Zusammengebissene Zähne

Die Scheu der Medien vorm Pranger (weder generell schlecht, noch gut). Die Elefantenrunden-Sache (sorgt immerhin für Transparenz). Was selbst Heiko Maas peinlich war. Wofür Facebook eine Million spendete. Außerdem: Claus Kleber zweifelt manchmal sogar persönlich; die erste deutsche Netflix-Serie.

Eine relativ rasante Entwicklung ist in deutschen Medien im Gange, die mal nicht nur von außen (von Geräten, auf denen die Medien konsumiert werden) getrieben wird, sondern auch von innen. Gut ablesen lässt sie sich an Äußerungen des Deutschen Presserats - des lange vor allem als "zahnloser Tiger", der halt mal die Bild-Zeitung rügt und mal nicht, bekannten Gremiums.

Nach der Kölner Silvesternacht "sei die Nennung des Migrationshintergrundes 'noch akzeptabel'", sagte die Referentin für Beschwerdeführung des Presserats noch am 6. Januar dem EPD so, als sei es deutlich akzeptabler, wenn die Medien den Hintergrund nicht genannt, sondern halt einfach von massenhaften Übergriffen mitten in Köln berichtet hätten.

"Wenn Polizei und Opfer den begründeten Eindruck haben, dass die Täter aus Nordafrika stammen, ist das ein Detail, das Medien nicht verschweigen dürfen",

zitiert nun Heribert Prantl den Presserats-Geschäftsführer Lutz Tillmanns. Der Star-Leitartikler der Süddeutschen gibt einen kleinen Überblick über die Geschichte des Presserats und zur "angeblichen, aber nicht existierenden Regel, im Zweifel lieber nicht zu schreiben, aus welchem Land der Verdächtige kommt".

Im März werde die Presserats-Leitlinie 12.1. "womöglich ... umformuliert, um ganz klarzumachen, dass es keine General- und Zweifelsregel gibt". Das ist der News-Wert des Artikels, in dem es außerdem um positive Auswirkungen geht, die die Presserats-Arbeit zweifellos gehabt hat. Zu denen habe außer Mahnung des Rats auch "die Scheu der Medien, am Pranger zu stehen", beigetragen.

Pranger gibt es in der Digitalära mehr denn je. Und diese Scheu der Medien wirkt massiv.

[+++] Tagesaktuell angeprangert werden die SPD und die Grünen als in den beiden südwestdeutschen Bundesländern noch regierende Parteien und deren (der Länder!) öffentlich-rechtlicher Sender. Als erste von den anfechtbaren Planungen des SWR für seine Kandidaten-/ "Elefantenrunden" vor den Landtagswahlen im März hat die Mainzer Allgemeine Zeitung berichtet [Nachtrag: Sind's denn "Elefanten"? Ja, denke ich].

"Der #SWR besteht darauf, freiwillig die Wünsche der Regierungsparteien zu erfüllen und von ihnen nicht erst erpresst werden zu müssen",

spitzte Stefan Niggemeier auf Twitter zu. An seiner Seite: Ulf Poschardt von Springers Welt ("Von wegen 'Staatsferne': SPD und Grüne nötigen den öffentlich-rechtlichen SWR, die AfD aus der Elefantenrunde zu verbannen. Einen größeren Gefallen könnte man den Rechtspopulisten kaum tun"). Wobei, wer bei welt.de ins Kleingedruckte unter dem Teaser schaut, schon sieht, dass Poschardt eher gefühlt als anhand von Tatsachen anprangert:

"Der Ausschluss der AfD wirkt besonders bizarr, wenn Querfront-Ikonen wie Sahra Wagenknecht eine Talkshow nach der anderen für ihren extremistischen Quatsch zur Bühne machen. In sensiblen Zeiten für unser Land eine dumme Entscheidung",

heißt es am Ende. "Ausschluss der AfD" bei im März geplanten Sendungen im selben Satz mit Talkshow-Einladungen einer Linken-Politikerin zu vergleichen, würde an Tagen, an denen nicht gerade in allen Talkshow-Besprechungen (auch welt.des) vor allem der jüngste Auftritt eines AfD-Politikers Thema war, etwas überzeugender gewirkt haben.

An einem anderen Ende des völlig legitimen Meinungsspektrums dazu steht Petra Sorge vom (Springers Welt-Sicht selten widersprechenden) Cicero:

"Die Prügel aber, die der Südwestrundfunk für seine Entscheidung zur Wahlkampfberichterstattung in Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg nun bezieht, sind völlig überzogen. Sie sind auch falsch: Denn der Sender hat alles richtig gemacht."

Ganz auf der Höhe der Echtzeit, hat Michael Hanfeld zum Thema gleich drei Artikel geschrieben (kommentierte Meldung I, kommentierte Meldung II, Print-FAZ-Artikel). In ersterer bescheinigt auch der FAZ-Redakteur dem SWR-Intendanten Peter Boudgoust, zum Teil richtig zu liegen: "Eine Live-Debatte ohne die Ministerpräsidenten", die im Falle einer AfD-Teilnahme mit Boykott gedroht hatten, "ist zwar schwerlich vorstellbar ..., doch hätte der SWR durchaus die Probe aufs Exempel machen und die vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei medienpolitischen Debatten stets ins Feld geführte 'Staatsferne' unter Beweis stellen können".

Boudgoust hat jedoch bloß seine "zusammengebissenen Zähne" durchblicken lassen. Diese Floskel kommt in jedem Artikel zum Thema vor (siehe AZ wie oben; SZ-Titelseite, die Boudgoust "zwischen allen Stühlen gelandet" sieht, u.v.a.).

Zusammengebissene Zähne sind nun kein unmittelbares Symbol für Courage. Aber man könnte, wenn man sie sich vorstellt, es knirschen hören. So hat sich das der als ehemaliger ARD-Vorsitzender mit vielen Wassern gewaschene Boudgoust wohl gedacht. Und könnte damit durchaus richtig liegen. Auch in vielen Aussageumschauen (z.B. bei welt.de) zum Thema zitiert wird was ein Sprecher der wie die AfD auch aus den SWR-Elefantenrunden ausgeladenen Linken gesagt hat:

"Angesichts der großen Probleme, die der SWR offenbar bekommen hat, ist das eine vertretbare Lösung."

Heißt wohl: Sollte ein Zufall die Linke in eine südwestdeutsche Regierunsgkoalition spülen, würde sie Boudgoust in seinem Amt bestätigen. Denn, das nun steht im Hanfeld-Print-Artikel auf der FAZ-Medienseite, ist es auch so, "dass der SWR-Intendant Boudgoust seine dritte Amtszeit anstrebt und seine potentielle Wiederwahl für dieses Jahr ansteht".

Dass über diese Wiederwahl und über Postenbesetzungen bei ARD und ZDF aus anderen Gründen als rein parteipolitischen entschieden werden wird, dürften seit gestern noch weniger Menschen glauben als ohnehin schon. Das ist die Folge der SWR-Elefantenrunden-Sache (und umso bedenklicher ist, dass der Anstoß ausgerechnet aus Mainz kommt, wo in der Staatskanzlei die deutsche Rundfunkpolitik jahrzehntelang überwiegend gemacht wurde).

Aber: Ist es für Demokratie und Gesellschaft schlecht, wenn auf die so gern postulierte Staatsferne und Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks immer weniger vertraut wird? Oder ist es gut, dass Boudgoust so weit Transparenz in die Zusammenhänge gebracht hat, wie es einem Hierarchen innerhalb des Systems, der gerne noch eine Amtszeit dranhängen möchte, bevor er in Pension geht, möglich ist? Das ist ungefähr so schwer zu entscheiden, wie die Frage, wann genau es sinnvoll ist, ethnische Zugehörigkeit mutmaßlicher Krimineller zu nennen.

Dazu hat Gastautor Mark Terkessidis in einem Tagesspiegel-Artikel über vielfältig Unerfreuliches in Berlin-Kreuzberg ("... Als ich kürzlich wieder einmal jemanden vertreiben wollte, der mit offenem Hosenschlitz vor meiner Haustür stand ...") eine plausible Faustregel aufgestellt.

"Wenn man in der Praxis nicht generalisiert, dann darf man auch über Herkunft sprechen",

lautet sie. In dieser Form wäre so ein Artikel noch 2015 übrigens wohl kaum im Tsp. erschienen.

[+++] Jetzt aber, halten Sie sich fest: Mitten in der elektronischen Presse des ZDF knallharte, sitzende Kritik direkt an einem der herausragendsten Hoffnungsträger der in ungefähr allen Regierungskoalitionen mitregierenden SPD:

"Neun Wissenschaftler sollten Verbraucherschutzminister Heiko Maas das Internet erklären, zum Beispiel wie Verbraucher online künftig sicherer Schuhe bestellen können. Herausgekommen sind nichts als Plattitüden. Am Ende waren sie sogar Maas selber peinlich",

lautet der Vorspann zu Dominik Rzepkas heute.de-Artikel über einen Pressetermin beim Bundesjustiz- und -verbraucherminister, der sich etwa so vielfältig und gerne in Öffentlichkeiten aller Art äußert wie sonst nur Thomas de Maizière. Wie teuer der vom Ministerium eingekaufte externe Sachverstand genau war, ist wohl noch unklar, solange nicht alle Rechnungen geschrieben sind.

Einer von Maas' Staatssekretären, Gerd Billen, performte indes bei einem anderen Berliner PR-Termin, auf dem bemerkenswert kräftig gelächelt wurde, unter anderem vom aus allen Talkshows bekannten Professor Peter Neumann vom "International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence" (zweiter von rechts).

"Online-Extremismus und Hassrede sind aktuelle, drängende Themen, denen es vereinter Kräfte bedarf – von Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Das Bundesjustizministerium unterstützt voll und ganz die Initiative für Online Zivilcourage, die sich zum Ziel gesetzt hat, diese Themen anzugehen, indem Experten von Think Tanks und NGOs zusammengebracht werden ...",

formuliert der Staatssekretär luzide, bloß vielleicht etwas ungelenk aus dem kalifornischen Englisch rückübersetzt (Facebook-Pressemitteilung, deutschsprachig!), worum es bei facebook.com/onlinecivilcourage, der neuen europäischen "Initiative für Zivilcourage Online" geht.

Etwas schöner zu lesen und vermutlich näher am Kern dieser Sache ist Sonja Alvarez' Tagesspiegel-Bericht darüber, wie die Facebooks Topmanagerin Sheryl Sandberg "auf der Durchreise zum Weltwirtschaftsforum in Davos ... einen Zwischenstopp in Berlin" machte, sich einen kuscheligen roten Poncho kaufte und für eine gute Sache spendete:

"Doch Sandberg lässt am Montag die Chance verstreichen, endlich konkrete Zahlen vorzulegen, an denen die Ernsthaftigkeit des Engagements gegen Hasskommentare überprüft werden könnte. Sie sagt nicht, wie viele deutschsprachige Mitarbeiter in Dublin – und seit Kurzem auch in Berlin – gemeldete Kommentare prüfen und gegebenenfalls löschen. Sie nennt auch nicht die Zahl der überprüften und gelöschten Beiträge. Sie bringt nichts Messbares mit außer den Betrag von einer Million Euro."


Altpapierkorb

+++ Claus Kleber zweifelt persönlich gerne mal, wenn's passt. Der prominente Nachrichtenmoderator des Herzkino- (und Krimi!-) Senders ZDF hat sich für seine von Spiegel Online-Kolumnist Jan Fleischhauer (siehe Altpapier) kritisierte doofe Äußerung über "Zweifler" entschuldigt, und zwar wohl in derselben "hart aber fair"-Show, in der auch Alexander Gauland gastierte (dwdl.de, SZ-Medienseite). +++ Außerdem hat Kleber den Netflix-Chef Reed Hastings interviewt, und zwar bei Hubert Burdas Digitalkonferenz DLD in München (Standard). Bei dieser Gelegenheit kündigte Netflix noch konkreter als früher, nämlich für "noch heuer" an, auch eine deutsche (bzw., wie der Standard es formuliert, der als österreichisches Medium weiß, dass die Adjektive nicht identisch sind): "eine erste TV-Serie aus dem deutschsprachigen Raum" an. +++ Wie immer, wenn Reed Hastings kommt, wird er nicht nur einmal interviewt. Die Süddeutsche z.B. hat's auch getan. +++ Indes, den Produzenten der wirklich ersten deutschen Netflix-Serie hat Hanns-Georg Rodek, der Kinokritik-Veteran der Welt, interviewt. Bernd Eichingers Nachfolger Martin Moszkowicz hat bei Netflix bereits die zwar nicht im geringsten deutschsprachige, aber von der Constantin-Film produzierte, 45 Millionen Dollar schwere Fantasyserie "Shadowhunters" laufen. Und verrät, für welchen prominenten deutschen (und -sprachigen) Was-mit-Hitler-Kinofilm Netflix seiner Firma auch einen "substanziell einstelligen" "Millionenbetrag" ("Das ist für einen deutschen Film auf internationalem Markt sensationell") bezahlt hat. +++

+++ "... Cluster, also Menschenansammlungen auf verschiedenen Seiten, haben eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Welt" (profil-Redakteurin Ingrid Brodnig in einem netzpolitik.org-Gastbeitrag). +++

+++ Zurück zur DLD: Philipp Schindler, "Vice President Global Business Operations bei Google", war auch da und wurde von Miriam Meckel interviewt. "Ob er das Unbehagen in der Medienbrache nicht merke? 'Wir sind kein Medienkonzern', versicherte Schindler. 'Wir sind ein Technologiekonzern und versuchen nur, anderen mit unserer Technologie zu helfen. Und sie haben volle Kontrolle darüber, diese Instrumente weiter zu verbessern' Auch auf den Streit mit der EU-Kommission und den Vorwurf, Google missbrauche seine Marktmacht, wollte Schindler nicht eingehen ..." (Standard wiederum, anderer Artikel) +++ "Das Ergebnis" einer Weltbank-Untersuchung der Auswirkungen der Digitalisierung "ist erschütternd: Kaum mehr Gerechtigkeit, weniger Armut oder mehr Zugang zu Bildung für die Ärmsten durch das Netz. Reicht es da, sich auf die Metaebene zu verabschieden und die Frage nach dem next 'next' zu stellen, also dem, was als nächstes die Welt verändern wird? So war das Motto der DLD und in vielen Panels wurde gegrübelt, überlegt, diskutiert ..." (Johannes Boie, SZ-Feuileton). +++

+++ Offene Briefe sind auch so eine Sache, aber den der zweikampfhasen.de an NDR-Intendant Lutz Marmor, dessen Sender für die Aufzeichnung einer offenbar durchaus lustigen Aufführung des Duos wohl "0 (in Worten: null) Euro" bezahlen wollte, zu lesen lohnt sich. +++

+++ Autobahnminister Alexander Dobrindt ist ja auch partiell für Medien zuständig und engagiert sich wohl dafür, dass öffentlich-rechtliche Sender doch an Kabelnetzbetreiber zahlen sollen (unfrei im Handelsblatt, heise.de). +++

+++ Ein Thema der SZ-Medienseite: die verblassende "Binnendifferenzierung im Marktsegment der Herrenpublikationen". +++

+++ Auf der FAZ-Medienseite schreibt Adrian Lobe über die "Google Latitude Doorbell" ("eine Klingel, die immer dann läutet, wenn sich ein Familienmitglied nähert"). Ebd. wird auch vermeldet, dass er neuer Preisträger des "Surveillance Studies Preis" von heise.des Telepolis ist. "Ist die FAZ schon so arm das heise einspringen muß?", fragt ein Leser. +++

+++ Unter allerhand Berichten aus dem Subsubgenre des schriftlichen "IBES"-Bequatschens ("Schweine-Anus ist zäh, ein Thorsten Legat ist zäher") bringt ksta.de die Meldung, dass Wolfgang Niedecken, einer der unbestreitbar guten Menschen aus Köln, mit Xavier Naidoo bei Vox singen wird. +++

+++ "Einen packenden Fernsehfilm über Kinderprostitution, der viele verstören wird", nennt ebd. Katharina Riehl "Operation Zucker – Jagdgesellschaft" heute abend um 20.15 Uhr in der ARD. Sie erinnert daran, dass "vor ziemlich genau drei Jahren" die ARD "das Leben ein bisschen schöner schneiden, als es vermutlich ist", weil der Vorgängerfilm der FSK nicht für 20.15 Uhr geeignet schien (evangelisch.de, Altpapier damals). Jetzt der zweite Teil, der "wird übrigens ungeschnitten gezeigt. Auf eine DVD-Auswertung hat man diesmal zunächst verzichtet – und musste die FSK nicht fragen". +++ "Gedankt werden muss den Kindern und Jugendlichen, die schauspielernd dem Grauen ein Gesicht geben: Carlotta von Falkenhayn als Lucy, Stephanie Amarell als Vanessa, Mathilde Bundschuh als Laura und Rick Okon als Victor" (Heike Hupertz in der FAZ). +++ Siehe auch hier nebenan. +++ Und Antje Hildebrandt von Springers Welt traf Hauptdarstellerin Nadja Uhl zum Interview: "Sie kommt ganz in Schwarz gekleidet. Unter dem Blazer trägt sie ein T-Shirt mit einer Botschaft. 'Je suis Frauen von Köln' steht da in weißen Buchstaben ..." +++

+++ Aus aktuellem, also Köln-Anlass "das unglaubliche Mediengetöse zum Thema Journalismus, mit vielen steilen Thesen und geilen Begriffen", das beschreibt in ebenfalls schönen Begriffen wie "Mütchen", die gekühlt, und "Süppchen", die gekocht werden, Fritz Wolf in epd medien. Der Artikel steht inzwischen frei online: "Viele User scheinen von den Journalisten zu erwarten, dass sie auch dann berichten, wenn sie noch gar nichts wissen. Die Sender reagieren mit Verunsicherung." +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.