Zitronen klicken gut

Bei der Berichterstattung über Anschläge formen sich Routinen, was aus mehreren Gründen schlecht ist. Neue Kritik am NetzDG ist da. Die Süddeutsche Zeitung gewinnt ein bisschen Pulitzer-Preis. Barack Obama wird Nachfolger von Jogi Löw. Schöner Wohnen mit der Neuen Post.

Wäre es nicht so ätzend, könnte man es schon eine Tradition nennen. Nachdem gestern in der Nähe des Mannschaftsbusses von Borussia Dortmund drei Sprengsätze explodiert waren, bat die dortige Polizei:

Woraufhin bild.de unter der Überschrift "Was steckt hinter dem Anschlag" munter Spekulationen verbreitete (dokumentiert beim Bildblog) und auch welt.de mit derselben Frage um Klicks warb (Beleg bei Twitter), sodass am Ende vor allem Lob für die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei blieb:

Wir wären dann soweit, dass man über diesen Verlauf einer Anschlags-Berichterstattung sagen muss: Alles wie immer. 

Einen Extra-Hinweis verdient noch das neu gestaltete, funky Funke-Portal Der Westen, dessen Reporter gestern Nachtschichten schoben, um (Stand 7.21 Uhr) an die 20 Artikel auf die Seite zu kloppen, darunter in schönster Focus-Online-Manier gleich drei, die "Stimmen aus dem Netz" einfangen, also blind irgendwelche Twitter-Reaktionen zusammenfassen: ",Was ist in der Welt bloß los?' Die Schock-Reaktionen auf die Bomben am BVB-Bus" (20.55 Uhr), ",Getrennt in den Farben, vereint gegen Gewalt' - So emotional stehen Fußball-Profis jetzt dem BVB bei" (0.53 Uhr) sowie "Große Anteilnahme im Netz nach Anschlag auf BVB-Bus" (6.46 Uhr). 

Wenn die Welt dir Zitronen reicht, mach Klicks daraus. Warum Menschen den Respekt vor dem Journalismus verlieren, man kann es echt nicht verstehen.

[+++] Damit zum neuen Star am Medienmedienhimmel, dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz - Freunde dürfen NetzDG sagen. Nachdem es in der vergangenen Woche vom Bundeskabinett verabschiedet wurde (Altpapierkorb), haben sich nun mehrere Verbände und Rechtsanwälte - darunter DJV, Reporter ohne Grenzen, Wikimedia, Chaos Computer Club, Amadeu-Antonio-Stiftung sowie der hier hin und wieder zitierte Ulf Buermeyer - zusammengeschlossen und eine Deklaration für Meinungsfreiheit samt dazugehöriger Internetseite aufgesetzt (siehe auch die epd-Meldung im Tagesspiegel). Darin fordern sie, dass gegen Rechtswidriges auch im Netz vorgegangen werden, aber eben auch Meinungsfreiheit gelten müsse, und zwar auch gegenüber Meinungen, die manche als schwer auszuhalten empfänden.

"Jede Gesetzgebung sollte sicherstellen, dass der Ausgleich verfassungsrechtlich geschützter Interessen hergestellt wird. Die Meinungsfreiheit jedes Einzelnen und die Informationsfreiheit aller darf nicht darunter leiden, dass gegen rechtswidrige oder strafbare Inhalte vorgegangen wird",

heißt es, und weiter:

"Der vom Kabinett beschlossene Entwurf eines NetzDG stellt diese Grundsätze in Frage, weil er staatliche Aufgaben der Rechtsdurchsetzung an Privatunternehmen übertragen würde. (…) Wir erkennen an, dass Handlungsbedarf besteht, sind zugleich aber der Ansicht, dass der Gesetzentwurf nicht dem Anspruch genügt, die Meinungsfreiheit adäquat zu wahren. Im Gegenteil, er stellt die Grundsätze der Meinungsfreiheit in Frage. Absichtliche Falschmeldungen, Hassrede und menschenfeindliche Hetze sind Probleme der Gesellschaft und können daher auch nicht durch die Internetdiensteanbieter allein angegangen werden – dafür bedarf es der Kooperation von Staat, Zivilgesellschaft und der Anbieter."

Die seit der Vorstellung des Konzeptes von Heiko Maas durch die Öffentlichkeit geisternde Skepsis (zuletzt hier und hier im Altpapier) hat sich damit gebündelt. 

Dass etwa bei Facebook Formuliertes durchaus deutschen Gesetzen unterliegt und demnach auch zu Offline-Konsequenzen führen kann, belegte gestern das Amtsgericht Berlin-Tiergarten, das einen Mann zu 4.800 Euro Strafe verurteilte. Der "hatte die Politikerin (Claudia Roth, Anm. AP) im Herbst 2015 auf Facebook beschimpft und gefordert, sie ,aufzuhängen'. Das Gericht legte ihm deshalb öffentliche Aufforderung zu Straftaten sowie Beleidigung zur Last." (Quelle: Spiegel Online).

Ganz recht: der beanstandete Post stammt aus dem Herbst 2015, in Online-Jahren gerechnet also aus dem frühen Mittelalter, vor Erfindung des Buchdrucks bzw. der Fake News. 

Irgendeine Art von Verbesserung ist in diesem System also nötig. Ob Kumpel NetzDG der richtige Weg ist, darf man sich aber ruhig fragen. 

[+++] Was über US-amerikanische Medienunternehmen an seltsamen Inhalten verbreitet wird, ist das eine. Welche Inhalte sie wiederum durch über sie vermittelte Werbung mittelbar finanzieren und damit ermöglichen, das andere. 

Dass Firmen ihre Anzeigen etwa nicht mehr bei Breitbart News laufen lassen, fanden viele Leute noch eine Errungenschaft. Doch dieses System kann sich auch gegen diejenigen wenden, die wir als seriöse und eh schon finanziell klamme Zeitungen kennen, wie Martin Kaul nun im Hausblog der taz beschreibt. 

Bei taz.de nutzen sie Google AdSense, vermittelt über eine Agentur in Hamburg, die sich nun in der Redaktion meldete mit der Bitte, einen Text zu verändern - andernfalls werde die Vermittlung von Anzeigen eingestellt. Dieses Anliegen ist an sich schon seltsam, wird aber noch besser, wenn man weiß, dass der kritisierte Text sich mit der Website www.youtube-mp3.org beschäftigt, die es ermöglicht, aus Musik-Videos von Youtube nur die Musik als MP3 herunterzuladen. Und Youtube, wie wir wissen, gehört zu Google. 

Kaul:

"Selbst wenn Google gegen die Berichterstattung der taz vorgehen wollte: Warum tut das Unternehmen dies dann nicht mit presserechtlichen Mitteln, sondern schleichend, durch die Hintertür? Nutzt Google seine ,Programmrichtlinien' zum Einfluss auf journalistische Berichterstattung?

Oder, anders überlegt: Vielleicht geht es Google bei seiner Beanstandung ja gar nicht um den Text auf taz.de. Vielleicht geht es nur um einen Link in diesem Text, etwa den dort gesetzten Link zu youtube-mp3.org. Das ist die Homepage, über die im Text berichtet wurde. Das wäre also eine These: Der von Google AdSense programmierte Crawler durchforscht das Internet auf unliebsame Links und versucht dann, diese aus der Welt zu schaffen."

Demnach wäre taz.de nur Beifang im üblichen Kampf von Rechteinhabern gegen das Internet. Aber das System, das es offenbart, ist einen Gedanken wert. Denn die Einschränkungen, die wir für Seiten oder Meinungen fordern, die wir nicht schätzen, sollten wir auch den uns genehmeren wünschen - in anderes Worten: Was die Deklaration für Meinungsfreiheit sagt. 

Im konkreten Fall ließ Google recht schnell die "Nur ein Missverständnis"-Maschinerie anlaufen: 

"Google reagiert mit einem Statement. Der Verstoß habe sich ,als unzutreffend herausgestellt'. Die ,Monetarisierung der betreffenden Seite ist auch weiter ohne jegliche Änderung möglich'",

meldet Turi2. Wie einfach ein unabhängiges Medium von seiner Refinanzierung im Netz abgeschnitten werden kann, bleibt aber hängen. 

[+++] Und nun zum Positiven, das zu suchen wir weiterhin ebenfalls zu unseren Aufgaben zählen. 

So twitterte Dienstagfrüh der laut seiner aktuelle Twitter-Bio "pulitzer prize winning investigative reporter" Bastian Obermayer, wobei die SZ als seine Zeitung auf ihrer heutigen Medienseite präzisiert:

"Um den Pulitzer-Preis können sich der Satzung zufolge nur amerikanische Medien bewerben. Mike Pride, der Vorsitzende des Pulitzer-Preis-Gremiums, machte allerdings klar: ,Es ist keine Frage, dass dies ein viel größeres Projekt war.' Dass sich die Jury für dieses internationale Teamwork entschied, das kann gesagt werden, bedeutet so etwas wie Pulitzer-Ehre für alle Journalisten und Medien, die an der Veröffentlichung mitwirkten."

Also geht die Freude über den Preis zwar in Ordnung, kann sich aber nicht als Goldmedaille in die Vitrine gestellt werden. 

+++ Nachtrag, 13. April: Obermayers Freude geht sogar noch mehr in Ordnung, als oben suggeriert, da er - ebenso wie Kollege Frederik Obermaier - zu den Autoren nun ausgezeichneter Texte gehört. So können auch Nicht-Amerikaner Pulitzer gewinnen. Die SZ hat also nicht explizit einen Preis erhalten, Obermayer und Obermaier aber sehr wohl. Mea culpa bzw. herzlichen Glückwunsch. +++

Welche außergewöhnlichen, journalistischen Arbeiten Sie sich als Lektüre für die kommenden Wochen in Ihr Pocket speichern können, lesen Sie hier. Dass sich darunter auch eine Artikelserie von Art Cullen von der Storm Lake Times befindet, fand neben der Auszeichnung für die Panama-Paper-Recherche (deren Organisation Gerard Ryle vom Recherche-Konsortium ICIJ im Interview mit sueddeutsche.de mit der einer Dinnerparty vergleicht - "Man überlegt, wen man gern dabei haben möchte") in deutschen Medien am meisten Beachtung. 

"In der ,Storm Lake Times' veröffentlichte Art Cullen mehrere Artikel über die Umweltverschmutzung durch große Landwirtschaftsunternehmen, für die er am Montag ausgezeichnet wurde. Er deckte darin auf, dass die landwirtschaftlichen Verbände der Region die Verteidigung des Landkreises bezahlten, der wegen der hohen Verschmutzung des Trinkwassers vom Wasserwerk angeklagt wurde. (…) ,Es gibt keinen Grund, wieso ein Artikel, der in Iowa geschrieben wurde, nicht so gut sein soll wie ein Artikel aus Washington', zitiert der ,Guardian' den Preisträger. Sein Büro sei zwar ein graues Metallwrack, in dem sich die Zeitungen stapeln, so erzählt Art Cullen im Interview mit dem ,Poynter'. Aber guter Journalismus werde überall im Land gemacht",

schreibt Veronika Hock bei faz.net. Bei taz.de meint Maike Brülls:

"Der Preis ist ein schönes Symbol. Zum einen für die Bedeutung kleiner Zeitungen, die in der Medienlandschaft mit all ihren großen Leitmedien oft vergessen werden oder gar im Zuge des großen US-Zeitungssterbens schließen müssen. Und zum anderen für den oft stiefmütterlich betrachteten Lokaljournalismus, der mit einem kritischen Blick auf die Vorgänge in der eigenen Umgebung und sauberer, hartnäckiger Arbeit einiges bewirken kann."

Bei Der Westen sind derweil (wir schreiben kurz nach neun) eins, zwei, drei neue Klickbringer online gegangen. Alles eine Frage der Prioritäten.


Altpapierkorb

+++ Was haben Steffi Graf, Jogi Löw und Ban Ki-Moon gemeinsam? Sie alle erhielt etwas, das sich Deutscher Medienpreis nennt. "Der Preisträger wird durch eine breit angelegte Befragung von Media Control ermittelt. Befragt werden die Chefredakteure der reichweitenstärksten und einflussreichsten Medien in Deutschland. Auswahlkriterium bleibt die Frage, welche Persönlichkeit hatte im abgelaufenen Jahr eine herausragende Bedeutung oder hat der Zeitgeschichte einen prägenden Stempel gegeben" (Quelle), und nun ist Barack Obama an der Reihe, was sicher nichts damit zu tun hat, dass dieser zum Zeitpunkt der Verleihung eh gerade in Deutschland ist und Zeit hat. +++

+++ Wieso das Telekom-Angebot "Stream On" gegen die Netzneutralität verstößt (Altpapier), dröselt bei Netzpolitik.org sehr detailliert Thomas Lohninger auseinander. +++

+++ "Der Rundfunk Berlin-Brandenburg ist nicht bereit, einer Unterlassungsaufforderung von fünf ostdeutschen Tageszeitungsverlagen wegen seines Onlineportals RBB24 nachzukommen. Jetzt droht dem Sender eine Unterlassungsklage, wie sie bereits gegen Radio Bremen erhoben wurde – in diesem Fall von vier nordwestdeutschen Pressehäusern." Im (nicht mitklagenden) Tagesspiegel berichtet Eckhard Stengel. +++

+++ In der Türkei wurde mit dem Italiener Gabriele del Grande erneut ein Journalist festgenommen. "Der Grund für die Festnahme des 35-Jährigen blieb unklar. Türkische Medien mutmaßten, del Grande habe womöglich die seit einiger Zeit nötige gesonderte Akkreditierung für die Grenzregion nicht beantragt. Die italienische Regierung forderte seine sofortige Freilassung", meldet die taz. +++

+++ Faire Berichterstattung im Wahlkampf = gleiche Sendezeiten für alle. Warum diese Regel in Frankreich für Probleme sorgt, erklärt Joseph Hanimann auf der SZ-Medienseite. +++

+++ Autismus on air als Krankheit bezeichnen, dafür von Leidmedien.de kritisiert werden und diese Kritik zurück in die Sendung spielen ("Im Gespräch bei @mediasres erklärte die Leidmedien.de-Projektleiterin, Lilian Masuhr, dass Autismus angeboren und damit nicht heilbar sei. Aus diesem Grund sollte auf die korrekten Begrifflichkeiten geachtet werden.") - so einfach kann es sein mit der konstruktiven Medienkritik, hier beim Medienmagazin des Deutschlandfunks. +++

+++ "Nein, es ist nicht die Aufgabe von Theaterkritik, schöne Festivals, tolle Regisseure, Schauspieler oder Autoren zu bewerben. Und kommen Sie mir bloß nicht mit dem Hinweis, dass wir doch alle im selben Boot säßen und gegen die böse Kulturpolitik und ihre steten Kürzungsgelüste gemeinsam zu streiten hätten. Den Kampf hat schon verloren, wer vorderhand das demokratische Grundrecht der Pressefreiheit preist, hintenherum aber alles für die eigenen Belange instrumentalisiert." Dirk Pilz ärgert sich bei nachtkritik.de über übergriffige Theaterschaffende mit Hang zu guter PR. +++

+++ "Zu den jüngsten Immobilientrends der Tech-Entrepreneure gehört der Kauf von Bunkern", berichtet Arian Lobe auf der Medienseite der FAZ aus dem Silicon Valley. Zudem geht es auf der Seite um die belgische Serie "The Break" (bevor Sie sich zu sehr freuen: ab heute auf Sky Atlantic), die Axel Weidemann an "Twin Peaks" denken lässt. +++

+++ Dass der "Rosenheim-Cops"-Produzent Alexander Ollig wie die Broschüre des bayerischen Tourismus-Vereins zu sprechen vermag ("Ich glaube das besondere ist, dass wir eine magische Landschaft haben und wir diesen besonderen bayerischen Flair einfangen."), beweist er im Interview bei DWDL. +++

+++ Zum Abschluss noch die verstörendste Pressemitteilung des gestrigen Tages, aus dem Hause Bauer Media Group: "Um die Leserin stets vor Augen zu haben, ist der Konferenzraum von Neue Post dem Wohnzimmer der Zielgruppe nachempfunden." Samt Schrankwand, goldener Gardinenstange und Madonnenfigur, wie das dazugehörige Foto beweist. +++

Das nächste Altpapier erscheint morgen.