Über-, aber auch Unterproduktion

Wieviele Tweets pro Minute generierte der Papst? Haben Twitterer einen Bildungsauftrag? Und fanden alle die gestrige TAZ-Titelseite toll? Außerdem: Warum gute ARD-Serien (von denen es freilich nicht viele gibt) inzwischen eher auf DVD heraus als ins Fernsehen kommen; warum Schauspieler Gastwirte werden.Erwartungsgemäß wird heute in den Print-Medien (und wurde gestern in den Online-Medien) weiträumig nachbereitet und anverwandelt, was gestern, am Tag nach dem Tag des Papst-Rücktritts, in den Print-Medien (und vorgestern in den Online-Medien) geschehen ist.Online gibt's eine Menge Zeitungstitelseiten-Schauen, z.B. bei meedia.de ("Bild vs. taz: das zweite Papst-Titel-Duell"), sehr viel schöner und internationaler diese worldcrunch.com-Übersicht. [Übrigens, unser Foto zeigt Jessica Schwarz (li.) bei der Berlinale-Eröffnung. Was sie zum Papstthema sagte, steht im Altpapierkorb.]Außerdem wurde kräftig gezählt, wobei den Job des Zählens natürlich keine Menschen mehr ausüben. Z.B. wurde ermittelt, dass der Papst-Rücktritt "das bisher größte Social-Media-Phänomen des Jahres 2013" war, weil in den ersten 24 Stunden nach der Ankündigung "mehr als 4 Millionen Tweets" "die Begriffe 'Papst' und '#Papst' in den meistverbreiteten Sprachen" enthalten hätten (wiederum meedia.de). Es wurde aber auch ermittelt, dass Benedikt XVI. "in den ersten sechs Stunden" nach Bekanntwerden der Ankündigung lediglich 1.979 Tweets pro Minute generierte, also gegenüber dem jüngsten Sprint-Olympiasieger Usain Bolt, der es auf 80.000 Tweets pro Minute gebracht habe, eklatant abfiel (zeit.de). Und das, obwohl solche Olympiasprints alle vier Jahre stattfinden, also sehr viel häufiger als Papst-Rücktritte.Um kurz, ähm, gegenzuchecken: kress.de bzw. dem dort zitierten Media Monitoring-Unternehmen namens uberMetrics Technologies zufolge wurden am Montag zwischen 11.00 und 24.00 Uhr international 6,6 Tweets pro Sekunde mit 'Papst' und 'Pope' gezählt, was 24.000 Tweets pro Stunde entspricht - also dramatisch viel weniger Tweets als der im vorigen Absatz genannte tpm-Wert von 1.979 pro Stunde ergäbe. Ob sich das allein daraus erklären lässt, dass uberMetrics nur auf deutsch und englisch monitort und die digitale Papst-Affinität in romanischen Sprachen noch viel größer ist? Fragen über Fragen selbst zu den harten Zahlen. Immerhin lässt sich die Meta-Frage, ob so etwas denn wichtig ist, mit einer Deutlichkeit beantworten, mit der man wichtige Fragen auch gern beantworten können wollte.

[+++] Die gedruckte Presse legt viel Wert auf human touch. Deshalb gibt's heute viele Porträts der zumindest ein wenig lateinkundigen Übersetzerin Giovanna Chirri, mit der wir gestern aus dem Haupttext des Altpapiers ausstiegen, etwa in der TAZ ("Die Papstversteherin"), aber auch in der Springer-Presse (Welt, Bild) und der Süddeutschen (S. 31, "Wie Giovanna Chirri ihren größten Scoop landete").

Überdies gibt's weitere, wiederum vor allem Twitter-basierte Echtzeitwitze-Analysen. Wo der Anspruch hoch ist, fallen sie zusammen mit der Zeitungstitelseiten-Schau, Echtzeit- und der grundsätzlichen Analyse. Etwa ebenfalls auf der SZ-Medienseite heißt es unter der Überschrift "Wie das Netz zum Seismografen wurde":

"Der Reflex zur Reaktion macht Twitter zunächst einmal erneut zu einem Gradmesser des Weltzustandes. Früher regelten das die Zeitungen, im digitalen Zeitalter muss man sagen: gemächlich, aber zuverlässig. (...) Das funktioniert für Zeitungsleser bis heute. Die Bild-Zeitung zum Beispiel, die den Papst liebt, reagierte jetzt mit einer komplett dem Thema gewidmeten Titelseite und pastoralem Tonfall, die taz, die den Papst wohl hasst, mit einer komplett dem Thema gewidmeten Titelseite und einem respektlosen Witzchen, das auch auf Twitter hätte stehen können ('Gott sei Dank')"

Dann geht's im Artikel um den Umgang der Nachrichtenagenturen mit dem Thema, sowie um Twitter:

"Naturgemäß ungefilterter und ohne Fokus auf Nachrichtenwerte, aber in der Masse umso beeindruckender, war die Tweet-Lawine auf Twitter. Die inhaltliche Bedeutung war in aller Regel vernachlässigbar, aber Twitternutzer haben schließlich auch keinen Bildungsauftrag",

stellt Johannes Boie klar. Eine weitere umfassende Echtzeitwitze-Analysen bietet die TAZ. Verfasst hat sie der u.a. aus Nischensender-Talkshow- sowie Twitter-Zusammenhängen bekannte Jan Böhmermann:

"Während sich noch Stunden nach Verkündung des pontifikalen Rückzugs Millionen Qualitätsjournalisten weltweit um eine angemessen schnippische Grundhaltung und fantasievoll herbeiinterpretierte Hintergrundinformationen bemühen, sind socialnetworkmäßig nach fünfundvierzig Minuten bereits alle geilen Gags bis in die allerletzte Metaebene gemacht."

Diese Analyse wäre wahrscheinlich noch analytischer, wenn sie etwas weniger witzig wäre oder sein wollte (was davon zutrifft, analysieren Sie bei Interesse bitte selbst), ist aber schon wegen ihrer Verve ("petersdomhohe Papstpointenkillerwelle aus den sozialen Netzwerken", "reflexhaftes Abfeuern billiger Netz-Lachraketen"...) lesenswert. Böhmermann macht sozusagen die männliche Kriegsreporterin, die auf der heutigen TAZ-Medienseite den übrigen Platz einnimmt ("Zum Papst sag ich mal nix. Das ist ja alles schon rum!", sie geht indes auf Frank Schirrmacher ein, der ja noch am Montagmorgen an dieser Stelle eine Viertelstunde lang Superstar war...). Böhmermann wiederum übernimmt es außerdem noch, für die TAZ auf die wohl härteste Kritik an ihrer gestrigen Titelseite einzugen. "Dümmste, verlogenste Schlagzeile heute", lautete sie und kam vom Jung-Twitterer (erst 24 Tweets bis heute morgen) Claudius Seidl. Falls Sie das interessiert: Beachten Sie auch die Antworten des TAZ-Redakteurs Felix Dachsel.

Falls Sie bisher zur TAZ geklickt haben, sind Sie in einer Randspalte wahrscheinlich auch auf die aktuelle, wie oft schöne Deniz-Yücel-Kolumne ebenfalls zum Thema gestoßen. Kurzum: Was auch immer sich den deutschen Medienschaffenden vorwerfen lässt - dass sie in irgendeiner derzeit existierenden Mediengattung und auf irgendeiner Schaffenshöhe zu wenig Content rund um den Papst-Rücktritt geschaffen haben, das nicht.[+++] Seinen sehr diskussionswerten Text aus dem Januar "Der Journalismus ertrinkt in einem Meer von Texten" hat Wolfgang Michal nun auf Carta kurzerhand mit ein paar weiteren Beispielen von ebenfalls sozusagen ertrinkenden Mediengattungen auf eine ganz andere Ebene von "Überproduktionskrisenerscheinungen" erweitert. "Fakt ist, dass in Deutschland viel zu viel (sinnlos) gearbeitet und viel zu wenig (genießerisch) konsumiert wird", schreibt Michal enorm grundsätzlich. Vielleicht ließe sich darüber diskutieren (sehr gut zumindest in den gängigen Talkshows). Allerdings scheint mir, dass Michal digitale, immaterielle Medieninhalte arg kurzerhand mit nicht oder kaum digitalen, materiellen Verbrauchsgütern in einen Topf wirft, die die Verbraucher nicht nur mit Daten und Aufmerksamkeit für den Werberahmen bezahlen, sondern auch noch mit Geld.

Sinnvoll erscheint aber zumindest die Ausweitung der Überproduktions-These auf weitere Medien. Eins der von Michal verlinkten Beispiele ist der Artikel des Altpapier-Autors Matthias Dell aus dem noch aktuellen Freitag über die systematische Überproduktion deutscher Kinofilme, die im Kino kaum jemand ansieht und ansehen kann, und die bei der stark verzögerten Fernsehpremiere, falls es überhaupt dazu kommt, dann im Ruf eines längst durchgenommenen, gefloppten Kinofilms stehen. Schon weil die öffentlich-rechtlichen Sender dabei eine große, angesichts ihres insgesamt gewaltigen Budgets nicht besonders rühmliche Rolle spielen (u.a. geht's um "Rückstau bereits produzierter Filme"), ist dieser Kinofilm-Text auch hier im Medien-Rahmen lesenswert.

[+++] Andererseits, natürlich gut für die Medienschaffenden, den Standort usw., wenn viel gedreht wird. Wenn man am Set ist und mit eigenen Augen sieht, was für eine Mühe sie sich unter widrigen Umständen geben, ist man schnell ganz begeistert. Sehr begeistert ist der Tagesspiegel heute von der Serie "Weißensee", deren zweite Staffel "gerade für die ARD abgedreht worden" ist: "ein atemberaubendes Kunstwerk. Noch dichter, noch authentischer, noch emotionaler als die dichte, authentische, emotionale Vorlage", schreibt der Autor. Und auch wenn er ein wenig sehr an den Lippen der Produzentin Regina Ziegler hängt ("...hat für 'Weissensee' den Terminus 'Hochglanz-Serie' erfunden. Glaubwürdigkeit hat ihren Preis..." - das ist nun wirklich Quatsch), wäre gegen ehrliche Begeisterung ja nichts einzuwenden - höchstens gegen den integrierten Spoiler, vor dem entgeisterte Kommentatoren warnen... -, wenn dabei nicht ein wesentlicher Aspekt beinahe unterginge. "Schon im März werden die sechs neuen Folgen als DVD erhältlich sein, die Ausstrahlung im Ersten folgt dann Anfang September", informiert der Tsp..

"Dank Ihres Rundfunkbeitrags. ARD-Serie erscheint zuerst auf DVD", ärgerte sich kürzlich epd medien zu demselben Thema. Es sei

"Ziegler die Hutschnur geplatzt. Nun bringt sie die DVD schon im März heraus, weil sie nicht auf den Produktionskosten sitzenbleiben will, an denen sie sich beteiligt hat. ... Was die ARD da macht, ist nicht nur ärgerlich für die Beitragszahler, das Erste geht auch fahrlässig mit dem TV-Format Miniserie um. Wenn die zweite Staffel nun nach der drei Jahre langen Pause floppen sollte, wird es wieder heißen, die Miniserie funktioniere eben in Deutschland nicht",

hieß es dort. Der einzige Serien-Sendeplatz wird u.a. durch die Nonnen-Serie "Um Himmel Willen" blockiert.Dass die enorme Überproduktion an unterkomplexen Schmonzetten (siehe Silvester-Altpapier), an der Ziegler ebenfalls partizipiert, mit geradezu einer Unterproduktion an fortlaufend erzählten, komplexen Serien einher geht, die dann auch noch mit schmonzettigen Serien um Sendeplätze kämpfen müssen, und dass die öffentlich-rechtlichen Sender, die bestimmt nicht unter einem Mangel an Programm-Managern leiden, daran über Jahre hinweg nichts ändern zu können glauben, das gehört mit zum Gesamtbild. 


Altpapierkorb

+++ Zurück zum Papst: Schöne Geste, dass die DPA am Rande der Berlinale auch deutsche Schauspieler befragte, was sie denn dazu sagen, bzw. dass das SZ-Feuilleton die Meldung auf seiner ersten Seite bringt (... "'Was? Der Papst ist zurückgetreten? Meine Güte, es ist Berlinale - ich kriege nichts mit', sagte die Schauspielerin Jessica Schwarz (35)"). +++ Teil des Überproduktions-Problems im Fernsehen: Die Gagen dieser Schauspieler sinken. Deshalb drängen sie nun, berichtet der Kölner Stadtanzeiger unter besonderer Berufung auf Christian Kahrmann, in den zumindest in Berlin freilich auch nicht unterbesetzten Markt der Gastwirte... +++

+++ Noch mehr Überproduktion droht: "Accelerator-Schwemme" in Deutschland, "extremes Überangebot...", und zwar jetzt besonders dank der jüngsten, von Kai "Silicon Valley" Diekmann mitangeleierten und von Philipp Rösler unterschriebenen Axel Springer-Initiatve. Meint zumindest deutsche-startups.de. +++

+++ Hans-Dietrich Genscher ist sozusagen der Adressat von Stefan Niggemeiers neuestem Blogeintrag, und zwar weil der FDP-Altstar Ehrenvorsitzender im Beirat einer Agentur ist, die "undemokratischen Regierungen bei der Imagepflege hilft" (wie Niggemeier den Spiegel zitiert bzw. anteasert) und zu ihren Kunden auch den Vorjahres-Schlager-Grand Prix-Ausrichter Aserbaidschan zählt. +++

+++ Ulrike Simon berichtet auf newsroom.de über eine Verhandlung des Frankfurter Arbeitsgerichts sozusagen über den Binnenpluralismus der FAZ. +++

+++ Ich bin dagegen, Todesanzeigen und Nachrufe inhaltlich zu bewerten. Deswegen dokumentiere ich nur ein paar Auszüge aus dem Nachruf des DuMont Schauberg-Hierarchen Alfred Neven DuMont in seiner Berliner Zeitung auf den DuMont Schauberg-Hierarchen Dieter Schütte: "Wenn Dieter Schütte in diesen Tagen seine letzte Reise angetreten hat, dann muss er wohl Rechenstift und Jagdgewehr zurücklassen, aber er hat uns verlassen mit der Gewissheit, ein reiches, gnadenvolles Leben von nahezu 90 Jahren vollendet zu haben"..., u.a. auch weil er den Zweiten Weltkrieg "als schmucker Marine-Oberleutnant überlebt hatte". Was vielleicht, irgendwie die Zukunft des Zeitungsverlags angeht: "Das Testament ist: Wenn die Verantwortlichen einer Familiengesellschaft auf der einen Seite ihre Begabungen in ein Unternehmen voll einbringen, aber daneben ihre Empfindungen wenn nötig für den Gewinn des Ganzen zurückstellen, um der Sache zu dienen und das Gemeinsame zu sehen und zu wahren, kann ihr immer wieder auch eine Zukunft gegeben sein." +++

+++ Was gibt's Neues von Peer Steinbrück, dem doch wieder verhinderten Blog-Star (siehe Altpapier)? "Peer Obama" und "Ichling" nennt ihn die TAZ ob seiner Medienstrategie. +++ "Die Kontakte von Gelsenwasser zum Kanzlerkandidatenberater Hans-Roland Fäßler reichen tiefer als bisher bekannt...", hat derwesten-recherche.org investigiert. +++

+++ Internationale Presse: "Dumm und dümmer" lautet die Überschrift zu Jürg Altweggs FAZ-Artikel darüber, wie Schweizer Zeitungen übereinander her" "fallen". Es geht u.a. um dieses merkwürdige Tagesanzeiger-Interview mit dem nach einer Twitter-Affäre schwer karrieregeschädigten "Lokalpolitiker" Alexander Müller ("Anders als in den Medien dargestellt, habe ich nie eine Kristallnacht gefordert...", " Es gehört zu meinem Kommunikationsstil, dass ich mich pointiert äussere.."). +++ Christian Zaschke gelingt es in seinem SZ-Artikel zum 125. Geburtstag der Financial Times, der mit "How to spend it"-Titelseiten auch schön bebildert ist, die eingegangene FTD mit keinem Satz zu erwähnen. +++

+++ Die BLZ porträtiert Katzenberger-Produzent Bernd Schumacher (BLZ). +++ Der RBB strukturiert um und errichtet eine neue Abteilung "Multimediale Information" (Tsp.). +++ Die FAZ weiß einen neuen Gegner des neuen Rundfunkbeitrags: "Nun wehren sich die evangelischen Kindertagesstätten in Schleswig-Holstein dagegen, ihn zu zahlen". +++

+++ Sieht fast aus, als hätte Kurt Sagatz vom Tsp. eigentlich eine Besprechung der heutigen 3sat-Dokumentation "Faszination Facebook" schreiben wollen, sei dann aber auf einen doch interessanteren Guardian-Artikel gestoßen. Jedenfalls interessant, was dort über das Social Media-"Spionageprogramm" der Rüstungsfirma Raytheon stand... +++

+++ Die weitere heutige Über- Produktion des deutschen Fernsehens: Hubert Seipels ARD-Film "Die Syrien-Falle" (23.15 Uhr) "tappt... gelegentlich selber in eine Syrien-Falle", meint die Süddeutsche. +++ Gut dagegen: "Die Nazi-Braut", trotz des falschen Titels ("Der Titel des Films benennt das Missverständnis, mit dem die beiden Autoren Rainer Fromm und Christian Deick aufräumen... Genau das aber, eine Mitläuferin, ein Anhängsel, ein Groupie ist Beate Zschäpe nicht"), meint Michael Hanfeld in der FAZ: Dem Film "fehlt nur eines: ein Sendeplatz im ZDF-Hauptprogramm. Er läuft auf dem Digitalkanal ZDFinfo", und das um sage und schreibe 17.45 Uhr! Hier gibt's den Knapp-30-Minüter in der Mediathek. +++ "Offensichtlich kam niemand der Beteiligten (also auch nicht die Redaktion, die diesen Film abgenommen hat) auf die Idee, dass man in einem Film, der 'Stille' heißt, nicht die ganze Zeit reden kann", kritisiert die FAZ wiederum Xaver Schwarzenbergers 20.15 Uhr-ARD-Film. +++Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.