Mit dem Rad und der Neugier vom Nord- zum Südpol

Mit dem Rad und der Neugier vom Nord- zum Südpol
Sein Gepäck wiegt 55 Kilo, die Abenteuerlust und die Willenskraft von Idilio Freire müsste man aber schon in Tonnen angeben. Der Portugiese radelt derzeit vom Nord- zum Südpol. Mit Poesie überwindet er die Angst vor Wildtieren, Platten und Muskelkater.

Der Mann kennt keine Grenzen: Mit einem kleinen Zelt, einem Kochtopf, ein bisschen Kleidung und nur wenig mehr fährt Idilio Freire zur Zeit vom Nord- zum Südpol - und zwar mitdemRad. Bereits seit drei Monaten strampelt sich der 44- Jährige ab. Und trotz Grizzlybären, Waldbränden, Hagelschauern und Muskelkater hat er immer noch nicht aufgegeben. In insgesamt 15 Monaten will er die 35.000 Kilometer geschafft haben, bis Ende Oktober 2011 möchte er sein Ziel erreichen. "Die Neugier ist mein Motor, und auch das Adrenalin treibt mich an", sagte der Vollbartträger der Agentur Lusa schon vor dem Start.

Das Leben "in der ersten Person leben"

Der Portugiese tritt seit dem 23. Juli in die Pedale. Der Start: jenseits des Polarkreises in Inuvik, einer 3.500-Einwohner- Gemeinde in den Nordwest-Territorien Kanadas. Nach über 8.000 Kilometern erreichte er vor kurzem Tijuana im Nordwesten Mexikos. In Kalifornien hätten ihn zuletzt die Truckfahrer ins Schwitzen gebracht, im Yellowstone-Park war es ein Bison gewesen. Der Büffel habe ihn "unfreundlich angestarrt", da sei er schnellstens davongeradelt, erzählt Freire in seinem Blog. Ein Foto sei dann nur aus weiter Ferne möglich gewesen, schließlich habe er nur das in Lissabon besorgte Bären-Vertreibungsspray bei sich gehabt.

Sportliche Ambitionen wie etwa einen Start bei der Tour de France hat der Mann aus dem verschlafenen 20.000-Einwohner- Städtchen Pombal in Zentralportugal nicht. Mit seinem ungewöhnlichen Vorhaben will er auch nicht ins Guinness Buch der Rekorde. Seine Prioritäten erklärt der freundliche Mann so: "Am wichtigsten sind für mich die persönliche Überwindung und das Gleichgewicht. Der Versuch, ein Leben zu führen, das so komplett und vielseitig sein soll, wie nur irgendwie möglich." Er wolle sein Leben "in der ersten Person leben" und sich nicht darauf beschränken, zu hören, zu sehen und zu lesen. "Ich will auch da sein, fühlen, teilnehmen."

Inneren Schweinehund mit Poesie überwinden

In seinem Blog verarbeitet Freire Gefühle und Erfahrungen. Gern beschreibt er auch die Orte und die Menschen, die er auf seiner Reise trifft. Den alten Mann mitdem langen Bart etwa, der in einer früheren Pony-Express-Station mitten im Nichts lebt und sich "Ghost" (Geist) nennt. Oder den deutschen Touristen, der ihn wie ein Paparazzo aus allen Winkeln fotografierte. Den inneren Schweinehund überwindet Freire, der bisher nur einen Platten hatte, vor allem aber mit Poesie. In der "Ode an die Straße" erzählt er, wie die Pinienbäume "in aller Stille flirten". Sogar zu "Heiratsanträgen" an die "üppige Natur" lässt sich der ledige Portugiese hinreißen.

Bei seinem Abenteuer will Freire insgesamt 15 Länder entlang der legendären Panamericana-Straße durchradeln. Bisher hat er im Schnitt knapp 100 Kilometer pro Tag geschafft. Es gibt aber auch "Ruhetage" - das heißt aber nicht, dass er dann die Füße hochlegt. "Ich will auch Tourismus machen, habe in Calgary meinen Freund Manuel besucht, der mit seinen Eltern vor 35 Jahren ausgewandert ist, will außerdem viel Neues kennenlernen", sagt er.

Allzuviel Zeit kann sich Freire für Sightseeing jedoch nicht nehmen, denn in gut zwölf Monaten muss er wieder am Schreibtisch sitzen, will er seinen Job nicht verlieren. "Meine Firma hat mir nach 18-jähriger Unternehmenszugehörigkeit ein Sabbatjahr gewährt, und ich hatte außerdem drei Monate Urlaub aufgespart", erzählt der schlanke Mann, der sich nur drei Wochen lang auf sein Abenteuer vorbereiten konnte. Er habe im Internet seine Route festgelegt, Straßenkarten gekauft und sich um Impfungen gekümmert. Trainiert habe er nicht.

dpa