endlich die Probleme angeht, die sie mitgeschaffen hat."

epd