Hitler und die Deutschen: Ausstellung zeigt "Führerkult"

Hitler und die Deutschen: Ausstellung zeigt "Führerkult"
Wie war Hitler möglich? Was hat ihn so populär gemacht? Im Deutschen Historischen Museum in Berlin soll das beantwortet werden: 65 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur steht das Wechselverhältnis von Führer und Volksgemeinschaft im Mittelpunkt einer Ausstellung.

Der Führerkult wirkte bereits ein Jahr vor der Machtübernahme. "Nimm doch die Blume von uns an, bitte, bitte! Lieber Onkel Hitler", schreibt 1932 ein Mädchen namens Erika. Und der achtjährige Klaus aus Chemnitz grüßt: "Mein lieber Freund Hitler! Ich gratuliere Ihnen zum Geburtstag." Kinderbriefe wie diese sind ab Freitag in der Ausstellung "Hitler und die Deutschen" im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.

Thematisiert werden dabei Bedingungen, Formen und Folgen von Hitlers Aufstieg und Herrschaft. Die Versprechen an das deutsche Volk ebenso wie die blinde Hitler-Verehrung, die euphorische Begeisterung und die Verstrickung breiter Bevölkerungsschichten in die nationalsozialistischen Greueltaten. Über allem steht dabei die Frage nach dem Warum. Oder anders herum formuliert: Was hat ihn so populär gemacht?

"Hitler hatte ein Gefühl für die Stimmungen der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg", erläutert die Historikerin und Kuratorin Simone Erpel. Der NSDAP-Führer sei durch sein Redetalent aufgefallen, konnte die mentalen Befindlichkeiten der Deutschen nach dem als Schmach empfundenen Versailler Vertrag für seine Interessen nutzen: "Viele haben in ihm den Retter gesehen."

"Mein Kampf" erschien in 16 Sprachen

Ihren Anfang nimmt die Ausstellung beim Führermythos der Weimarer Republik, in der Figuren wie Friedrich der Große oder Benito Mussolini zu Heilsbringern stilisiert wurden. Weitere Schwerpunkte sind die Gründung der NSDAP, die Entfaltung nationalsozialistischer Macht, Vernichtungskrieg und Rassenwahn. Dies geschieht stets unter dem Blickwinkel, wie die deutsche Gesellschaft auf die NS-Propaganda reagiert hat.

Dabei widerlegt die Ausstellung gängige Legenden, die über Hitler und die Deutschen in den zurückliegenden Jahrzehnten gestrickt wurden. Etwa, dass Hitlers "Mein Kampf" ein ungelesenes Buch gewesen sei. Gezeigt wird eine Ausgabe aus dem Besitz des Schriftstellers Gerhart Hauptmann, die mit zahlreichen Randnotizen versehen ist. Bis 1943 wurden insgesamt 9,84 Millionen Exemplare des Buches gedruckt, es erschien in 16 Sprachen.

Wie sehr der Führerkult in der Gesellschaft Raum gewann, zeigt ein von der Evangelischen Frauenhilfe zusammen mit der NS-Frauenschaft bestickter Wandteppich aus Rotenburg an der Fulda: Von oben und unten, von rechts und links laufen darauf Hitlerjungen, Männer in SA-Uniform, der Bund deutscher Mädel und unterschiedlich gekleidete Frauen auf eine Kirche zu. Der Marsch in Form eines Kreuzes versinnbildlicht: "Wir tragen das Hakenkreuz in die Kirche." Rund zehn Jahre, von 1935 bis 1945, hing der Teppich in der Rotenburger Jakobikirche.

Folgen der NS-Diktatur bis heute

"Wir arbeiten in der Ausstellung vor allem mit Propagandamaterial", sagt Erpel. In der Tat fehlt es kaum an NS-Devotionalien: Ein Lampion mit Hakenkreuz liegt da neben einer perlengestickten Geldbörse mit der Aufschrift "Heil Hitler". Zu sehen sind auch ein "Führer-Quartett", Zigarettenbilder zu den Olympischen Spielen 1936, NSDAP-Wochensprüche mit Hitler-Zitaten und ein Kinderbuch "Kinder, was wißt ihr vom Führer?".

Wie Nadelstiche sollen in der Ausstellung Propaganda und Aspekte der Gewalt entgegengesetzt werden, erklärt Erpel. Immer wieder brechen Filmaufnahmen, Plakate und Fotografien die NS-Agitation auf. Größtenteils kommentieren sich die Exponate selbst: So steht ein Grabstein mit eingraviertem Hakenkreuz dem Fragment eines Toravorhangs gegenüber. Vor Hans Schmitz-Wiedenbrücks Gemälde "Kämpfendes Volk" aus dem Jahr 1942 - der Krieg gegen die Sowjetunion ist in vollem Gange - liegen Stahlhelme als Kontrapunkt.

Dieser immer wieder dargestellte Kontrast ist es, mit dem die Ausstellung rechtsextremistischer Verehrung und Führerkult bis in die Gegenwart entgegenwirken will. Folgerichtig beschäftigt sich die Ausstellung in einem abschließenden Teil daher auch mit der Zeit nach 1945 und den Folgen der NS-Diktatur bis heute. Denn, so heißt es im Ausstellungskatalog: "Mit Hitler sind wir längst nicht fertig."

Die Ausstellung im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums ist bis 6. Februar 2011 täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen.

epd