Eine Entschuldigung von kirchenhistorischer Bedeutung

Eine Entschuldigung von kirchenhistorischer Bedeutung
Die grausame und blutige Verfolgung der christlichen Täuferbewegung im 16. Jahrhundert gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Reformationszeit. Die Lutheraner haben sich diesem Kapitel jetzt gestellt und sich für die Exzesse von damals entschuldigt.

Am Donnerstag bat der Lutherische Weltbund (LWB) auf seiner 11. Vollversammlung in Stuttgart die Freikirche der Mennoniten, dem Hauptzweig der Nachfahren der Täuferbewegung, um Vergebung. Einstimmig wurde eine entsprechende Erklärung verabschiedet. Viele Delegierte knieten sich während des Votums als Zeichen der Demut und Reue nieder, unter ihnen auch LWB-Präsident Mark S. Hanson. Er umarmte danach den Präsidenten der Mennonitischen Weltkonferenz, Danisa Ndlovu aus Zimbabwe. Anschließend feierten Lutheraner und Mennoniten gemeinsam einen Gottesdienst.

Mit Hilfe theologischer Argumente auch von Martin Luther und Philipp Melanchthon war die Verfolgung damals gerechtfertigt worden. Als einer der ersten Anführer der Täufer gilt der Schweizer Georg Blaurock. Er wurde 1529 in Tirol auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 1530 erschien in Augsburg die "Confessio Augustana", eine grundlegende Bekenntnisschrift der Lutheraner. Darin heißt es: "Deshalb werden die Wiedertäufer verworfen, die lehren, daß die Kindertaufe nicht recht sei." Bis heute werden lutherische Pastoren auf dieses Bekenntnis ordiniert.

Die Täufer gelten auch als "linker Flügel" der Reformation. Sie setzten sich für radikalere soziale Reformen im Christentum ein als etwa die Reformatoren Martin Luther und Ulrich Zwingli. Radikale und zum Teil fanatische Formen der Täufer-Bewegung hatten im 16. Jahrhundert zur Verfolgung der Anhänger geführt, die vielen Tausenden Menschen das Leben kostete - "Wer widerruft, wird geköpft; wer nicht widerruft, wird verbrannt", hieß es in einem staatlichen Edikt. Viele mussten ihre Heimat verlassen. Im 16. Jahrhundert wurden die Täufer sowohl von den katholischen wie den evangelischen Landesherren verfolgt. Weltweit hat die Freikirche nach eigenen Angaben heute mehr als eine Million Mitglieder, viele leben in den USA und Kanada. In Europa gibt es rund 62.000 mennonitische Christen, in Deutschland mehr als 30.000.

Nach Menno Simons benannt

Die Mennoniten erinnern mit ihrem Namen an den niederländisch-friesischen Theologen Menno Simons (um 1496-1561). Da sie schon früh gegen jede Form von Krieg und Gewalt ihre Stimme erhoben und sich bis heute auf einen "absoluten Gewaltverzicht" berufen, gelten sie als eine der historischen Friedenskirchen. Die Mennoniten-Gemeinden lehnen kirchliche Ämterhierarchien ab, die Ortsgemeinde ist weitgehend autonom. Zudem wird eine klare Trennung von Kirche und Staat befürwortet. Kennzeichen der Gemeinden ist die Taufe von mündigen Menschen statt von Kleinkindern. Wenn eine Person in die Gemeinde eintritt, die als Kind getauft wurde, sei die Bekenntnistaufe jedoch keine Bedingung, heißt es in einer Stellungnahme. Der verbreitete Begriff "Wiedertäufer" wird von den Mennoniten als polemisch zurückgewiesen.

Der Erzbischof von Canterbury und Oberhaupt der Anglikaner, Rowan Williams, würdigte die Vergebungsbitte bereits als Vorbild für andere Kirchen. Der Ökumene-Experte Fernando Enns bezeichnet sie als kirchenhistorisch bedeutsames Ereignis. "Es ist ein ganz wichtiger Schritt innerhalb der Ökumene", sagte der mennonitische Theologe dem epd. Allerdings müsse man sich "wundern, dass es bis ins 21. Jahrhundert gedauert hat, bis der Lutherische Weltbund offiziell diese große Schuld in seiner Geschichte anerkennt", räumte Enns ein, der auch Mitglied im Zentralausschuss des Weltkirchenrates ist.

Vergebungsbitte in dieser Form neu

Zu vergleichen ist das Vorgehen der Lutheraner vielleicht mit der Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II. (1920-2005). Im Petersdom hatte er im Jahr 2000 für die Fehler und Vergehen der Christen in der Vergangenheit um Verzeihung gebeten. Das Kirchenoberhaupt beklagte Kirchenspaltungen und den Einsatz von Gewalt bei der Verkündung des Evangeliums. Johannes Paul II. kritisierte zudem das Misstrauen und die Feindseligkeit, mit denen Christen in der Kirchengeschichte Angehörigen anderer Religionen oftmals begegnet sind. Dabei benannte er auch Vergehen gegenüber dem Judentum. Dass aber eine Kirche eine andere konkret um Verzeihung bittet, ist in dieser Form neu.

epd