Urlaubsträume: Lieber billig statt umweltverträglich

Urlaubsträume: Lieber billig statt umweltverträglich
Am liebsten verreisen die Deutschen pauschal und so günstig wie möglich. Das geht am besten Last Minute. Wie aber sind diese billigen Preise überhaupt möglich? Nicht ganz so billig, aber als Pauschalurlaub gibt es auch umweltverträgliche Reisen. Obwohl sie bisher ein Nischenprodukt sind.
12.08.2010
Von Maike Freund

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Endlich. Für diejenigen, die sich bisher noch nicht für ein Reiseziel entschieden haben, locken Last-Minute-Angebote zu Schnäppchenpreisen. Sieben Tage Türkeiurlaub All Inklusive ab 299 Euro oder eine Woche Costa Brava, Halbpension ab 240 Euro. Doch nur wenige denken darüber nach, wie sollche Preise zustande kommen können.

Was sich auf dem Reisemarkt abspielt, ist nichts anderes als betriebswirtschaftliche Kalkulation. "Der Preis wird bestimmt durch die Kosten, den Wettbewerb und die Nachfrage. Für die Reisebranche noch durch den zusätzlichen Aspekt der Kapazität", sagt Hans Rück. Das heißt: Sind Hotels und Flüge nicht ausgelastet, fällt der Preis.

Hans Rück, Professor für Marketing und allgemeine Betriebswirtschaftslehre im Fachbereich Touristik/Verkehrswesen an der Fachhochschule Worms, erklärt, dass Preise wie die oben genannten nicht gewöhnlich sind. Sie entstehen durch eine Mischkalkulation. "In der Regel bekommen die Kunden, die früh buchen, ihre Reise besonders billig. Wer spät bucht, zahlt mehr", sagt Rück.

Überkapazitäten in Urlaubsregionen

Nun gibt es aber – besonders in den typischen Urlaubsregionen der Deutschen – das Problem der Überkapazität, die durch billige Last Minute Angebote abverkauft wird. "Denn unter bestimmten Bedingungen kann es für den Hotelbesitzer besser sein, Kapazitäten zu füllen – wenn auch ohne Gewinn – als sie leer stehen zu lassen", sagt Rück. Der Anbieter verdiene zwar nichts an Übernachtung und Verpflegung, möglicherweise aber an den Getränken, die der Kunde an der Bar zu sich nehme und die nicht mehr zum All-Inklusive-Angebot gehören. So werden auch Kampfpreise wie bei der oben genannten Türkeireise möglich.

Dass die Preise so niedrig sind, hat auch mit der Nachfrage zu tun: "Die Nachfrager wollen es billig, billig, billig", sagt Rück. Das habe auch makroökonomische Gründe: "Finanzkrise und Arbeitslosigkeit lassen viele mehr aufs Geld schauen. Ein Beispiel: Vor zwei Jahren war es plötzlich wieder In, die Ferien Zuhause in Deutschland auf dem Campingplatz zu verbringen." Aber auch die, die es sich leisten können, hätten sich dem "Volkssport" angeschlossen, so billig wie möglich in den Urlaub zu fahren.

Trotzdem: Lieber als auf den heimischen Campingplatz fahren die Deutschen nach Spanien. Die Reiseanalyse Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (FUR) ergab: Sowohl 2008 als auch 2009 waren die liebsten Urlaubsziele der Deutschen für Pauschalreisen Spanien und die Türkei, gefolgt von Italien, Ägypten und Griechenland. Rund 64,8 Millionen Urlaubsreisen wurden 2009 gebucht, darunter nahmen Pauschalreisen mit 41,4 den größten Anteil ein. Und: Entscheidend für die Wahl der Reise ist häufig der Preis.

Häufig geht es um "Nacktpreise"

Das machen sich viele Anbieter – wie Billigairlines und Pauschalanbieter –zu ihrem Motto. Rück nennt ihre Preise "Lockangebote", denn der Kunde bekäme zwar beispielsweise eine einwöchige Kreuzfahrt inklusive Verpflegung, alles andere, die Massage, das Spezialitätenrestaurant, das Spielkasino müssten extra bezahlt werden. "Die Anbieter nehmen immer mehr Details aus dem Angebot heraus, um sie extra bezahlen zu lassen", sagt Rück. So wie beim Billigflieger: Der Flug sei zwar unter Umständen sehr günstig. Hinzu kämen aber die Gebühren fürs Gepäck. Die angebotenen Preise seien also "Nacktpreise".

Natürlich gibt es auch Kunden, für die der Preis nicht ausschlaggebend ist, "für den der Treiber nicht das Geld ist, sondern die Qualität ist", sagt Rück. Oder zum Beispiel die Umweltverträglichkeit. Eine Studie des WWF ergab: Fünf Prozent der Deutschen zählen sich zu Kunden der Reiseveranstalter, die umweltverträgliche Reisen im Programm haben. Acht Prozent der Befragten gaben an, explizit Reisen zu buchen, die bestimmte Umweltstandards berücksichtigen.

Acht Prozent – trotz Klimawandel – ist nicht gerade viel. Das liegt unter anderem auch am Preis. Denn bisher sind umweltverträgliche Reisen, also Reisen, die durch Anreise, Verpflegung, Hotel und Verhalten der Urlauber vor Ort versuchen, so klimaneutral wie möglich zu sein, teurer als andere Reisen. Und der Preis ist – siehe oben – eines der ausschlaggebenden Kriterien für den Urlaub. "Tendenziell gilt: Menschen mit höherer Bildung und höherem Einkommen sind angesichts des Klimawandels überraschend wenig bereit ihr Reiseverhalten zu Gunsten umweltfreundlicherer Alternativen zu ändern", so die Studie.

Veranstalter bieten nicht offensiv genug an

"Es gibt es durchaus auch Pauschalreisen, die nachhaltig sind", sagt Martina Kohl, verantwortlich für den Bereich Tourismus beim WWF. Das Problem: Insgesamt werden umweltverträgliche Reisen von Veranstaltern nur wenig offensiv angepriesen. Das läge auch daran, dass die Reisebüros nicht darauf trainiert seien, solche Angebote zu machen, sagt Kohl. Also müssten Verbraucher aktiver werden und die vorhandenen Quellen nutzen. Zum Beispiel die Umweltbeauftragten der Reiseunternehmen oder die Umwelt-Zertifizierungen. Wer umweltverträglich Reisen will, sollte auf bestimmte Kriterien achten. Kohl: "Eine Flugreise sollte im angemessenen Verhältnis zur Dauer stehen. Wer kann, sollte für die Anreise auf die Bahn umsteigen. Außerdem sollte der Urlauber auf bestimmte Standards in den Hotels achten: Haben sie ein vernünftiges Wassermanagement? Beziehen sie die Verpflegung aus dem lokalen Umfeld oder lassen sie es einfliegen?"

Trotzdem gilt: Klimaneutralen Urlaub gibt es nicht. Damit nachhaltiger Urlaub trotz Flugreise möglich ist, dafür gibt es neben bewusstem Verhalten Kompensationszahlungen, also freiwillige Abgaben an Umweltprojekte, die CO2-reduzierend wirken. Doch auch die haben sich bisher – so wie umweltverträgliches Reisen – noch nicht durchgesetzt. Laut WWF zahlten 2009 nur 3,1 Prozente der Deutschen eine Abgabe. Umweltverträgliches Reisen bleibt wohl erst einmal noch ein Nischenmarkt.


Mehr zum Thema umweltverträgliches Reisen, Zertifizierung und Kompensationszahlungen gibt es unter www.atmorfair.de, www.forumandersreisen.de und www.wwf.de.