Im Nebel ohne Funknetz: Reporterreise ins Wendland

Am Wochenende nach Gorleben? Okay, das dürfte spannend werden. Ich nehme den Auftrag an und beginne, das Abenteuer zu planen. Der Kollege Alexander Schnapper und ich dürfen für evangelisch.de in Text, Ton, Bild und Video vom Castorprotest berichten.

Drei Geschichten sollen es werden: Erst begleiten wir am Samstag das Seelsorgeteam der Pfarrer, dann fahren wir am Sonntag zu einer Kirchengemeinde, die gegen die Erkundung des Salzstocks geklagt hat. Anschließend berichten wir vom "Gorlebener Gebet". Soweit der Plan. Bei der Suche nach einer Zugverbindung bekomme ich den Hinweis, dass rund um Gorleben am Wochenende alle Gleise gesperrt sein werden. Die Bahn-Pressestelle weiß davon zwar nichts, aber dennoch halten wir es für sicherer, ausnahmsweise das Auto zu nehmen.

Die 440 Kilometer lange Fahrt von Frankfurt nach Dannenberg wird in Kassel gestoppt: Ein Stau. Wir verlieren fast eine Stunde. 100 Kilometer vor Dannenberg können wir kaum glauben, dass der Rest der Fahrt über eine Landstraße verläuft – es gibt hier oben keine Autobahn mehr! Nach sechs Stunden Fahrt und mit je zwei Butterbroten im Bauch erreichen wir das Städtchen Dannenberg. Die Polizei rät uns, zu Fuß weiterzugehen bis zur Kundgebung, also schleppen wir Laptop, Kamera, Fotoapparat und Aufnahmegerät Richtung Kundgebungsplatz.

Pressezentrum direkt an der Bahnstrecke

Wir müssen leider noch einen Umweg machen, und der erweist sich als echte Schikane: Das Pressezentrum der Polizei, wo wir unsere Akkreditierungsausweise abholen wollen, liegt direkt an der Bahnstrecke - schön für die großen Fernsehanstalten -, und zwar in einer Art Sumpfgebiet. Wir waten durch knöcheltiefen Matsch. Meine Wanderschuhe halten das aus, doch der Kollege in seinen nicht mehr ganz neuen schwarzen Halbschuhen hat bald nasse Füße.

Wir kommen nur langsam vorwärts, die Kundgebung hat schon angefangen. Auf dem großen, platt getrampelten Maisfeld an der Bühne suchen wir Sandra Bils, die Pastorin, mit der wir verabredet sind. Sie geht nichts ans Handy. Also halten wir Ausschau nach anderen Geschichten und finden auch eine: Gilda Winter aus Prießek hat 85 Kuscheltiere gesammelt und sie zu einer Tierdemo zusammengestellt. Wir fotografieren Elefanten, Pinguine und Bären.

Dann ruft unsere Pastorin an: Sie war im Einsatz. Demonstranten hatten versucht, eine Straße zu unterhöhlen, die Polizei griff ein, es gab ein kurzes Handgemenge, aber immerhin keine Verletzten. Den Einsatz selbst haben wir verpasst, aber die Pastorin (auf dem Foto rechts) erzählt uns im Interview davon, wie sie zwischen beiden Seiten vermittelt hat.

Eine Nacht an der Elbe

Zurück nach Dannenberg: geschätzte vier Kilometer Fußmarsch. Beine und Schultern tun weh, die Ausrüstung wird nicht leichter. Unser Hotel liegt etwas außerhalb: Es waren nur noch im 72 Kilometer entfernten Güstrow Zimmer zu bekommen. Dort nächtigen wir direkt an der Elbe, man hört Gänse schnattern, und der Sternenhimmel dort ist so klar und hell wie in Frankfurt nie! Wir staunen aber nur kurz. Keine Zeit.

Beim Abendessen stöpseln wir unsere Laptops ein und wollen ins Internet: Aber das ist hier am Ende der Welt gar nicht so einfach. Zum Glück hat der Kollege die Möglichkeit, übers Handynetz online zu gehen – allerdings schaffen wir es damit erst gegen zwei Uhr nachts, Fotos nach Frankfurt zu schicken.
Morgens wollen wir die "Kuscheltiere" fertig machen, doch jetzt gibt es auch kein Handynetz mehr. Ob das am dichten Nebel liegt?

Fähre für 4,50 Euro

Wir kratzen die Autoscheiben frei und fahren zur Elbfähre (l.). "Immer geradeaus über den Deich", hat die Dame an der Rezeption gesagt, "auch wenn da Durchfahrt verboten steht." Die Gegend ist einsam, früher verlief hier die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Die "Straße" besteht aus Gras mit halben Betonplatten, mein Auto hüpft Richtung Westen. Aus dem Nebel taucht die Fähre auf. Das andere Ufer der Elbe können wir nicht sehen, kommen aber für 4,50 Euro dort an.

Auf den nächsten 50 Kilometern sieht man den Wald vor lauter Polizeibullis nicht: Alle 50 Meter steht ein Wagen abfahrbereit im Niemandsland. Polizisten mit genervtem Gesichtsausdruck stehen daneben und überwachen uns, einen Jogger und eine Frau, die mit ihrem Hund Gassi geht. An einer Bahnüberführung, die der Castor offenbar benutzen wird, stehen hunderte Polizisten, und eine Schlange von Polizeiautos reicht fast zurück bis ins nächste verschlafene Dorf.

Einmal im Jahr ist hier was los – doch die Dorfbewohner liegen entweder noch im Bett oder sitzen schon auf den Gleisen. Hier sind alle gegen den Castor, davon zeigen die gelben "X"-Kreuze aus Holz in den gepflegten Vorgärten und die an Bäumen aufgeknüpften Strohpuppen. Der Protest gehört hier zum Leben dazu, die Polizei-Invasion einmal im Jahr nehmen die Menschen deshalb gelassen hin. Bei Dannenberg halten Beamte uns an: Treckerblockade. "Hier kommen Sie nicht weiter." Die Zeit drängt, unsere Interviewpartner warten. Immerhin haben die freundlichen Polizisten eine Umleitungsempfehlung. Es geht langsam vorwärts … Darf man Polizeibullis eigentlich überholen?

Gesprächspartner warten mit Kaffee

Wir fahren durch Gorleben. Ein schnuckeliges Dorf mit kleinen roten Häuschen und einer wunderschönen romanischen Kirche. Dort warten unsere Gesprächspartner mit Kaffee auf uns. Nach dem Interview ziehen sie sich Gummistiefel an und fahren mit Geländewagen zum Anti-Castor-Einsatz, während wir im Auto die Rechner anwerfen und mit eiskalten Fingern Material nach Frankfurt schicken. Es gibt ein Handynetz! Dann planen wir zwei Stunden ein, um zehn Kilometer zurückzulegen (was sich später als realistisch herausstellt) und holen vor der Weiterfahrt noch ein paar Salzstangen an der Gartower Tankstelle.

Wir wollen zum "Gorlebener Gebet". Die Polizei hält uns auf, verlangt Personalausweise, Presseausweise und Akkreditierungsausweise, prüft das alles minutenlang und findet offenbar heraus, dass wir unbescholtene Journalisten sind. Wir dürfen weiterfahren. Nach ein paar hundert Metern ist allerdings Schluss: Eine Sitzblockade versperrt den Weg zum Zwischenlager. Wir packen alles zusammen, laufen los, treffen unterwegs Claudia Roth von den Grünen. Sie bleibt auf der Straße sitzen, wir laufen über Stock und Stein durch den Wald. Drei Kilometer, oder sind es vier? Immerhin scheint die Sonne.

Gebet in unruhiger Atmosphäre

Das Gorlebener Gebet ist heute sehr gut besucht, 250 Menschen. Die Atmosphäre ist unruhig, immer wieder wollen Menschen mit Autos oder Fahrrädern an der Menschentraube vorbei. Die Andacht stärkt uns zwar innerlich, wärmt aber nicht unbedingt Füße und Hände. Völlig durchgefroren machen wir unsere Aufnahmen, verabschieden uns und marschieren zurück. Die Menschen in der Sitzblockade haben sich in Wolldecken und Schlafsäcke eingepackt.

Gerüchte machen die Runde, die Castor-Strecke sei "geschottert" worden, und bei Hitzacker säßen Hunderte auf den Gleisen. Die Atmosphäre hier gefällt uns, die Menschen sind geduldig und friedlich, es gibt Suppe von Blechtellern. Auf der Rückfahrt durch die Wendlanddörfer bekommen wir Heimweh – nach zwei Tagen. Wie gern hätten wir hier noch eine Woche verbracht, die Landschaft genossen und die neuen Bekanntschaften gepflegt. Wir schreiben eine Liste, was wir nächstes Mal mitnehmen: Handschuhe, warme Socken, mehrere Strickjacken - und einen aufklappbaren Sendemasten.


Anne Kampf ist Redakteurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.