Nicht über Religion grübeln, sondern den Glauben leben

Nicht über Religion grübeln, sondern den Glauben leben
Augenzwinkernde Erzählungen statt Moralpredigten: Vor 250 Jahren, am 10. Mai 1760, wurde der Dichter, Pädagoge und evangelische Pfarrer Johann Peter Hebel geboren.
04.05.2010
Von Christine Süß-Demuth

Es ist eine seiner bekanntesten Erzählungen: "Kannitverstan". Darin schildet Hebel die Reise eines jungen Tuttlinger Handwerksburschen nach Amsterdam. Er bewundert die prächtigen Bürgerhäuser und die großen Schiffe am Hafen, doch als er Passanten nach dem Eigentümer fragt, können sie ihn nicht verstehen und antworten immer "Kannitverstan". Des Holländischen nicht mächtig, meint er, alles gehöre dem reichen Herrn Kannitverstan.

Schließlich begegnet der törichte Handwerksbursche einem Trauerzug. Auf die Frage, wer hier beerdigt werde, lautet die Antwort wiederum: Kannitverstan. Fortan denkt der Bursche, wenn er mit seiner Armut hadert, stets "an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff, und an sein enges Grab". Das Missverständnis lässt die Leser schmunzeln, trotzdem kommt die Botschaft an: Angesichts des Todes sind alle gleich.

Schon mit 13 Jahren Waise

Johann Peter Hebel wurde in Basel geboren, er starb 1826 in Schwetzingen. Der Dichter stammte aus einer armen Familie und wurde schon mit 13 Jahren Waise. Aufgewachsen ist er im südbadischen Hausen, im Wiesental bei Lörrach. Nach seinem Studium in Erlangen arbeitete er als Lehrer zunächst in Lörrach, bevor er 1791 ans "Gymnasium Illustre" wechselte, dem heutigen Bismarck-Gymnasium in Karlsruhe.

Weniger bekannt ist, dass Hebel auch Theologe war und 1819 zum Prälaten der evangelischen badischen Landeskirche ernannt wurde. 1821 wurden die reformierte und lutherische Kirche in Baden zusammengeführt. Dabei spielte Hebel durch seine weltoffenen und toleranten theologischen Ansichten eine wichtige Rolle. Er wurde erstes geistliches Oberhaupt der unierten badischen Landeskirche.

Texte auf alemannisch

Vor allem seine humorvollen und lehrreichen "Kalendergeschichten", die er ab 1803 für den "Rheinischen Hausfreund" verfasste, haben Hebel bekanntmacht. Als erster deutscher Dichter schrieb er auch Texte in seinem Heimatdialekt, dem Alemannischen. Was manche als provinziell erachteten, bewunderte sein Zeitgenosse Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Dieser schrieb auch Rezensionen zu Hebels Gedichten.

Fortschrittlich war der Dichterpfarrer darüber hinaus in der Pädagogik. Von der Prügelstrafe hielt er nichts. Wie hintergründig, knapp und augenzwinkernd Hebel seine Ansichten weitergab, zeigt die dreizeilige Erzählung "Die Ohrfeige". Ein Büblein klagt seiner Mutter: "Der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben." Der Vater aber kam dazu und sagte: "Lügst du schon wieder? Willst du noch eine?"

Theologie verständlich gemacht

Der Hebelexperte und evangelische Schuldekan Uwe Hauser aus Müllheim lobt Hebels Fähigkeit, "über die Welt zu informieren, gleichzeitig zu unterhalten und ganz nebenbei in verständlicher Sprache Theologisches geschickt verpackt dem Leser vorzulegen". Hebel habe dem Dialekt, der Sprache der einfachen Leute, eine literarische Qualität gegeben. Das sei bei den Menschen angekommen, sagt Hauser, der zum Jubiläumsjahr die Broschüre "Johann Peter Hebel - Vom Lesen und Verstehen des Lebens" verfasst hat.

Der badische evangelische Landesbischof Ulrich Fischer würdigt Hebel als "begnadeten Dichter und Menschenkenner". Als Pädagoge habe er Generationen von Schülern geprägt und für die christliche Religion interessiert. Und Hebels "Biblische Geschichten" (1824) seien "ein Stück Weltliteratur für den schulischen Gebrauch". Fischer weist auch auf Hebels bedeutende Rolle als einer der "Väter der Ökumene" in Deutschland hin. Wie der Reformator Philipp Melanchthon (1497-1560) habe der Theologe Hebel versucht, konfessionelle Gräben zwischen Reformierten und Lutheranern in Baden zuzuschütten.

Ausgleich mit den Katholiken

Hebel bemühte sich auch um den Ausgleich mit der katholischen Kirche. Nicht die Konfession, sondern die Inhalte des christlichen Glaubens waren für Hebel wichtig, wie er es auch in seiner 1811 veröffentlichten Geschichte "Die Bekehrung" schildert. Darin lebten zwei Brüder friedlich, bis der ältere katholisch wurde, während der jüngere lutherisch blieb. Nach viel Streit und Diskussionen überzeugten sie sich gegenseitig von der jeweils anderen Kirche: "Also hat der katholische Bruder den lutherischen bekehrt, und der lutherische hat den katholischen bekehrt", heißt es bei Hebel. Sein Fazit: Die Menschen sollen nicht über die Religion grübeln, sondern den Glauben leben.

Informationen zu Leben und Werk Hebels sowie zu den Veranstaltungen im Jubiläumsjahr finden Sie hier.

epd