Milliardär segelt mit Schiff aus Plastik-Müll

Milliardär segelt mit Schiff aus Plastik-Müll
Mit einem Schiff aus Plastikmüll will der Milliarden-Erbe und Umweltaktivist David de Rothschild auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam machen. Sein Boot besteht aus 12.500 alten Plastikflaschen. Wenn der Wind günstig ist, will er damit von San Francisco nach Australien segeln.

Wie eine riesige Badewannenente liegt die "Plastiki" im Wasser, ein wenig behäbig, recht stabil und fast zu 100 Prozent aus Plastik. Der aus 12.500 ausgedienten Plastikflaschen gebaute Katamaran soll in den nächsten Wochen eine mehrmonatige Reise von San Francisco nach Australien antreten. Die Botschaft der ungewöhnlichen Flaschenpost an die Wegwerfgesellschaft: Abfall wiederverwerten und die Verschmutzung der Meere stoppen.

Experimente mit alten PET-Flaschen

"Da stecken eine Menge innovative Ideen und harte Arbeit drin", sagte der Öko-Aktivist David de Rothschild im kalifornischen Sausalito. Dort liegt die "Plastiki" am Fuß der Golden Gate Brücke vor Anker. Von hier aus will der britische Bankierssohn, Abenteurer und Umweltschützer, der 2006 zu Fuß die Arktis durchquerte, mit seiner fünfköpfigen Crew Richtung Sydney aufbrechen, sobald der Wind günstig steht.

Die Idee, Plastikflaschen auf neue Weise wiederzuverwerten, kam dem 31-Jährigen vor knapp vier Jahren, als ein Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP über die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastikmüll Schlagzeilen machte. Rothschild trommelte auf einer Werft in San Francisco Techniker und Designer zusammen, die mit ausgedienten PET-Flaschen experimentierten. Sie wurden eingeschmolzen, verhärtet, gepresst und zu Stoff verwoben. Fast alles an der "Plastiki", vom Bootsrumpf bis zum Segel, ist am Ende der Reise wiederverwertbar. "Eine Welt ohne Plastik wird es nicht mehr geben, aber statt das Zeug zu verteufeln, sollten wir lernen, es zu benutzen und zu recyceln", sagte Rothschild der Deutschen Presse- Agentur dpa.

Der 20 Meter lange Bootsrumpf ist mit 12.500 Zweiliter-Plastikflaschen ummantelt, die dem Katamaran 68 Prozent des nötigen Auftriebs verleihen. An einigen Flaschen, die sich Rothschild lastwagenweise in einer Recycling-Anlage beschaffte, kleben noch Etikettenreste. Die zwei Aluminiummasten waren früher Bewässerungsrohre. Sogar der Klebstoff, der Teile der "Plastiki" zusammenhält, ist umweltfreundlich. Es ist ein von Rothschilds Team entwickelter Kleber aus Cashewnüssen und Zucker.

Nicht viel Platz an Bord

Die britische Skipperin Jo Royle hat nach mehreren Testfahrten in der Bucht von San Francisco volles Vertrauen in das Schiff. "Es ist ein sehr stabiles Boot, das bisher alle Erwartungen erfüllt hat. Nervös bin ich nicht, aber aufgeregt, das neue Material zu testen", meint die 30-Jährige. Viel Platz bietet der Plastik-Katamaran nicht. Die beiden Rümpfe sind mit einer Iglu-artigen Kajüte verbunden, mit Schlafkoje, Mini-Küche und einer Arbeitsecke mit Messgeräten, Navigationsinstrumenten und Computern. Es gibt eine kompostierbare Toilette, eine Regenwasser-Auffanganlage und einen am Mast hängenden Kräutergarten. Windturbinen und Solarpaneele liefern Energie, ebenso zwei stationäre Fahrräder, die auch die Crew während der etwa drei Monate langen Reise fit halten sollen.

Über die Kosten des Projekts sagt Rothschild nur: "Mehr als mir lieb war, aber weniger, als es hätte kosten können." Konkrete Angaben über die Höhe der Sponsorengelder macht der Milliarden-Erbe nicht. Er hofft, dass seine Reise den Weg für eine Vielzahl von Recycling-Produkten weist. "Da gibt es keine Grenzen. Wir haben schon ein Plastik-Skateboard gebastelt, man kann Häuser und Zelte daraus bauen, besonders in der Dritten Welt, wo enorme Mengen Plastikmüll anfallen", meint Rothschild.

Der sechsköpfigen Crew gehören zwei Enkel des norwegischen Entdeckers Thor Heyerdahl an, der 1947 mit der "Kon Tiki" den Pazifik durchquerte. Der 2002 im Alter von 87 Jahren gestorbene Heyerdahl wollte mit seiner abenteuerlichen Floßfahrt beweisen, dass Polynesien von Ureinwohnern von der Westküste Südamerikas aus besiedelt worden sein könnte. Olav Heyerdahl folgte 2006 mit dem Nachbau eines Inka- Schiffes aus den Stämmen des Balsabaumes dem Beispiel seines Großvaters und segelte von Peru nach Tahiti. "Bei dieser Reise fiel uns schon der viele Müll mitten im Pazifik auf", sagte der Norweger am Freitag.

Plastikmüllhalde im Pazifik

Die "Plastiki" soll knapp 20.000 Kilometer zurücklegen, von San Francisco südlich an Hawaii vorbei, über das Bikini Atoll und die Tarawa-Inseln nach Sydney. Dabei nimmt der Katamaran Kurs auf die als Great Pacific Garbage Patch bekannte schwimmende Plastikmüllhalde im Pazifik, die Wissenschaftler schon vor Jahren entdeckten und die mittlerweile doppelt so groß ist wie der US-Bundesstaat Texas. Kürzlich berichteten Forscher über ein ähnliches Müllfeld im Nordatlantik, wo sie bis zu 200.000 Plastikstücke je Quadratkilometer auf der Meeresoberfläche fanden, die meisten kleiner als einen Zentimeter Durchmesser.

Mit täglichen Blogs und Berichten auf seiner Webseite will das Plastiki-Team die Welt an der Reise teilhaben lassen. Die Umweltschützer verweisen auf alarmierende Zahlen. Plastik, vor allem in Form von Tüten und PET-Flaschen, mache rund 80 Prozent des gesamten Mülls in den Weltmeeren aus, sagte UNEP-Sprecherin Elizabeth Guilbaud-Cox am Freitag. Durch den Meeresmüll sterben jährlich schätzungsweise eine Million Vögel und 100.000 Meeressäugetiere. Derzeit werden nur rund 20 Prozent aller Plastikflaschen recycelt, der Rest wandert auf Müllhalden und verschmutzt Land und Wasser.

Rothschild ist zuversichtlich, dass seine "Plastiki" die Fahrt unbeschadet übersteht und keine Pleite erleben wird, die den Müllberg noch vergrößern würde. "Wenn wir die 12.500 Flaschen verlieren, wäre das tatsächlich eine Umwelttragödie, und ich würde eins auf den Deckel bekommen", sagte der Abenteurer mit einem Augenzwinkern.

dpa