Mit Baby in der Gewalt der Terrormiliz

Eine junge Mutter berichtet über ihre Gefangenschaft
Mariam Suleiman mit ihrer zweieinhalb Jahre alten Tochter Aisha im Transitcamp Mubi, Adamawa State, Nigeria.

Foto: epd-bild/Andrea Staeritz

Mariam Suleiman mit ihrer zweieinhalb Jahre alten Tochter Aisha im Transitcamp Mubi, Adamawa State, Nigeria.

Mariam Suleiman hält ihr zweieinhalb Jahre altes Mädchen fest auf dem Schoß. Sie lässt die kleine Aisha erst los, als sie über ihr Martyrium zu sprechen beginnt. Die Worte kommen monoton und emotionslos. "Wir rannten und rannten um unser Leben", sagt die 23-jährige Nigerianerin über ihre Flucht vor der Terrormiliz Boko Haram. Die Muslimin trägt einen großen weißen Schleier, so dass zwar ihr Gesicht voll zu sehen ist, aber keine einzige Haarsträhne.

Die Aufständischen hatten ihr 30.000-Einwohner-Städtchen Pulka im Norden des afrikanischen Landes im März 2015 zum zweiten Mal erobert. Suleiman hatte beim ersten Mal noch abgewartet. Aber nun war sie geschieden, ihr Ex-Mann in die Großstadt gezogen. Sie wollte fliehen, lief aber geradewegs in die Arme der Terroristen, mit ihrem Säugling im Arm.

Suleiman wurde zusammen mit weiteren Frauen in den Wald verschleppt. "Wir haben ein halbes Jahr unter einem Baum gesessen, unter ständiger Bewachung von Maschinengewehren", sagt sie und beugt sich nach vorn, als wollte sie sich unter ihrem Stuhl verkriechen. Sie erinnert sich, dass die Gefangenen einen Koran zum Lesen bekamen. 

"Ich habe gesehen, wie sie einen Mann abgeschlachtet haben"

Boko Haram bekennt sich zur Terrormiliz "Islamischer Staat" und rechtfertigt seine Gewalt damit, einen Gottesstaat errichten zu wollen. Die Organisation wird für 20.000 Tote verantwortlich gemacht. Die Armee erklärte die Aufständischen für nahezu besiegt, aber Ende Juli demonstrierten sie mit einem schweren Anschlag auf einen Konvoi neue Stärke.

Ab und an bekamen Suleiman und die anderen Frauen etwas zum Kochen. Wenn die Kämpfer loszogen, blieben immer einige Bewacher zurück. Fluchtversuche wurden streng bestraft. "Ich habe gesehen, wie sie einen Mann abgeschlachtet haben, der versucht hat zu fliehen", sagt Suleiman. "Aber wir Frauen wurden nur ausgepeitscht." Als sie weiterspricht, spielt sie mit Steinchen und Sand auf dem Boden: "10 bis 20 Peitschenhiebe gibt es, wenn jemand außerhalb des Geländes geschnappt wird."

Boko Haram macht entführte Frauen und Mädchen zu Sexsklavinnen oder missbraucht sie als Geiseln, um von der Armee oder Regierung Zugeständnisse zu erpressen. Suleiman wurde samt Kind einem der Milizionäre übergeben. Das sei ein Schutz vor willkürlichen Übergriffen gewesen, sagt sie. Natürlich habe sie auch gekocht und für ihn gewaschen. Doch das war nicht das Schlimmste: Sie sei eingeschlossen gewesen, und nachts sei der Kämpfer über sie hergefallen.

Die Rede war von Heirat, aber in Wirklichkeit war es eine Erlaubnis zu Vergewaltigungen: Boko Haram setzt sexuelle Gewalt systematisch als Waffe ein, um die Bevölkerung zu terrorisieren. Suleiman sagt, die kleine Aisha sei immer dabei gewesen, wenn ihr Kämpfer seine Macht demonstrierte. Mit niemandem habe sie reden können. Von den anderen Frauen getrennt war sie ihm ausgeliefert.

"Beim achten Mal hat es geklappt"

Wie viele Frauen und Mädchen momentan in der Gewalt der Terroristen sind, können auch Menschenrechtler nur grob auf etwa 2.000 schätzen. Weltweites Entsetzen löste der Fall der 276 Mädchen in Chibok aus, die im April 2014 aus einer Schule verschleppt wurden. Bis heute werden noch rund 100 von ihnen vermisst. Einige wurden freigelassen, manchen gelang die Flucht.

Auch Suleiman gab nicht auf. Sieben Mal habe sie erfolglos versucht zu fliehen. "Aber beim achten Mal hat es geklappt", kichert sie nun stolz und richtet sich mit einem Siegerlächeln im Gesicht auf. Mit dem Kind im Arm erwischte sie einen günstigen Moment, als die Kämpfer beim Gebet versammelt waren.

Suleiman berichtet als Opfer und Zeugin

Fünf Tage lang irrte sie im Wald herum, bis sie auf einen alten Mann traf, der sie mit zu seiner Frau in sein Haus nahm. Sie durfte ausschlafen, und er wies ihr den Weg nach Maigalari, wo man sie in ein Lager für Vertriebene brachte. "Hier ist es schön", strahlt Suleiman. Es gebe Essen, Wasser und ein Dach über dem Kopf. Sie habe Kleidung bekommen und mit viele Frauen gesprochen, auch fliehen konnten.

Die Frage, ob sie wieder einen Mann suchen und heiraten wolle, bringt sie zum Lachen. "Da brauche ich doch erst einmal eine Pause zum Nachdenken", albert sie herum und wirkt ganz wie eine vergnügte, junge Frau. Zu einem Foto ist sie gerne bereit: "Ich habe nichts zu verbergen!", sagt sie wieder ganz ernst.  "Ich bin Opfer und berichte als Zeugin der Brutalität von Boko Haram."