Was können Gemeinden für Flüchtlinge tun? - Teil 3

Was gibt es zu beachten, wenn Flüchtlinge sich taufen lassen möchten?

Foto: Anika Kempf/evangelisch.de

Was gibt es zu beachten, wenn Flüchtlinge sich taufen lassen möchten?

Viele Kirchengemeinden, etwa in Hamburg, Frankfurt am Main oder im nordrhein-westfälischen Burbach, haben obdachlose Menschen aufgenommen oder unterstützen Flüchtlinge auf andere Weise. Wie können Gemeinden aus den bisherigen Erfahrungen lernen? Ein Leitfaden.

"Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen." (3 Mose 19,33)

Rat und Seelsorge

Kirchengemeinden, die entweder in Erwägung ziehen, Flüchtlinge aufzunehmen, oder sich bereits dafür entscheiden haben, erhalten hier Unterstützung: In der Regel haben die Kirchenkreise sowie die Landeskirchen Flüchtlingsbeauftragte, die in speziellen Fragen weiter helfen können.

Die Flüchtlinge selbst brauchen ebenfalls Informationen: Darf ich bleiben und wenn ja, wie lange? Darf ich arbeiten? Muss ich einen Asylantrag stellen, und wenn ja, wo? Diese Fragen können Kirchengemeinden in der Regel nicht selbst klären. Auch um die psychische Verfassung der Männer, die seit Monaten oder Jahren durch Europa irren, können sich die Gemeinden nur bedingt selbst kümmern. "Da fehlt uns die Fachkenntnis und die Zeit", sagt  Ulrich Schaffert aus Frankfurt. Professionelle Beratungen können kirchliche oder kommunale Fachdienste leisten, die es in jeder (größeren) Stadt gibt. In Frankfurt waren die Kirchengemeinden froh, ihre 22 Flüchtlinge an den Evangelischen Regionalverband (ERV) verweisen zu können.

Pfarrer Jürgen Mattis leitet beim ERV den Fachbereich "Beratung, Bildung, Jugend". Ihm ist zunächst wichtig, dass jeder willkommen ist: "Wir teilen die Menschen nicht ein. Es gilt der Status 'Mensch'. Dabei spielt es keine Rolle ob jemand Asylbewerber oder illegal ist", sagt Mattis. Die Flüchtlinge erhalten auf Wunsch eine verfahrensrechtliche und psychosoziale Beratung - über die Einzelheiten herrscht Schweigepflicht. Außerdem hat die Migrations- und Flüchtlingsberatung des Regionalverbandes das Projekt "Socius" ins Leben gerufen. Dabei begleiten ehrenamtliche Mentoren Flüchtlinge in ihrem Alltag, im Schnitt zwei Stunden pro Woche: Zum Beispiel kommen sie mit zu Behörden oder unternehmen in der Freizeit etwas gemeinsam. In vielen anderen Städten gibt es ähnliche Initiativen, so sucht das Hemminger Netzwerk für Flüchtlinge noch freiwillige Helfer.

Manche Migranten brauchen als erstes eine Traumatherapie, sagt Thomas Broch, der Flüchtlingsbeauftragte der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Um den traumatisierten Menschen professionelle Hilfe anzubieten, sollen Gemeinden am besten Kontakt zu Psychiatriezentren aufnehmen, empfiehlt er. Tanz- oder Musiktherapie seien besonders sinnvoll, weil sie ohne viele Worte auskommen. Für die tägliche Betreuung der Flüchtlinge - Freizeitgestaltung, Sprachunterricht, Hausaufgabenhilfe - ist in Rottenburg-Stuttgart ein Netz von Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen aufgebaut worden.

Motivation für Helfer

Die vielen ehrenamtlich und professionell Helfenden in Rottenburg-Stuttgart sollen ihrerseits Supervision erhalten, "sonst sind sie irgendwann frustriert und werfen das Handtuch", sagt der Flüchtlingsbeauftragte Thomas Broch. Sieghard Wilm aus Hamburg bestätigt das: "Wir erfahren hier viel über das Elend der Flüchtlinge, wir sind betroffen. Aber wir versuchen, auch Spaß miteinander zu haben, Feste zu feiern. Sonst ist die Gefahr für ein Burn Out oder in ein Loch zu fallen viel größer. Und wir wollen die Flüchtlinge nicht nur als Opfer sehen, das ist wichtig."

Sieghard Wilm rät, sich nicht von dem anfänglichen Chaos entmutigen zu lassen. "Natürlich gab es Momente der Ratlosigkeit und Ohnmacht". Aber man müsse die Angst vor Kontrollverlust ablegen. Die Erfahrung zeige im Gegenzug, dass neue Räume für das Ehrenamt entstehen, Kräfte geweckt werden. "Insofern kann man die Flüchtlingsarbeit durchaus als Gemeindeaufbau sehen."

Religion und Spiritualität

In Burbach haben evangelische Christen zusammen mit Sozialarbeiter George Batawila einen Andachtsraum für kleine Feiern und Gottesdienste in der Notunterkunft - einer ehemaligen Kaserne - eingerichtet. "Ich habe gesehen, dass die Leute total hoffnungslos hierher kommen", sagt Batawila, der selbst katholisch ist. "Ob man an Gott glaubt oder nicht: Im Menschen steckt etwas, wenn er durch Schwierigkeiten geht, wendet er sich sofort an Gott. Und dann ist es wichtig, dass in einer Einrichtung wie unserer die Kirche da ist." Die Gemeinden vor Ort halten in dem Raum Andachten und bieten religiöse Schriften in verschiedenen Sprachen an.

Dabei ist es wichtig, jegliche Missionsversuche zu vermeiden. In Burbach haben sich die evangelischen Christen mit der Einrichtungsleitung darauf verständigt, dass sie über Glaubensinhalte informieren und für Seelsorge bereitstehen. Religion in der Flüchtlingsunterkunft kann nur ein Angebot sein, das die Menschen je nach ihrem Bedürfnis aus freien Stücken wahrnehmen - oder auch nicht. Neben dem christlichen Andachtsraum gibt es in der Unterkunft einen Moscheeraum für muslimische Flüchtlinge.

Hin und wieder kommt es vor, dass Flüchtlinge oder Asylsuchende getauft werden wollen. Sie kommen in den Gottesdienst der nächsten Kirchengemeinde und stehen plötzlich mit ihrem Anliegen vor dem Pfarrer - so, wie es in Burbach schon mehr als 20 Mal vorkam. "Bisher habe ich jeden getauft, der das wollte", sagt Pfarrer Thomas Walter und fügt hinzu: "Uns als Gemeinde hat das gut getan. Da wird nachvollziehbar, warum es Asylrecht geben muss!" Die Täuflinge stammen oft aus Ländern, in denen sie ihren christlichen Glauben kaum oder gar nicht frei leben können. In Burbach waren es bisher einige aus dem Iran, andere kommen aus Afghanistan, Pakistan, Vietnam, der Türkei, Syrien, Ägypten.

Zum Umgang mit Taufbegehren von Flüchtlingen hat das Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zusammen mit der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) eine Handreichung herausgegeben. Zuerst, so die Empfehlung in der Broschüre, sollten die Pfarrer herausfinden, ob das Bekenntnis zum Christentum ernst gemeint ist oder nur dazu dienen soll, den Aufenthalt in Deutschland zu sichern. Eine Taufe schützt nicht automatisch vor Abschiebung und kann unter Missbrauchsverdacht geraten.

Will ein Flüchtling ernsthaft getauft werden, braucht es Zeit für Gespräche, Seelsorge und Unterricht: Woher kommt der Flüchtling? Wie ist bisher sein religiöser Hintergrund? Was weiß er über den christlichen Glauben? Wenn mehrere Erwachsene getauft werden möchten, bietet sich ein gemeinsamer Taufunterricht an. Bibeln in den Muttersprachen sollten besorgt werden. Die Taufe selbst kann im Gemeindegottesdienst oder im kleineren Rahmen stattfinden. Täuflinge sollten zu ihrem Schutz nicht namentlich und mit Foto in den Medien vorkommen, insbesondere wenn sie in ihrer Heimat verfolgt wurden.