Bewegung, Bewegung: Die Zukunft der digitalen Steuerung

Bewegung, Bewegung: Die Zukunft der digitalen Steuerung
Die Wii hat es vorgemacht, jetzt ist es der neue Standard: Bewegungssteuerung für Videospiele. Auf der Gamescom 2010 in Köln kann man die drei Techniken, die es in dem Bereich gibt, direkt nebeneinander spielen. Dabei zeigt sich, was geht und was nicht - und wie die Zukunft aussehen könnte.

Die Wii war ein Erfolg: Über 70 Millionen Mal hat sich Nintendos schnittige Heimkonsole weltweit verkauft. Dabei hatten viele Kritiker der Bewegungssteuerung zu Beginn einen schnellen Tod prophezeit. Aber die Wii setzte sich durch und zog Hausfrauen und Familienväter ebenso an wie klassische Gamer. Nintendo hat es geschafft, ein neues Publikum in die Welt der Videospiele zu bringen. Nun wollen Sony und Microsoft, die anderen beiden Konsolen-Hersteller, ein Stück vom dem Kuchen, den Nintendo mit der Wii gebacken hat. Auf der Gamescom zeigten beide, wo die Reise hingeht: Auf riesigen Messeständen dominierten Playstation Move und Microsoft Kinect das Auftreten.

Playstation Move ist im Grunde eine Kopie der Wii-Idee und funktioniert auch ganz ähnlich. Der Controller, eine röhrenförmigen Fernbedienung mit einem bunten Plastikball vornedran, wird von der Playstation-Kamera (dem "PSEye") erkannt und kann frei auf dem Fernseher bewegt werden. Tischtennisschläger, Hammer, Schwert oder frei beweglicher Mauszeiger: Der Move-Controller kann zu allem möglichen werden.

Anders sieht's aus bei Microsofts Kinect. Das Gerät mit dem seltsamen Namen enthält ebenfalls eine Kamera. Aber anders als bei Sony wird damit nur der Spieler selbst aufgenommen. "Du bist der Controller" ist Microsofts Slogan dafür. Microsoft verspricht, dass auf dem Bildschirm das gleiche passiert, was man davor tut.

Playstation Move: Schwert, Schild und Mauszeiger

Funktioniert das auch? Fangen wir mit Sony an: Da gibt es ein uneingeschränktes Ja. Die Technik ist stabil, lässt sich nicht aus der Fassung bringen und kann tatsächlich echte 1-zu-1-Übertragung der Bewegung aus dem Handgelenk. An der Fernbedienung und dem dazugehörigen einhändigen Joystick sind (wie bei der Wii) ganz normale Controller-Knöpfe. Mit "Heroes on the Move" und "Sports Champions" demonstrierte Sony, dass es wirklich funktioniert. Man ist sofort drin im Spiel, und wer nicht richtig ausholt, kriegt auch im Spiel nur einen schwächlichen Ball übers Netz oder sein Schwert nicht angehoben. Man kann sich drauf verlassen, dass Move genau das macht, was man will.

Besonders eindrucksvoll war das bei der Demo von "Ruse", einem neuen Strategiespiel rund um den zweiten Weltkrieg. Einheiten auswählen, Ziele auswählen, die Karte bewegen, rein- und rauszoomen: Nach zwei Minuten Eingewöhnung läuft das wie am Schnürchen. Für Echtzeitstrategie-Spiele ist das auf Konsolen eine neue Erfahrung. Im Vergleich zu "Halo Wars", das noch mit dem klassischen Controller gespielt wurde, ist es eine deutliche Steigerung. Mit der PC-Maus kann Move aber doch noch nicht mithalten, das ergab der direkte Vergleichstest: Man ist einfach noch präziser, wenn man die Hand nur in zwei Dimensionen bewegen muss statt in drei.

"Ruse" bewies zugleich, dass Sony die Bewegungssteuerung überall einbauen will, nicht nur in die bereits erwähnte leichte Spielkost. Die Demo zu "Socom 4" unterstrich das noch einmal. Der traditionelle Ego-Shooter ließ sich auf der Gamescom auch mit der neuen Steuerung spielen. Es geht, und es geht sogar sehr gut.

Move erscheint am 15. September in Europa. Das Starterpaket mit Kamera, Move-Controller und Spieldemos kostet etwa 57 Euro, ein zusätzlicher Navigation-Controller (der Joystick) kostet 31 Euro.

Microsofts Kinect: Fitness, Tanz und süße Plüschtierchen

Sonys Steuerung fühlt sich im Grunde traditionell an. Die Spiele, die darunter liegen, könnte man auch mit einem normalen Controller spielen. Das ist bei Microsofts Kinect anders. Die Spiele, die Microsoft auf der Gamescom zeigte, ergeben teilweise keinen Sinn mehr, wenn man sie mit einem Controller spielte. Microsoft will den Spieler vom Sofa holen, schließlich kann man Kinect-Spiele bisher nur im Stehen spielen. Traditionelle Videospiele hat Kinect erstmal nicht im Angebot, dafür gibt es "Kinect Sports Adventures" als Beilage zu Kinect. Damit kann man dann Wildwasser-Rafting simulieren und sich bei anderen Minispielen den Rücken und die Knie verbiegen.

Interessanter ist "Kinectimals". Microsofts virtuelles Haustier kann man streicheln, durch die Gegend schicken, auf einem Hindernis-Parcour begleiten und dabei auch ordentlich ins Schwitzen kommen, wenn man ernsthaft mitmacht. Zwar funktioniert die Bewegungserkennung nicht immer auf Anhieb, aber angesichts des knuddeligen Kuschellöwens auf dem Bildschirm fällt das nicht weiter auf.

Das sind aber nur Kleinigkeiten, die auf der Gamescom nicht lange fesseln konnten. Vielversprechender waren zwei andere Titel. "Your Shape: Fitness Evolved" von Ubisoft zeigte, dass Kinect wirklich einzigartig sein kann. Die Kamera zeigt dem Spieler den eigenen Umriss und lässt dann eine Reihe von Fitness-Spielen und Übungen auf den Spieler los. Das macht richtig Spaß. Zwar macht man sich bei Tai Chi erstmal zum Affen, wenn zehn andere Gamescom-Besucher um die Plexiglas-Boxen herumstehen, in denen Kinect-Spiele laufen. Aber es macht Spaß, farbige Kästen weg zu boxen und zu treten und anschließend mit der Anzeige des Kalorienverbrauchs belohnt zu werden.

Der andere große Hit für Kinect ist "Dance Central". Nachdem "Just Dance" auf der Wii einen Überraschungserfolg hinlegte und "Dance Dance Revolution" immer noch als Krönung des Tanz-Genres gilt, war es an der Zeit für einen würdigen Nachfolger. "Dance Central" ist dieser Nachfolger. Wenn man sich genau wie das Vorbild auf dem Bildschirm bewegt, gibt's Punkte – wer 100 Prozent erreicht, legt damit eine richtig heiße Sohle auf's Parkett. Man bleibt damit vielleicht besser unter Freunden, statt sich öffentlich zu verrenken, aber dann macht's wirklich Spaß.

Kinect fühlt sich an wie etwas wirklich Neues

Das Verbiege und Gehopse mutet bei "Kinect Adventures" eher seltsam an, aber bei "Dance Central" ergibt es alles einen Sinn. Die Körpererkennung funktioniert, mal sehr gut, mal weniger gut, aber selbst für Tai-Chi-Figuren reicht es aus. Die unmittelbare Interaktion mit dem Bildschirm ist sehr ungewohnt, fühlt sich aber gut an. Schade, wenn sie nicht immer funktioniert, wie in der Kinectimals-Demo, aber die ist ohnehin so niedlich, dass das auch nicht weiter auffällt.

Immer wenn Kinect wirklich jede relevante Bewegung erfasst, wie bei "Your Shape: Fitness Evolved", hat man das Gefühl, vor etwas wirklich Neuem, Revolutionären zu stehen. Wie genau man Kinect in traditionelle Spiele einbauen könnte, hat aber auch Microsoft noch nicht gezeigt. Vielleicht muss das aber auch gar nicht sein. Denn was Kinect jetzt schon kann, ist ziemlich cool, von der Menüführung (einfach die Hand ausstrecken) bis zur schweißtreibenden, spaßigen Fitness-Sitzung.

Was Kinect noch im Weg steht, ist der Preis. Wenn die High-Tech-Kamera im November erscheint, schlägt sie mit 150 Euro zu Buche, dafür braucht man keine zusätzlichen Controller. Ob das den meisten Spielern zu teuer ist, wird sich zeigen.

Die Wii muss gucken, wo sie bleibt

So oder so: Bewegungssteuerung ist nicht mehr wegzudenken aus dem Spielemarkt. Sie ist aber auch noch lange nicht so weit, den traditionellen Controller komplett abzulösen. Sonys Move macht dabei eher kleine Schritte in den Fußstapfen der Wii, Microsoft wagt sich mit Kinect ein großes Stück weiter vor. Kinect ist definitiv das spannendere Abenteuer – und hat auf der Gamescom bisher mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen als Move. Und die Wii? Die muss gucken, wo sie bleibt. Die nächste Innovation bringt Nintendo auf einem anderen Feld ins Spiel, nämlich mit dem 3DS – der ersten tragbaren Spielekonsole mit 3D-Effekt.


Hanno Terbuyken ist Redakteur bei evangelisch.de und hat auf der Gamescom in so einem Plexiglas-Käfig mit Kinect öffentlich beim Tai Chi versagt.