Die Wiederentdeckung des Zeitungskiosks

Der Wind der Freiheit kommt am Samstag auch nach Deutschland. Der Untergang des Abendlandes steht bevor, allerdings ist die Ursache dafür alles andere als religiöser Natur. Über das Dschungelcamp noch Neues zu sagen erscheint schwierig. Journalisten springen für Veronica Ferres in die Bresche. „Die Vorstadtweiber“ kommen.

Wir haben alles darüber gelesen. Wir haben uns die Texte nacherzählen lassen, die Nachdrucke der Karikaturen gesehen, sämtliche Meinungen dazu gehört (u.a. im Altpapier gestern), und dennoch erwarten die Zeitungskioske einen großen Ansturm, wenn die neueste Ausgabe Charlie Hebdo morgen auch bei uns erscheinen wird. Normalerweise werden 90 Exemplare der Zeitschrift nach Deutschland geliefert. An diesem Samstag sollen es ungleich mehr sein.

„Das Berliner Kulturkaufhaus Dussmann hat beispielsweise zehn Exemplare geordert. Es habe sehr viele Leseranfragen und Versuche einer Vorbestellung gegeben. Die zehn Hefte dürften kurz nach neun Uhr am Samstag vergriffen sein, wenn sie überhaupt im Haus an der Friedrichstraße ankommen. Ähnlich sieht das bei ,Relay Presse/Buch’ am Hauptbahnhof und am Flughafen Tegel aus. ,Wir haben Exemplare bestellt, aber keine Rückmeldungen bekommen’, so die Auskunft. Es werden so um die 40, 50 Hefte erwartet. Auch bei ,k presse + buch’ am Bahnhof Zoologischer Garten heißt es zum neuen ,Charlie Hebdo’: ,Heft kommt am Samstagmorgen. Aber es ist vollkommen unklar, wie viele Exemplare.’“

Schreibt heute der Tagesspiegel. Vielleicht wird es das letzte Mal sein, dass hier noch jemand nach Printprodukten ansteht, diese zur Bückware werden. Fast erwartet man schon eine dazugehörige Pressemeldung des BDZV, dass es eben doch nur Print sei, das wirke. Und der Spiegel könnte vermelden, dass man zur Feier der Wiederentdeckung der Einrichtung „Zeitungskiosk“ doch auch gleich ein Exemplar der eigenen Zeitschrift mitnehmen könnte, die seit der vergangenen Woche ja praktischer Weise ebenfalls schon am Samstag bereit liegt.  

 

In der Verzweifelung, in der die Printhäuser einem an anderen Tagen Tablets, Messersets und Kreuzfahrten mit dem Chefredakteur hinterherwerfen, erscheint alles möglich. Wir drücken mal die Daumen, dass ein wenig Restverstand dieses zu vermeiden wissen wird.

Denn der Wunsch, Charlie nicht nur zu sein, sondern auch zu besitzen, wird natürlich von viel höheren Motiven getrieben. So zumindest die Hoffnung.

„Nach und nach finden die überlebenden Mitglieder der ,Charlie Hebdo’-Redaktion ihre Stimme wieder, und das Geschehen wird durch ihre genauere Schilderung nur noch grauenvoller. Das wichtigste Zeugnis der ermordeten Helden ist aber das jeweils nächste Heft. (...) Das kleine Team ist von der Dimension der Ereignisse überfordert, auf dem Papier aber gelingt es den Überlebenden, die Welt so zu zeichnen und zu beschreiben, wie ,Charlie’ sie sah. Auch dem, der das Blatt zum ersten Mal in Händen hält, wird klar, wie heftig hier der Wind der Freiheit weht.“

So erklärt mit einem Tag Verspätung Nils Minkmar heute auf der Medienseite der FAZ die neueste Ausgabe Charlie Hebdo.

Dass ein wenig zeitlicher Abstand der Berichterstattung gut tut, kann man auch am neuesten Projekt von Zeit Online sehen: In Text, Bild und Karten werden minutiös die „Drei Tage Terror in Paris“ rekonstruiert.

Um das Thema für heute abzuschließen, bleibt noch die Empfehlung, die Reiner Stadler im Medienblog der NZZ seinen Journalistenkollegen zuruft.

„Diese Volksverhetzer finden immer irgendeinen Grund, um die freiheitlichen Länder anzuprangern. Auf solche Figuren dürfen freiheitsliebende Publizisten keine Rücksicht nehmen. Seid etwas weniger verzagt, liebe Kollegen.“

Und nun folgt einer der härtesten Themenwechsel, die dieses Altpapier je gesehen hat.

[+++] Dass der Untergang des Abendlandes auch von einer ganz anderen Seite kommen könnte, als die Anhänger von Pegida erwarten, kann man seit gestern Nachmittag auf kress.de nachlesen. Ein Autoren-Trio beweist dort, dass über die Twitter-Reaktionen auf die RTL-Show „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ mittlerweile an Deutschen Universitäten akademische Studien durchgeführt werden.

Team „Oh mein Gott, das Dschungelcamp ist für den Grimme-Preis nominiert, ich will sofort alle meine seit 1978 gezahlten GEZ-Gebühren zurück!“ dürfte das auf die Barrikaden treiben. Aber auch wenn man sich zum Team „Ich warte seit November auf den Dschungel und hätte die Zeit bis dahin ohne Twitter nicht überstanden“ zugehörig fühlt, muss man mit einer gewissen Enttäuschung leben – schauen wir kurz in die Ergebnisse.

Hauptthema des Austauschs zur Sendung bei Twitter sind die Kandidaten - oft hervorgehoben durch einen eigenen Hashtag. Im vergangenen Jahr war vor allem Larissa Marolt (#larissa) das zentrale Thema, aber auch Melanie Müller (#melanie), Michael Wendler (#wendler) und Mola Adebisi (#mola) spielten eine wichtige Rolle.“

Die Stars sind für eine Sendung mit dem Titel „Ich bin ein Star“ also zentral? Die große Welt der Forschung ist doch voller Überraschungen. Doch es gibt noch mehr zu erfahren.

Die Entwicklung des Tweetvolumens zu den Kandidaten steht in engem Zusammenhang mit den Ereignissen der Sendung (...). Das bedeutet: Treten spektakuläre Szenen in der Sendung auf, reagieren die Zuschauer auf Twitter unmittelbar, allerdings verlieren sie schon nach kurzer Zeit wieder das Interesse.“

Verrückt. Und noch etwas:

Der überwiegende Teil der Tweets zur Sendung wird während der Ausstrahlung abgesetzt, An- und Abstiege des Tweetvolumens vor und nach der Sendung sind sehr steil.“

Wenn jetzt noch jemand sagt, dass die Moderatoren sich ihre Witze gar nicht selbst ausdenken und Dr. Bob gar kein echter Arzt ist, dann ist nicht nur das Maß voll, welches die Verkündung von Selbstverständlichkeiten als bahnbrechende Erkenntnisse misst, sondern ich stehe auch kurz vor dem Gewinn beim DWDL-Dschungel-Phrasen-Bingo.

Ähm, Moment:

„Einer aber bleibt kühl, ist so richtig down-under-geerdet und verlässt – lässt RTL uns wissen – das Terrarium im australischen Busch nie: Robert McCarron alias ,Dr. Bob’. Er ist zwar weder Arzt noch Doktor, aber ausgebildeter Rettungssanitäter“. (Michael Hanfeld heute auf der FAZ-Medienseite)

„Sonja Zietlow, 46, und Daniel Hartwich präsentieren live von der Cold Coast im Osten Australiens. Die bissigen Kommentare kommen von einer Autorentruppe rund um Micky Beisenherz.“ (Joachim Huber, Tagesspiegel)

Bingo.

Womit ich jedoch nicht der einzige Gewinner in Sachen Dschungelcamp bin, wie sich heute im Wirtschaftsteil der FAZ nachlesen lässt, wo sich Thiemo Heeg und Julia Löhr dem Wandel der Sendung vom Schmuddel-Kind zum Premiumumfeld für Werbekunden widmen.

„Der Kölner Privatsender lässt sich für seine Werbekundschaft viel einfallen, sprich: Er mutet seinen Zuschauern viel zu. Im Angebot ist nicht nur der traditionelle Werbeblock am Stück, der sich leicht durch Zappen oder den Gang zum Kühlschrank umgehen lässt. Weniger gut wegschaltbar sind die sogenannten ,Pre-Splits’: Hier wird die Werbung vor dem eigentlichen Werbeblock plaziert. Oder die ,Cut-ins’: Ein Werbebanner läuft am Bildschirmrand direkt im Programm. Entsprechende ,Sonderinszenierungen’, wie es so schön im Werberdeutsch heißt, hat in der neuen Staffel McDonald’s gebucht. Und noch viel mehr. ,Ein Product Placement rundet die Kampagne ab’, teilt IP freudig mit. Was gestern igitt war, ist heute hip: Werbeprodukte in die Handlung zu integrieren gehört in der Branche fast schon zum guten Ton.“

Dass etwas zum guten Ton gehören muss, um im australischen Dschungel seinen Platz zu finden, immerhin das ist doch mal etwas Neues.


Altpapierkorb

+++ Endlich kann man wieder in aller Ruhe Bettina Wulff googeln, ohne mit schlimmen Worten wie „Escort“ oder „Prostituierte“ behelligt zu werden: Schon bevor heute nach einer Klage Wulffs vor dem Hamburger Landgericht dazu verhandelt werden konnte, sind die automatischen Suchvorschläge verschwunden. „Wir haben unsere Autocomplete-Richtlinien in Bezug auf Beschwerden zu automatischen Vervollständigungen von Personennamen überarbeitet. Auf dieser Grundlage haben wir die fraglichen Ergänzungen entfernt“, zitiert Meedia einen Google-Sprecher. +++

+++ Es ist wieder soweit: Menschen vor Backsteinwänden in Kreuzberger Lofts sprechen in Kameras und werben für ein Medienprojekt, das es besser machen soll als bestehende Angebote. „Der Sender heißt es diesmal und soll Video, Audio, aber auch Visualisierungen und Text anbieten. Das Crowdfunding wird gerade noch vorbereitet; die Idee, sich als Genossenschaft zu organisieren, steht schon heute. +++   

+++ Ein weiteres Wiedersehen mit bekannten Strukturen gibt es im Blog von Stefan Niggemeier, wo Boris Rosenkranz über fragwürdige Umfragen schreibt. Diesmal hat aber nicht der NDR den Rhododendronpark Ammerland um einen guten Platz betrogen, sondern die Bild am Sonntag Veronica Ferres. (Ein Journalist springt für sie in die Bresche – dass sie das noch erleben darf!). +++

+++ „Wir müssen künftig noch unabhängiger, unternehmerischer denken. Um unsere Legitimität unter Beweis zu stellen, gilt es Marktkonformität zu beweisen, indem wir die gefühlte Schutzzone als öffentlich-rechtliche Tochter endgültig hinter uns lassen. Wir müssen ein bisschen kommerzieller werden und so versuchen, stärker auch im Tagesprogramm von Öffentlich-Rechtlichen wie Privaten vertreten zu sein.“ Dies alles und noch viel mehr sagt der neue Bavaria-Chef Christian Franckenstein heute zu David Denk im Interview auf der SZ-Medienseite. +++ Auf der es zudem um die Fernsehduelle vor der Wahl in Großbritannien im Mai geht, bei denen David Cameron nur mitmachen möchte, wenn die Grünen es auch dürfen. +++

+++ Nur weil der mexikanische Milliardär Carlos Slim nun größter Aktionär der New York Times ist, heißt das noch lange nicht, dass er dort jetzt das Sagen hat, schreibt Kurt Sagatz im Tagesspiegel. „Der Amazon-Gründer Jeff Bezos lässt es sich nach dem Kauf der ,Washington Post’ im Oktober 2013 nicht nehmen, sich mit ,Ideen, Fragen und Anregungen’ in die Geschicke der renommierten Zeitung einzumischen. Der mexikanische Milliardär Carlos Slim muss sich bei der ,New York Times’ damit begnügen, größter Aktionär der ,Gray Lady’ zu sein. (...)Die Kontrolle über die Zeitung liegt allerdings weiterhin bei der Verlegerfamilie Sulzberger, die über eine Stiftung den Großteil der nicht frei handelbaren Aktien hält und darüber die Zusammensetzung des Vorstandes bestimmt.“ +++

+++ Eineinhalb Jahre arbeitete man bei Deutschlandradio Kultur an dem Projekt „Blowback – die Suche“, um das dazugehörige Hörspiel nun am kommenden Montag um 0.05 Uhr zu senden. Wer sich danach noch weiter mit dem Thema weltweite Wasserknappheit beschäftigen möchte, für den wurde zudem ein Smartphone- und Tablet-Audiospiel konzipiert. Wie das funktioniert, darüber schreibt heute Svenja Bednarczyk in der taz. +++

+++ „Am Donnerstagabend, der zum Teil aus Shows und aus Filmen besteht, setzt die ARD künftig noch stärker auf Krimis“ ist nur eine der verheißungsvollen Ankündigungen von Programmdirektor Volker Herres, die die dpa dokumentiert und Newsroom veröffentlicht hat (lesen Sie ruhig bis „Die Vorstadtweiber“). +++

Der Altpapierkorb füllt sich am Montag wieder.