"Bunte" bezeichnet Berichte des "Stern" als scheinheillig

"Bunte" bezeichnet Berichte des "Stern" als scheinheillig
Die Praktiken der Berliner Foto- und Presseagentur CMK beschäftigen nun auch den Deutschen Presserat. Der SPD-Politiker Franz Müntefering habe sich offiziell über eine von der Zeitschrift "Bunte" in Auftrag gegebene Recherche der CMK beschwert, teilte das Selbstkontrollorgan am Mittwoch in Berlin mit. Der Geschäftsführer des Presserats, Lutz Tillmanns, sagte dem epd, zunächst müsse der Einzelfall gründlich geprüft werden. Darüber hinaus müsse untersucht werden, "ob es sich um ein strukturelles Problem handelt". Die "Bunte" und die CMK hatten zuvor erneut Kritik an den Recherchen zurückgewiesen.

Bereits in der vergangenen Woche war durch einen "Stern"-Bericht bekanntgeworden, dass die "Bunte" die CMK unter anderem auf das Privatleben von Franz Müntefering (SPD), Oskar Lafontaine (Linke) und Horst Seehofer (CSU) angesetzt hatte. Nach Informationen des Magazins soll CMK den Briefkasten der heutigen Ehefrau Münteferings, Michelle Schumann, manipuliert haben. Die "Bunte" bestätigte, diese Recherchen in Auftrag gegeben zu haben, erklärte aber zugleich, dass man von angeblich unlauteren Methoden des beauftragten Dienstleisters nichts wisse.

Der Presserat erklärte nun, der Vorgang stelle eine "Problematik von erheblicher ethischer Bedeutung" dar. Die Bewertung des Falls könne aber nur in einem Beschwerdeverfahren erfolgen, in dem auch die Gegenseite gehört werde. Geschäftsführer Tillmanns sagte, der Presserat werde über weitere Schritte nachdenken, wenn es sich bei der vom "Stern" beschriebenen Praxis um ein in der Branche übliches Vorgehen handeln sollte. Möglich sei etwa eine gesonderte Erklärung zu dem Thema.

Grenzüberschreitungen bei der Recherche

Von den rund 1.300 Beschwerden, die 2009 beim Presserat eingingen, hätten sich zwei Dutzend auf Grenzüberschreitungen bei der Recherche bezogen, sagte Tillmanns. Bei verdeckten Recherchen müsse stets das öffentliche Interesse gegen Persönlichkeitsrechte abgewogen werden. In Ziffer 4 des Pressekodex heißt es: "Bei der Beschaffung von personenbezogenen Daten, Nachrichten, Informationsmaterial und Bildern dürfen keine unlauteren Methoden angewandt werden."

Wie der "Stern" vorab aus seiner Donnerstagsausgabe berichtete, hat CMK auch das Privatleben des früheren Bundesverkehrsministers Wolfgang Tiefensee (SPD), des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU) und des niedersächsischen Regierungschefs Christian Wulff (CDU) ausgeforscht. Grund dafür seien bei Tiefensee und Oettinger neue Liebesbeziehungen gewesen. Das Magazin bezieht sich unter anderem auf interne Abrechnungsunterlagen der CMK.

In Reaktion darauf erklärte die "Bunte", es sei befremdlich, dass der "Stern" erneut den Eindruck erwecke, die "Bunte" habe Politiker systematisch ausgespäht. Dies treffe nicht zu. In zwei Fällen habe CMK der "Bunten" Fotos angeboten, die dann auch veröffentlicht worden seien. Hierzu habe es jedoch keinen Auftrag gegeben. In einem anderen Fall habe CMK einen Fotoauftrag der "Bunten" erhalten. Das Foto sei mit "ausdrücklichem Einverständnis" des betroffenen Politikers und seiner Begleitung zustandegekommen. Weitere Details nannte die Zeitschrift nicht.

"Bunte" und CMK weisen Vorwürfe zurück

"Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel sagte, der "Stern"-Bericht sei scheinheilig und "rein wettbewerblich motiviert". Auch der "Stern" habe ausführlich und wiederholt über das Privatleben von Politikern berichtet. Dabei sei zum Teil auch Fotomaterial der Agentur CMK verwendet worden.

Die CMK erklärte, der "Stern" erhebe erneut "massiv geschäftsschädigende Vorwürfe". CMK weise insbesondere die Unterstellung, öffentliche Personen bespitzelt zu haben, in aller Deutlichkeit zurück. Die Agentur arbeite "nach den geltenden journalistischen Grundsätzen" für zahlreiche Medien in Deutschland. Sie wende keine Bespitzelungsmethoden an, sondern lege Wert auf eine sorgfältige und seriöse Arbeitsweise.

Nach dem ersten "Stern"-Bericht in der vergangenen Woche hatte der Burda-Verlag, der die "Bunte" herausgibt, eine Unterlassungsklage gegen den "Stern" angekündigt. Die vom "Stern" geschilderten Praktiken waren von Politikern aller Parteien scharf verurteilt worden.
 

epd