Wenn es in kirchlichen Kontexten um Themen wie Rassismus oder Queerfeindlichkeit geht, wird ihnen schnell das große Wort „Liebe“ gegenübergestellt. Und so wird auch der Slogan „Liebe tut der Seele gut“ bei Kirchen verwendet, um sich mit der queeren Community zu solidarisieren.
Mich hat dieser Slogan nie glücklich gemacht. Denn abgesehen davon, dass letztlich nur bestimmte Liebesformen in den Genuss dieses Mantels der Liebe kommen und nicht auch geschlechtliche Identitäten, ist Liebe in diesen Zeiten und auch generell nicht ausschließlich wohltuend, sondern vor allem riskant. Für mich ist diese Glorifizierung von Liebe verkürzt.
In diesem Zusammenhang geht es kirchlicherseits vor allem um die sogenannte Nächstenliebe. Wenn die Evangelische Kirche sich also an die Seite queerer Menschen stellt, dann fallen Sätze wie „Jesus lädt die Schwachen und Ausgeschlossenen“ ein. Eben in seiner unermesslichen Liebe. Dabei wird das Machtgefälle mitgenommen und die Menschen, um die es geht, werden weiter kleingehalten. Ich erkenne Muster, die auch in der interreligiösen Arbeit auftauchen. Letztlich fehlt die Augenhöhe. Menschen marginalisierter Gruppen werden aus Liebe mit aufgenommen. Und am Ende müssen wir Queers dafür dankbar sein.
Tash Hilterscheid ist Pfarrperson für Queersensible Bildungsarbeit in der Nordkirche. Ein wesentliches Thema dieser Arbeit ist die Sensibilisierung kirchlicher Akteur*innen für geschlechtliche Vielfalt. Bei Instagram ist Tash auch unter @und_alles_dazwischen.de zu finden. Hier teilt Tash persönliche Erfahrungen als nichtbinäre Person.
Der Begriff „schwach“ wird aus Luthers Bibelübersetzung übernommen und meint natürlich Menschen, die durch bestimmten Machtstrukturen klein und schwach gehalten werden. Sie sind nicht von sich aus schwach. Das ist ein großer Unterschied.
Queere Menschen sind nicht schwach! Im Gegenteil. Gerade Menschen, die es gewohnt sind, sich gegen Normen zu stellen und sich Orte zu schaffen, die nicht vorgesehen sind, haben eine enorme Resilienz und Kraft. Und tatsächlich bringen sie meines Erachten Ressourcen mit, von denen unsere Gesellschaft und Kirche viel lernen kann. Ich glaube nicht, dass die Kirche uns helfen oder retten muss. Auch nicht vor den rechtspopulistischen und radikalen Strömungen. Sie muss sich selbst retten. Und dabei können gerade die Menschen, die Teil marginalisierter Gruppen sind, inspirierend sein.
Ich habe immer mehr den Eindruck, dass sich auch in der queeren Bildungsarbeit und Forschung zu queeren Lebensweisen und Identitäten eine Art Defizitperspektive eingeschlichen hat. Denn wenn es um Vielfalt geht, wird vor allem von Diskriminierung berichtet. Ich tue das ebenfalls. Minderheitenstress und steigende queerfeindliche Gewalt sind wichtige Argumente, um die Notwendigkeit einer quersensiblen Perspektive zu verstehen. Zugleich besteht aber die Gefahr einer einseitigen negativen Sicht, die all die Ressourcen queerer Menschen und ihrer Community verdecken.
Menschen marginalisierter Gruppen haben enorme soziale und individuelle Ressourcen. Gerade weil wir oft nicht auf familiäre Unterstützung zurückgreifen können, gewinnen andere Bezugspersonen und die Community an Bedeutung. Die Peer-to-Peer-Unterstützung führt zu einer anderen Art der familiären Bindung. Wir sind aufeinander angewiesen - insbesondere, wenn es um Informationen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt geht. Fragen sind willkommen und Antworten dürfen vorübergehend sein. Und gerade in diesen Kontakten sind Gefühle wie Trauer, Ängste und Unsicherheiten nichts, was überspielt werden muss. Ich persönlich halte das für vorbildlich.
Auf der individuellen Ebene können diese Ressourcen in Kompetenzen umgewandelt werden. Sich selbst Informationen zu holen und Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen, erweitert den eigenen Horizont. Wenn es zuvor vor allem um die Perspektiven der anderen ging, darf es jetzt wohlmöglich erstmals um ganz andere Sichtweisen gehen. Wenn es keine Räume gibt, die uns entsprechen, gestalten wir sie selbst. Wenn das keine Kompetenz ist! Im besten Fall kann ein Selbstbewusstsein entstehen, nicht im Sinne von Sicherheit, sondern mit der Betonung auf Bewusstsein. Wir wissen, wer wir sind. Nicht weil uns jemand anderes gesagt hat, wer wir sind, sondern weil wir es uns erkämpft haben. Und das stärkt die eigene Widerstandsfähigigkeit. Und am Ende dann auch die Fähigkeit auf sich selbst stolz sein zu können, sich zu feiern.
Wenn ich von Biografien queerer Menschen erfahre, dann bin ich immer wieder beeindruckt von ihrer Stärke, ihrer Beharrlichkeit, ihrer Kreativität und ihrem Mut. Und auch in diesem Fall ist Mut nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Erkenntnis, dass etwas anderes wichtiger ist. Das Leben zu schätzen und zu ehren als das, was es ist: ein Geschenk! Eben weil wir um die eigene Verletzlichkeit wissen. Eben weil wir wissen, dass Privilegien nicht selbstverständlich sind. Und wenn es uns dann noch - und trotz allem - gelingt, ein weiches Herz zu bewahren, dann ist das stark.
Ich schreibe diese Zeilen einige Tage nach der Wahl in Sachsen-Anhalt. Und gerade vor diesem Hintergrund halte ich es für wichtig, dass wir uns auf unsere eigene Kraft besinnen, statt darauf zu hoffen, dass wir aus Liebe mitgenommen werden. Wir sind es, die etwas zu geben haben. Wir sind stark! Und gesegnet sowieso!




