Geschichten, die man nicht erzählen will

Die Zeiten für einfache Antworten sind gleichzeitig gut und schlecht. Die neue ARD-Chefin will Transparenz, Digitalisierung und weniger Mainstream-Berichte aus Ostdeutschland. Eine Frauenzeitschrift mit dem Arbeitstitel "Projekt Köln" wird geplant. Es gibt deutschen Serien-Nachschub. Das Werbeumfeld des Dschungels ist immer noch krass.

Vielleicht könnte der Journalismus einen gewissen Teil seiner verlorenen Glaubwürdigkeit wieder einsammeln, wenn die Funktion des Copy and Paste verboten würde. Erstmal rüberkopieren und online stellen, später erst recherchieren oder von anderen kommentieren lassen, dass das Veröffentliche gar nicht so richtig war, der Kontext fehlte oder beides: Das könnte der Vergangenheit angehören.

Das aktuelle Beispiel dafür stammt ursprünglich aus der New York Times und landete von dort unter anderem bei Zeit Online.

"Unter dem Titel ,Deutschland auf der Kippe' beschreibt Ross Douthat von der New York Times die Schwierigkeiten, denen sich Deutschland gegenübersieht: Eine Million Menschen, die meisten darunter junge Männer, das sei für eine Gesellschaft nur schwer zu verkraften. ,Wenn Sie glauben, dass eine alternde, säkulare und weitgehend homogene Gesellschaft eine Zuwanderung von solcher Größe und mit einem solchen Ausmaß an kulturellen Unterschieden friedlich auffängt, dann haben Sie eine große Zukunft als Sprecher der derzeitigen deutschen Regierung', spricht Douthat die Leser an – ,und Sie sind außerdem ein Narr'."

Bei der Jungen Freiheit (Vorsicht, der Link führt wirklich dahin) wird daraus "Die ,New York Times' fordert den Rücktritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen ihres Versagens in der Asylkrise", und jetzt stellt man sich doch die Frage, ob das eigentlich stimmt oder nicht doch wieder nur jemand Satzfetzen aus dem Kontext gerissen und in seine Argumentationskette eingereiht hat.

Und wirklich:

"Richtig ist: Die Sätze standen in der New York Times, in der Kolumne des konservativen Journalisten und Bloggers Ross Douthat. Und wenn man nicht weiß, dass die New York Times sich rund ein Dutzend KolumnistInnen und weitere knapp 30 regelmäßige GastautorInnen von ziemlich links bis ganz rechts leistet, könnte man tatsächlich auf komische Ideen kommen",

erklärt Bernd Pickert heute in der taz.

Kontext ist wichtig. Differenzieren ist wichtig. Gerade wenn es so einfach ist wie bei diesem Beispiel, sollten Journalisten sich die Zeit dafür nehmen.

An anderen Stellen ist das schon schwieriger, schließlich stehen wir immer noch mitten im Wimmelbild namens "Vorfälle in Köln" und können noch nicht mit Abstand auf die Lage schauen, und dann brechen auch noch die selbstgezimmerten Leitplanken weg, die uns beim Manövrieren in unserem Weltbild bislang den Weg wiesen.

"Etwas zu den Angriffen in Köln zu sagen ist zweitens schwer, weil sie in eine Zeit fallen, in der man eigentlich auf gar keinen Fall die bekannte problematische Geschichte des arabischen Mannes erzählen will, der nicht mit westlichen Frauen klar kommt und sie erniedrigt. Man will diese Geschichte nicht jetzt erzählen, wo so viele arabische Menschen nach Deutschland kommen, weil sie in ihren Herkunftsländern nicht mehr sicher sind.

Nicht jetzt, wo immer wieder Flüchtlingsunterkünfte brennen und AfD und Pegida gegen Flüchtlinge hetzen. Und schließlich will man diese Geschichte nach den sexuellen Angriffen in Köln noch viel weniger erzählen, weil sie all jenen, die sich vor der ,Islamisierung des Abendlandes' fürchten so hervorragend in den saublöden Kram passt, wobei natürlich niemand weiß, ob die Kölner Täter islamischen Glaubens waren, oder nicht",

schrieb bereits am Sonntag Antonia Baum in der FAS. Zwar scheint sie damit zu bestätigen, was Anhänger von Schweigekartell-Verschwörungen längst glauben. Aber indem sie dann doch ausführlich das thematisiert, was sie nicht thematisieren will, dokumentiert sie vielmehr, wie kompliziert es gerade ist.

Drei weitere Beispiele:

Der syrische Flüchtling aus Köln, der Deutschland zu einem härteren Durchgreifen rät:

"Wenn er über die Männer redet, die an Silvester Frauen begrapscht und Handys geklaut haben, klingt Basel plötzlich nicht mehr wie ein Flüchtling, sondern eher wie ein Politiker der AfD. ,Ich verstehe nicht, wieso ihr Deutschen diese Verbrecher nicht sofort aus eurem Land schmeißt. Das wäre ein gutes Signal an die anderen', sagt er. Vielleicht, weil es den deutschen Rechtsstaat gerade auszeichnet, dass er jedem eine zweite Chance gibt? ,Ich glaube, eure Regeln sind zu lasch', sagt Basel und zuckt mit den Schultern. (Zeit Online)

Der deutsche Mann, der Gewalt gegen deutsche Frauen relativiert:

"Ich unterhalte mich mit einem deutschen Freund über Köln. (...) Ich spreche weiter, darüber, dass Sexismus, die Degradierung von Frauen zu Sexobjekten und sexuelle Gewalt in Deutschland wirklich nicht neu seien. Ich zitiere aus der EU-Studie von 2014 und dass schon lange vor Köln so viele Frauen in der EU und in Deutschland von sexueller Gewalt gesprochen haben. (...) Er sagt, vielleicht hätten die Frauen so oft gesagt, dass sie sexuelle Gewalt erlebt haben, weil die Fragen auf eine bestimmte Art gestellt worden wären. Außerdem sei fragwürdig, ob nicht auch schon Klaps auf den Po von manchen als Gewalt verstünden werde.

Ich höre: Wie schlimm es in diesem Land mit sexueller Gewalt aussieht, darüber bestimmen nicht die Aussagen der Betroffenen. Sondern die Deutungen des Publikums." (Kleinerdrei.org)

Die Rechten, die deutsche Frauen zu verteidigen vorgeben, wenn sie Menschen zusammenschlagen:

"Es ist eine von vier Straftaten, bei denen am Sonntag Menschen nicht deutscher Staatsangehörigkeit in Köln verletzt wurden. So wie es aussieht, wurden sie Opfer von Gruppen, die sich nach der Silvesternacht dafür entschieden haben, ,füreinander einzustehen' und ,unsere Frauen zu schützen', wie es in den sozialen Netzwerken heißt." (Kölner Stadt-Anzeiger)

Wir wiederholen: Es ist kompliziert und erfordert die Fähigkeit, zu differenzieren. Blöd nur, dass gerade in solchen Situationen Leute mit schlichtem Weltbild und einfachen Lösungen besonders gut Gehör finden.

[+++] Da wir gerade vom Differenzieren sprechen und eine Überleitung brauchen: Das forderte auch die MDR-Intendantin und nun auch ARD-Chefin Karola Wille bei ihrer Antrittsrede gestern, wie Michael Hanfeld auf der Medienseite der FAZ dokumentiert:

"Für die 56 Jahre alte Juristin, die im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren wurde, gehört zur Glaubwürdigkeit aber auch, die Lebenswirklichkeit der Menschen abzubilden. ,Dazu müssen wir differenzierende Perspektiven einnehmen und uns auch ausdrücklich außerhalb von ‚Mainstreamkorridoren' und der politischen Agenda bewegen', sagt sie und nennt als Beispiel die Berichterstattung über Ostdeutschland. Diese konzentriere sich noch immer häufig auf Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus und bilde nicht die ,Vielfalt, die es auch hier gibt, differenziert' ab."

Das klingt im Jahr 27 nach dem Mauerfall hart, ist deshalb aber nicht falsch. Andernfalls bräuchte es ja nicht die SuperIllu (kleiner Scherz). Als erste aus Ostdeutschland stammende ARD-Chefin aller Zeiten will Wille das Thema nun ebenso angehen wie

"Transparenz und eine neue Fehlerkultur: Fehler akzeptieren, kommunizieren und richtigstellen" (Anne Fromm in der taz)

sowie die Herausforderungen der Digitalisierung:

"Durch intensiveren Wettbewerb mit Netflix und Facebook, die sie beispielhaft nennt, müsse sich die ARD verändern und in der konvergenten Medienwelt crossmediale Möglichkeiten stärker nutzen. Gemeint ist damit etwa das gemeinsame Jugendangebot von ARD und ZDF",

schreibt Thomas Lückerath bei DWDL.

Wer Ähnliches gerne andersorts liest, kann auch Ulrike Simon in der Leipziger Volkszeitung oder Joachim Huber im Tagesspiegel konsultieren.

Zu hoch sollte man die Erwartung jedoch nicht schrauben, um zum Abschluss Cornelius Pollmer aus der SZ zu zitieren.

"Spätestens da sollte man sich noch einmal in Erinnerung rufen, was das eigentlich ist, der ARD-Vorsitz. Wille ist nun die Oberste einer nicht-rechtsfähigen öffentlich-rechtlichen Undsoweiter. Sie ist damit Klassensprecherin, Moderatorin, wenn es schlecht läuft: Frühstücksdirektorin. Lutz Marmor, der Vorgänger vom NDR, habe ihr zwei wertvolle Tipps mit auf den Weg gegeben, sagt Wille. Der erste: Nur im Team geht es. Der zweite: Et kütt wie et kütt. Es handelt sich hierbei um das zweite rheinische Grundgesetz und es bedeutet so viel wie: Deine Macht ist begrenzt."


Altpapierkorb

+++ Warum es richtig war, die Nationalität der Täter von Köln zu nennen, obwohl diese in Zeitungsberichten eigentlich wenig zu suchen hat, erklärt Edda Eick vom Deutschen Presserat in der Drehscheibe. +++

+++ Morgen startet das Stefan-Niggemeier-Boris-Rosenkranz-Projent Über Medien. Bei DWDL gibt es schon heute ein Interview mit Ersterem dazu. +++

+++ Wie mal wieder der Postillon als Einziger gut recherchierte, steht im Bildblog. +++

+++ Die geplante neue Frauenzeitschrift ausgerechnet "Projekt Köln" zu nennen, war vielleicht nicht der schlaueste Schachzug von Gruner + Jahr, aber "der Projektname ,Köln' hat deshalb selbstverständlich nichts mit den Vorfällen der Silvesternacht zu tun, sondern entspricht der G+J-Tradition, Entwicklungsredaktionen nach Städten zu benennen", schreibt Meedia. Schon jetzt völlig aus dem Häuschen: Bülend Ürük bei kress.de: "Gruner + Jahr will mit seinem neuen Weekly vor allem mit Inhalten überzeugen. Die Frauenzeitschrift reiht sich ein in die Philosophie des Hauses, nicht nur das Bestehende so gut wie möglich zu machen, sondern auch mit innovativen Produkten auf dem Printmarkt neue Felder zu erschließen. Anfang November 2015 hatte kress.de notiert, wie innovativ Gruner + Jahr unter Führung von Julia Jäkel die Print-Klaviatur bedient." +++

+++ Die deutsche Serienoffensive geht weiter, indem heute Abend in der ARD "Die Stadt und die Macht" startet. "Weil die Geschichte nah an den tatsächlichen politischen (oder zumindest: den tatsächlich vorstellbaren) Verhältnissen bleibt, ist ,Die Stadt und die Macht' eine hochinteressante Reflektion dessen, wie Politik wirklich funktioniert, wenn die Kameras gerade aus sind. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, muss Hauptdarstellerin Loos aber zugleich nach einem Familiengeheimnis aus ihrer Vergangenheit forschen. Spätestens nach der ersten Staffelhälfte ist die Politik deswegen fast nur noch Beiwerk, das einen Vater-Tochter-Komplex begleitet, der auf eine überzogene Eskalation hinsteuert. Ihren Realismus wirft die Serie dafür leichtfertig über Bord", meint Peer Schader bei den Krautreportern. Weitere Rezensionen gibt es beim Tagesspiegel, der Berliner Zeitung, im Standard und gedruckt in der FAZ. +++

+++ Der Deutsche Fernsehpreis ist zurück, aber nicht im deutschen Fernsehen. Die Verleihung am Mittwoch wird nicht übertragen, dafür war gestern schon zu erfahren, dass Günter Wallraff den Ehrenpreis erhalten wird, wie im Tagesspiegel steht. Die aktuelle Folge von "Team Wallraff" gestern war im Krankenhaus unterwegs. "Das Team Wallraff zeigt, wie schmutzige Betten auf den öffentlichen Fluren stehen oder Liegen nicht desinfiziert werden. Diese Zustände wie auch Sparmaßnahmen bei den einfachen Dingen wie dünnen Handschuhen, hätten, so die Reportage vor allem ein Ziel: Gewinnmaximierung", rezensiert Aaron Clamann beim Hamburger Abendblatt.  +++

+++ Am Freitag beginnt "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", und damit ist es höchste Zeit, dass die FAZ in ihrem Unternehmensteil wieder einen Text veröffentlicht darüber, was für ein krasses Werbeumfeld dieser Dschungel bietet. Genauso wie im vergangenen Jahr. +++

+++ Mit der Medienmacht des Fußballs beschäftigt sich der Deutschlandfunk. +++

+++ Weshalb man als hessisches Landesparlament besser seine eigene Facebookseite betreiben sollte? Weil das sonst ein Politikberater aus Hamburg übernimmt. "Anfang Dezember hatte der Ältestenrat des Landtags entschieden, die eigene Facebook-Seite zu löschen. Aufwand und Ertrag hätten nicht im Verhältnis gestanden, begründete der Sprecher des Landtags, Pascal Schnitzler, den Schritt. Zu dem Zeitpunkt hatte die Seite über 1.500 Fans", berichtet die Hessenschau. Die Alternativseite ist allerdings gerade auch erst bei 72 Likes. +++

+++ Wie es dem Roboterjournalismus ergeht, und was wir 2016 von ihm erwarten können, hat die Columbia Journalism School in einer Studie zusammengefasst. Die Kurzfassung auf Deutsch findet sich bei W&V. +++

Neues Altpapier gibt es morgen wieder.