Ina Gschlössl forderte das volle Pfarramt für Frauen

Ina Gschlössl forderte das volle Pfarramt für Frauen
Bockig, sagen ihre Freundinnen, bockig war sie, die Ina. So gar nicht diplomatisch. Wenn sie was wollte, dann konnte sie so lospoltern, dass die Männer auf Anhieb wussten, wen sie vor sich hatten. "Ich stamme", pflegte sie zu sagen, "von Tiroler Holzhackern ab."
04.03.2010
Von Ursula Ott

Und, mein Gott, sie will wirklich was. Sie will Pfarrerin werden in Köln. Unbedingt. Ina Gschlössl, 1898 geboren, nimmt das evangelische Theologiestudium im Jahr 1922 auf. Da gibt es zwar noch keine Aussicht für Frauen, fürs Pfarramt zugelassen zu werden. Aber träumen wird man ja wohl dürfen. Schließlich rücken die Frauen weltweit in Männerdomänen vor: 1922 wird in Paris die erste Frauen-Leichtathletik-WM ausgetragen, 1923 wird die erste Professorin an eine deutsche Hochschule berufen, 1924 die erste Frau zur Botschafterin.

Sie forderte alles

Ina Gschlössl trifft beim Studium in Marburg den religiösen Sozialisten Paul Tillich. In ihrer Freizeit leitet sie Jugendgruppen bei den Wandervögeln, 1927 beginnt sie bei dem "roten Pfarrer" Georg Fritze in Köln ihr Vikariat. Da hat sie schon mehrere Kommilitoninnen um sich versammelt, die eins verbindet: der Kampf um die Öffnung des Pfarrdienstes für die Frauen. Und Gschlössl betont: des vollen Pfarrdienstes. Denn es blüht den jungen Theologinnen, was in der Frauenbewegung immer wieder zu beobachten ist: Sie spalten sich in die Angepassten - hier den "Verband evangelischer Theologinnen", der sich mit dem Dienst in "untergeordneten Positionen" zufriedengibt. Und in die - von Ina Gschlössl gegründete - "Vereinigung evangelischer Theologinnen". Die fordert alles, das volle Pfarramt - predigen, trauen, taufen und beerdigen.

Doch ihr Lebenstraum platzt. Zwar dürfen Frauen ab 1927 Vikarin werden. Doch die unbequeme Gschlössl wird im November 1927 an die Berufsschule "abkommandiert", wie sie selber bis ins hohe Alter immer wieder bitter beklagt. Den Rest erledigen die Nazis. Im August 1933 wird Ina Gschlössl aus dem Schuldienst entfernt, nach einem Verhör vor der ganzen Klasse. Die Lehrerin habe sich, so der Kölner Oberbürgermeister, "in einer Religionsstunde über die Judenfrage in einer Art und Weise ausgelassen, die jedes Verständnis für den nationalen Standpunkt vermissen lässt". Typisch Gschlössl. "Saftig und deftig" habe sie immer die Wahrheit gesagt, erinnert sich ihre Freundin Ilse Härter.

Arbeit in der Inneren Mission

Die Gemeinde sieht sich außerstande, ihr eine neue Stelle zu besorgen, "wenn sie nicht von ihrem beharrlich eigensinnigen politischen Urteil zurecht findet". Offiziell arbeitslos, unterrichtet sie gegen Kost und Logis die behinderten Kinder eines jüdischen Arztes. 1938 wird sie für die Innere Mission angestellt: Sie betreut die Todeskandidatinnen im Klingelpütz, dem Kölner Frauengefängnis, und übernimmt ganz allein die "Betreuung halb-arischer und nicht-arischer evangelischer Christen" in Köln. Indem sie Akten vernichtet, rettet sie Juden vor dem KZ.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernimmt sie die Leitung des Religionsunterrichtes an den Kölner Berufsschulen. Ohne Räume, ohne Geld, ohne Personal. Das ist im besten Sinne lutherisch: Sie strebt nach mehr, aber sie gibt ihr Bestes auf dem Platz, auf dem sie ist. "Sie hat ihre Schüler nie spüren lassen, dass man sie an die Berufsschule abgeschoben hatte", erinnert sich Freundin Härter.

Sie spielte ihre Verdienste herab

Im Gegenteil: Sie ist, was man bis heute eine gute Lehrerin nennt. Geht zu den Familien der Schüler nach Hause, kümmert sich besonders um die "gefallenen Mädchen", holt eine Sozialfürsorgerin an die Schule. Eigentlich träumt sie selber von einer "Schar Kinder". Aber wie die meisten Lehrerinnen bleibt sie ledig und kinderlos - denn mit der Ehe hätte sie sofort den Dienst quittieren müssen, so ist das Beamtenrecht bis in die fünfziger Jahre. "Ohne Beruf", so sagt ihre Freundin Härter, "wäre Ina nicht glücklich geworden."

"Was ist das schon?", spielt sie ihre Verdienste herab, als man ihr 1966 beim Abschied eine Rede hält. Es ist viel, und doch bis heute kaum gewürdigt. Als in Köln eine Berufsschule nach Ina Gschlössl benannt werden soll, wird der Antrag abgelehnt. Der Name sei unaussprechlich. Ein Holzhackername eben. Oder war's doch der Eigensinn, der störte?