Beratung und Kontrolle

Die Rundfunkräte werden immer wichtiger, vor allem in der Selbstwahrnehmung. Eine "Top-Adresse in der internationalen Kommunikationsberatung" hat sich fernseh-prominent verstärkt. Ein ehemaliger Sender-Intendant hat endlich Zeit, fernzusehen. Ein "Bauernopfer" des WDR bekommt Zuspruch. Außerdem: der Journalismus als "Zulieferindustrie"; die "Darsteller: Oliver Stone, Wladimir Putin" bei Sky; was macht eigentlich Harald Schmidt?

Wie formulierte der frischgebackene Vorsitzende des NDR-Landesrundfunkrats Niedersachsen, eines Unter-Gremiums des NDR-Rundfunkrats, anlässlich seiner Wahl so treffend?

"Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und damit auch der NDR stehen in den nächsten Jahren vor großen Herausforderungen. Die Beratung und Kontrolle durch die Gremien ist wichtiger denn je" (ndr.de).

Da dürfte Detlef Ahting vom Deutschen Gewerkschaftsbund allen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Prinzip schätzen, aus den Herzen sprechen. Nur über den Modus des Verbs ließe sich streiten: Müsste der zweite Satz nicht im Konjunktiv stehen?

Zumindest sind in erster Linie die Mitglieder von Rundfunkräten und natürlich Sender-Funktionäre, die von ihnen gewählt wurden oder werden wollen, überzeugt davon, dass "Beratung und Kontrolle durch die Gremien" funktionieren. Viele andere sind's weniger (oder haben von solchen Rundfunkgremien noch nie gehört).

Ein aktuelles Beispiel dafür, wie Selbst- und Fremdbild der Gremien nicht gerade dabei sind, sich anzunähern, nennt uebermedien.de. Da geht es um die Vorsitzende des ZDF-Fernsehrats, Marlehn Thieme, die als Vertreterin der Evangelischen Kirche in den Rat einzog, um eine bei zdf.de zu sehende Pressekonferenz vom Freitag und um eine Frage zum Thema Freundeskreise:

"Indem sich Thieme zu den Freundeskreisen so äußert, wie sie sich äußert, trägt sie obendrein nur dazu bei, die Aura der Geheimniskrämerei zu verfestigen. In einer Zeit, in der viele annehmen, dass ARD und ZDF von undurchsichtigen Mächten gelenkt werden, schadet das: dem ZDF als Sender, dem Fernsehrat als Kontroll-Gremium – und nicht zuletzt der Vorsitzenden selbst",

schreibt Boris Rosenkranz.

[+++] Wo's mit Beratung zahlungskräftiger Kunden vermutlich ganz gut klappt: bei einer "Top-Adresse in der internationalen Kommunikationsberatung", wie der Ende März in den Ruhestand getretene ehemalige Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens seinen neuen Arbeit- oder eher wohl Auftraggeber nennt. Sigmund Gottlieb "wird vom 1. Juli an den Bereich Public Affairs" "der  internationale strategische Kommunikationsberatung" CNC "verstärken" (cnc-communications.com, via prreport.de).

"Gottlieb verfügt über ein erstklassiges internationales Netzwerk in Politik und Wirtschaft. Unsere Kunden werden in vielfältiger Weise von seiner journalistischen Erfahrung und seiner Kompetenz beim Thema Bewegtbild profitieren können", zitiert dieselbe Pressemitteilung, die natürlich nicht verschweigt, dass Gottlieb von 1995 bis 2017 "350-mal den Kommentar in den ARD-Tagesthemen" sprach, den CNC-Chef.

Das wäre schon mal eine kleine Herausforderung für kontrollwillige Rundfunkgremien-Mitglieder: dass künftig in Verträge von Führungskräften des öffentlich-rechtlichen Rundfunks festgeschrieben wird, dass diese nicht, kaum dass sie anfangen, ihre schönen Pensionsansprüche zu genießen, gleich noch zusätzlich ihre "Erfahrung an der Nahtstelle zwischen Wirtschaft, Politik und Medien" in kommerzielle Beratungsagenturen "einbringen" (Sigmund Gottlieb) dürfen. Allerwenigstens eine Karenzzeit, die theoretisch ja sogar für Politiker gilt, sollte mehrheitsfähig sein.

Und wenn wir bei ehemaligen "heute-journal"-Moderatoren sind, die glänzende Anschlusskarrieren gemacht haben und nun im Ruhestand sind: Helmut Reitze, der es sogar bis zum Intendanten (allerdings des nicht ganz großen Hessischen Rundfunks) gebracht hatte, scheint sich der Fraktion derer zuzugesellen, die hinterher eher doof finden, was sie in Führungspositionen über Jahrzehnte verantwortet haben.

Reitze hat inzwischen nicht nur "eine schon lange geplante Kreuzfahrt vor Südamerika" absolviert, sondern die Medien auch anders verfolgt als während seiner beruflichen Laufbahn, berichtet die DPA (ausfühlich in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen, die mit Reitze auch eine alte Arbeitsbeziehung verbindet):

"Wenn man viel Zeit hat, viel Medienkonsum ohne Verwertungszwang betreiben kann, dann fällt einem schon einiges auf, was einem früher nicht aufgefallen ist",

wird der Alt-Intendant zitiert. Und

"dabei hat er auch den einen oder anderen 'bedenkenswerten Zustand' ausgemacht: 'Ich finde, dass zum Beispiel bei der Trump-Berichterstattung in einigen deutschen Medien sehr stark Meinung im Vordergrund steht und nicht die Vermittlung von Fakten.'"

In der Sache liegt Reitze nicht falsch. Dass wesentliche Entwicklungen der Berichterstattung Rundfunkankanstalts-Intendanten, deren Hauptaufgabe ja im Verantworten von Berichterstattung besteht, erst auffallen, sobald sie in den Ruhestand getreten sind, ist allerdings gleich noch ein krasser Treppenwitz des öffentlich-rechtlichen Systems.

[+++] Damit zum inzwischen brisantesten aktuellen Thema desselben Systems. Wäre der Dokumentarfilm "Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa" (zuletzt AP vom Freitag) halt irgendwann spätabends gesendet worden, hätte sich die Aufregung in engen Grenzen gehalten. Wer guckt schon Arte, oder gar noch hinterher etwas in der Arte-Mediathek an?

Doch nun zieht die Affäre um die schwach begründete Nichtausstrahlung immer breitere Kreise.

Was Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder öffentlich äußerte, sei

"eine Offenbarung der starren Prinzipien des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, wie man sie in dieser Deutlichkeit selten hört. Bei uns, so muss man die Bemerkungen lesen, läuft nur, was wir bestellt und durch Konsens in den Gremien ordentlich abgesichert haben. Recherchen, die womöglich zu anderen Schlüssen kommen als geplant? Da kann ja jeder kommen!"

schrieb Harald Staun in der FAS-Rubrik "Die lieben Kollegen" (45 Cent bei Blendle). In der FAZ, die bereits mit am frühesten dran war, legte am Samstag Michael Hanfeld nach, indem er Befremden über die Presseerklärung des WDR äußerte: "Der Hinweis auf die hauseigenen 'Standards' ist insofern erstaunlich, als der Film federführend von einer Redakteurin betreut wurde, die seit Jahrzehnten an führender Stelle für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet und sogar einmal Chefredakteurin bei Arte war". Da geht es um Sabine Rollberg. "Es gibt in Deutschland im Bereich Dokumentarfilm nur wenige Redakteure, die ähnlich kompetent sind wie sie", schreibt Altpapier-Autor René Martens in der TAZ.

In Springers Welt warf Christian Meier die Frage auf, warum beim WDR, "wenn die Prüfung noch gar nicht abgeschlossen ist, bereits die 'handwerklichen Bedenken' ins Feld geführt werden, was einer Vorverurteilung gleichkommt." "Der deutsch-französische Kulturkanal und die größte ARD-Anstalt sind auf eine schiefe Ebene geraten", kommentierte dann noch Joachim Huber vom Tagesspiegel.

Praktisch in allen Texten steht, dass der Film zu sehen sein müsste, damit er beurteilt werden kann.

Tatsächlich ist er auch gelegentlich zu sehen. Verboten oder so was ist er ja nicht, sondern er wird von zwei öffentlich-rechtlichen Sendern zurückgehalten. Sowohl René im schon verlinkten TAZ-Artikel als auch die Medienkorrespondenz bewerten den Film nach Sicht:

"Was man dem Film vielleicht vorwerfen kann: Die Macher wollen ein bisschen zu viel. In der ersten Hälfte wirkt 'Auserwählt und ausgegrenzt' etwas zu textlastig, man fühlt sich manchmal erschlagen von all den Zahlen und historischen Exkursen",

schreibt René unter der Überschrift "Wehrhafte Juden sieht man nicht gern", und "die sarkastischen Einsprengsel" seien vielleicht nicht jedermanns Geschmack. Doch "diese Mittel sind ... angemessen". Geradezu uneingeschränkt lobt Manfred Riepe bei medienkorrespondenz.de die Filmautoren Joachim Schroeder und Sophie Hafner:

"Ihr dicht argumentierendes und trotzdem unangestrengtes Roadmovie, das Juden, Araber, Palästinenser, Franzosen und Deutsche in Berlin, Paris, Zürich, Jerusalem, Ramallah, Gaza und der im Westjordanland gelegenen israelischen Siedlung Ariel zu Wort kommen lässt, führt vor Augen, dass antisemitische Tendenzen nach wie vor Verbreitung finden. Und zwar nicht nur am braunen Rand. Beispielsweise werden, camoufliert als Israel-Kritik, antisemitische Tendenzen zum Teil auch in einem links-grünen, sozialdemokratisch-protestantischen Milieu gehegt."

Generell teilt Riepe die zuerst von Elisa Makowski bei epd medien zitierte These, die französische Arte-Hälfte sei "eingezwängt ... zwischen islamischer und jüdischer Lobby". Allerdings wirft das Verhalten des WDR, der nun ohne Not seine Redakteurin Sabine Rollberg "quasi als Bauernopfer öffentlich an den Pranger gestellt" hat (Riepe), weitere Fragen auf.

Offenkundig mangelt es dem WDR-Intendanten Tommy Buhrow, bekanntlich Spitzenreiter beim Intendanten-Gehalt, an Beratung und/ oder Kontrolle. Ob die Anstalt noch ein bisschen Gebühreneinnahmen in der Portokasse hat, um sich die "Krisen- und Sondersituationen"-Berater von der CNC ins Haus zu holen?

[+++] Ganz lustig indes ist's, wenn der Tagesspiegel dem Namens-Verwandten Der Spiegel ans Bein pinkelt:

"Das Nachrichtenmagazin 'Der Spiegel' kämpft gut 70 Jahre nach seiner Gründung um Bedeutung und Beachtung",

schreibt Markus Ehrenberg in der Berliner Tageszeitung, die wie alle Medien (außer den gebührenfinanzierten) ja ebenfalls kämpfen muss, unter der Überschrift "Wann ist noch mal 'Spiegel'-Tag?".

Lesenswert ist der Artikel aber, schon weil wortgewaltige Experten von Friedrich Küppersbusch ("Unter Stefan Aust war der 'Spiegel' durchaus Sturmgeschwätz des Neoliberalismus, mit Klaus Brinkbäumer scheine er jedenfalls wieder neugieriger geworden") bis Lutz Hachmeister befragt wurden:

"Leitmedien in den Ausprägungen des vergangenen Jahrhunderts gibt es ja nicht mehr, weil der Journalismus in weiten Teilen eine Zulieferindustrie für übergeordnete Netzwerke geworden ist",

sagt letzterer. Ganz lustig ist der Tagesspiegel-Artikel überdies, weil Markus Ehrenberg ein schön meta-szenischer Ein- und dann natürlich auch Ausstieg im Spiegel-Stil gelingt, (wie er just von Wolf Schneider kritisiert wurde, siehe Altpapier), bei dem es dann auch noch Aki Watzke (vgl. dasselbe Altpapier) geht.  


Altpapierkorb

+++ "Originaltitel: 'The Putin Interviews', Dokumentation, 4 Episoden, je ca. 60 Minuten, USA 2017. Regie: Oliver Stone. Darsteller: Oliver Stone, Wladimir Putin", heißt es nüchtern in den Credits beim Pay-TV-Sender Sky. Diese Sendung hat Julian Hans und David Steinitz von der Süddeutschen enorm erzürnt. "Keine Dokumentation, sondern ein Autokraten-Porno", lautet die Online-Überschrift zum Artikel von der Samstags-Medienseite. "Das Interview als Selbstgespräch. Stone braucht Putin nur zur Bestätigung seines eigenen Weltbilds: Die USA sind scheiße, nicht wahr? Putin zuckt daraufhin nur mit den Schultern. Der Mann, der sich selbst für einen der kritischsten und unbequemsten Regisseure Hollywoods hält, schmilzt dahin", schimpfen die Autoren. Und: "Stone ist ein Bewunderer fast aller prominenten Amerikakritiker, er porträtierte Fidel Castro und Hugo Chavez und vergaß in diesen filmischen Huldigungen auch mal die eigene kritische Distanz. Sein letzter Spielfilm war Edward Snowden gewidmet, in dem er einen 'Helden' sieht." Wobei Snowden für einen relativen Helden zu halten, ja keine ganz schräge Ansicht ist. Eine Sendung, die die extrem amerikaphile Fraktion der Süddeutschen derart verreißt, kann kaum ganz schlecht sein ... Siehe auch Madsacks HAZ. +++

+++ Zurück zum Spiegel: "Langsam muss man sich aber fragen, ob der Herr [Harald] Schmidt die Spiegel-Leute nicht veralbern will. So zeichnete er eine Folge in einem Café an der Kölner Domplatte auf, bei der der Ton derartig verrauscht und übersteuert war, dass man kaum ein Wort verstanden hat ..." (Stefan Winterbauer in seinem meedia.de-Wochenrückblick über Spiegel Daily und eine seiner größten Attraktionen). +++

+++ Und in Hamburg war Netzwerk Recherche-Tagung! Die Verleihung des Negativ-Preises Verschlossene Auster an gleich "drei große deutsche Verlagshäuser: Die Funke Mediengruppe sowie Burda und Bauer Media werden für die intransparente Machart ihrer Klatschmagazine kritisiert" hat den Vorteil, dass es gleich drei Stellungnahmen gab. Siehe Marvin Schades meedia-de-Bericht sowie netzwerkrecherche.org. Mehr Berichte trudeln bei Twitter unterm Hashtag #nr17 ein. Welcher alte Hase läse zum Beispiel Berichte, die mit "Als angehender Journalist blickt man immer wieder mit einer gewissen Ehrfurcht zu den 'alten Hasen' im Business auf" beginnen (elitale.wordpress.com), ungern? +++

+++ Wo bleibt das Positive? Nicht mehr in der Türkei, sondern wieder in Freiheit. Das gilt zumindest für den französischen Fotoreporter Mathias Depardon, der "nach einem Monat in Haft" ausgewiesen wurde (Standard). +++ Was Can Dündar multimedial plant, nicht allein "eine neue Zeitschrift mit Analysen und Hintergründen über die Zustände in seinem Heimatland", steht hier nebenan. +++

+++ Eines neuen internationalen Krisenherds wegen ebenfalls oft Tema: der Fernsehsender Al Dschasira, der bekanntlich ein ziemlich staatlich katarischer/ qatarischer ist. Die Reporter ohne Grenzen verurteilen "die Repressalien mehrerer arabischer Staaten gegen den Fernsehsender Al-Dschasira im Zusammenhang mit der diplomatischen Krise um das Golf-Emirat Katar". Die wechselvolle Geschichte des Senders zeichnen nach erstens Christian Meier (nicht der oben genannte, sondern ein namensgleicher) in der FAS (45 Cent bei Blendle) und Moritz Baumstieger in der SZ: "Nach dem Sturz der Despoten" (" in Tunesien, Ägypten und Libyen") "stellte sich Al Jazeera aber einseitig auf die Seite der Muslimbrüder; gemeinsam mit mehr als 20 Kollegen kündigte etwa der frühere Berlin-Korrespondent Aktham Suliman 2012 nach gut einem Jahrzehnt beim Sender, weil er dessen inhaltliche Linie nicht mehr mittragen konnte." +++

+++ Heute morgen um 8.00 Uhr gestartet: Bundespräsiedent Steinmeiers Facebook-Auftritt (heise.de). +++

+++ Neu in der Phalanx der Kritiker des NetzDG: der UN-Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit, David Kaye (netzpolitik.org). +++

+++ Und was sich bei der oben in anderem Zusammenhang erwähnteten ZDF-PK verdichtete, aber weiterhin unbestätigt ist: dass die Fußball-Champions League ab kommendem Sommer nicht mehr beim ZDF oder überhaupt im Free-TV zu sehen sein wird (DPA/ HAZ). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag.