In seiner berühmten Botschaft an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften im Jahr 1996 erkannte Papst Johannes Paul II. die Evolutionstheorie als "mehr als nur eine Hypothese" an. Er bezeichnete die Evolution als eine von Gott gewollte und gelenkte Methode der Schöpfung, als zielgerichteten Prozess statt einer Kette zielloser Zufälle. Er betrachtet besonders den Menschen als ein geistiges Wesen, das Gott erschuf.
Wie passt diese Aussage zum Weltbild der Naturwissenschaft? Forscher erklären ja alle Vorgänge der Welt durch strenge Gesetze, die im Detail mit ungeheurer Genauigkeit experimentell nachprüfbar sind. Dennoch spielen der Zufall, das Chaos und die Quantenphysik eine wichtige Rolle. Es stellt sich die Frage, wie Gott in dieses System eingreift. Verändert er die Naturgesetze oder steuert er den Zufall?
Am wichtigsten stellt sich diese Frage am menschlichen Gehirn und Geist. Mit naturwissenschaftlichen Methoden wird das Gehirn gegenwärtig in ungeheurem Detail erforscht. Die Frage wird immer drängender, wie in ihm zielstrebiges Verhalten, Gefühle, Geist und Bewusstsein entstehen oder wie diese überhaupt definiert werden.
Wo ist Raum für göttliche Eingebung?
Gibt uns die kürzlich entstandene künstliche Intelligenz eine Antwort? Wenn wir mit ihr sprechen, dann ist unser Gegenüber ein elektronischer Rechner. Dieser ist ein rein materielles Gebilde, das in seiner Struktur und seiner Funktion vom Menschen erdacht und durch und durch verstanden ist. Wenn wir diese künstliche Intelligenz als ebenbürtige oder gar überlegene Intelligenz ansehen, dann bleibt kaum Platz für die Idee einer göttlichen Eingebung.
Christoph von der Malsburg ( *1942) ist ein deutscher Physiker, Neurobiologe und Hochschullehrer. Nach seiner Tätigkeit am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen wurde er 1987 Professor an der University of Southern California. 1990 gründete er gemeinsam mit Werner von Seelen das Institut für Neuroinformatik an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2007 ist er Senior Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Studies.
Der Computer folgt festen Regeln: Er entscheidet genau so, wie es im Programm steht. Sogar der Zufall ist geplant. Wenn das Programm mit den gleichen Daten mehrmals startet, passiert immer das Gleiche. Wo also ist Raum für Inspiration
Nun wird im Rahmen der heutigen künstlichen Intelligenz die Frage nach dem Ursprung intelligenter Inhalte oder Funktionen nicht gestellt: Das Programm sagt nichts aus über die Entstehung von Ideen oder Einsichten in die Welt, es beschränkt sich darauf, ein neuronales Netz zu erzeugen, das sich in kleinen Schritten so lange verändert, bis es von Menschen gemachte Entscheidungen oder Strukturen richtig nachvollzieht.
Alles im System nach langwierigem Training schließlich angesammelte Wissen und Können ist also nicht dort, sondern im Menschen entstanden, der das Trainingsmaterial und das Programm erzeugt hat. Mit unserer Frage sind wir also immer noch allein gelassen.
Unzuverlässiger Apparat dennoch sinnvoll?
Wie aber entsteht Geist im menschlichen Gehirn? Im Unterschied zum Rechner herrscht dort der Zufall. Die Signalübertragung von einem seiner Neuronen auf ein anderes ist sehr unzuverlässig, Verbindungen verändern ihre Stärke innerhalb von Stunden, und Nervenzellen feuern weitgehend zufällig auf wiederholte gleiche Reize. Wie kann ein Apparat, dessen Bauteile so unzuverlässig sind, überhaupt sinnvoll funktionieren, und wie, vor allen Dingen, kann er kreativ und geistvoll sein?
Das Gehirn entkommt sinnlosem Chaos, indem sich immer wieder Nervenzellen zusammenfinden, die sich gegenseitig in ihrer Aktivität unterstützen. Jede Zelle wird von Dutzenden anderer angeregt, so dass die Aktivierung aller Beteiligten, für den Moment als Ganzes zusammengeschlossen, immun ist gegen Zufall.
Unter allen kombinatorisch möglichen Aktivitätsmustern erfüllt nun aber nur ein sehr, sehr kleiner Bruchteil die Bedingung der internen Stimmigkeit. Diese relativ wenigen (aber an Zahl immer noch quasi unendlich vielen) Aktivitätsmuster realisieren die Funktion des Gehirns: Sie zeigen die Welt, die uns umgibt, sie steuern die Bewegungen unseres Körpers und sie verkörpern unser Bewusstsein, unsere gesamte innere Welt.
Ob solche Muster im Gehirn überhaupt möglich sind, ist die Art von Fragen, wie sie von Mathematikern gestellt werden. Die von ihnen beschriebenen komplexen Strukturen werden von ihnen nicht erfunden, sie werden gefunden. Diese Strukturen sind als Denkmöglichkeiten in einem immateriellen und ewigen Sinn einfach da, sie waren schon da, bevor ein Mathematiker auch nur hingeschaut hat. Ein unendliches Reich weiterer solcher Strukturen wartet noch darauf, entdeckt zu werden.
Wie wirken nun diese Muster auf das Gehirn ein? Konkret passiert dies dadurch, dass jede Nervenzelle in dem Chaos der sie erreichenden Signale sich Momente der Sicherheit sucht, indem sie Verbindungen herstellt und verstärkt, die von immer wieder gleichzeitig aktiven Mengen anderer Nervenzellen kommen. Das nennt man synaptische Plastizität.
Dieser im Verlauf der vor- und nachgeburtlichen Entwicklung des Gehirns an jedem einzelnen seiner Milliarden Neuronen ablaufende Prozess durchläuft endlose Irrungen und Wirrungen. Sobald er aber in die Nähe widerspruchsfreier Musterstruktur kommt, fixiert er diese durch Verstärkung der Verbindungen gleichzeitig aktiver Neuronen. Er kann sie dann immer leichter und sicherer wiederherstellen.
Wie ist die Existenz des Inspirators zu erklären?
So wird das materielle Gehirn durch den Geist inspiriert. Der Geist ist als immaterielles, ewiges, in seiner Komplexität unendliches Reich widerspruchsfreier Formen zu beschreiben. Nicht durch Eingriff in die Gesetze, nicht durch Lenkung des Zufalls, sondern durch Fixierung zufällig entstandener Konfigurationen!
Und die Materie der ganzen Welt, von den Atomen bis zum Kosmos, ist so inspiriert: Von Chaos beherrscht gerät sie durch Zufall in die Nähe von in sich selbst konsistenter (Anm. d. Red: widerspruchsfreier) Konstellationen von Kräften und wird von diesen stabilisiert. Einfachstes Beispiel sind Kristalle, gitterförmige Anordnungen von sich gegenseitig festhaltenden Atomen. Schon bevor sich der erste Kristall bildete stand fest, es gibt, mathematisch beweisbar, nur genau 14 Typen solcher Anordnungen.
Aber auch das unvorstellbar viel kompliziertere Leben in seiner ursprünglichen Entstehung und seiner Evolution und seinen tausendfältigen Formen ist das Ergebnis von Inspiration durch das Formenuniversum. Das ist die Perspektive, unter der die Naturwissenschaft die genannten Aussagen von Papst Johannes Paul II. betrachten sollte.
Es bleibt das tiefe Rätsel, wie die Existenz des Inspirators, des immateriellen, ewigen, in seiner Komplexität im echten Sinne unendlichen selbstkonsistenten Formenuniversums zu erklären ist.



