Fehlt ein Oscar: "Das weiße Band", verdienter Globe-Gewinner

Fehlt ein Oscar: "Das weiße Band", verdienter Globe-Gewinner
Mit besten Aussichten in den Oscar-Endspurt: "Das weiße Band" hat nach diversen euopäischen Auszeichnungen nun den Golden Globe bekommen. Völlig verdient, findet unser Kommentator.

Ein Film über ein protestantisches Dorf in Norddeutschland am Vorabend des 1. Weltkriegs gewinnt den "Golden Globe" für den besten fremdsprachigen Film – das ist schon ungewöhnlich. Noch dazu, wenn er in Schwarz-Weiß gedreht ist. Damit sollte Regisseur Michael Haneke auch den Sprung nach Amerika geschafft haben. Nach seinen Erfolgen in Europa, der "Goldenen Palme" in Cannes und dem Europäischen Filmpreis, darf er sich jetzt auch Hoffnungen auf den Oscar machen, gilt doch der Golden Globe, die Auszeichnung der amerikanischen Auslandspresse, auch als Indikator für den populärsten Preis in der Welt des Kinos.

Beunruhigende Fragen meisterhaft transportiert

"Das weiße Band" ist ein kompromissloses Sittenbild, das von den Folgen eines verabsolutierten Glaubens erzählt, von Kindern, an denen eine religiös bemäntelte Strafpädagogik exekutiert wird – die sie in heimlichen, schockierenden Strafaktionen auf andere übertragen.

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Schwere Kost? Nicht, wenn sie mit solcher Meisterschaft, Stimmigkeit und solchem Raffinement angerichtet wird wie von Haneke. Dann kann man auch beunruhigende Fragen nach Schuld und Verantwortung, nach den Abgründen in den Seelen, nach Blindheit und Verstricktheit einer ganzen Gemeinschaft stellen, die den Marsch ihrer jungen Männer in den Krieg mit einem Gottesdienst feiert.

"Eine deutsche Kindergeschichte" nennt Haneke seinen Film, und wenn man an die Welt der deutschen Märchen denkt, ist auch darin das Böse zuhause. Dennoch ist "Das weiße Band" alles andere als ein Schauermärchen. Es zeichnet eine vergangene Zeit so genau, das sie ganz gegenwärtig wird. Und mit einer zarten Liebesgeschichte zwischen dem Dorflehrer und einem Dienstmädchen hat darin sogar das Bessere seinen Platz.

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Der "Golden Globe" für Haneke ist hoch verdient. In Deutschland hat der als düsterer Pessimist verschriene Regisseur es schon auf eine halbe Million Zuschauer gebracht, ein Publikumserfolg, den ihm kaum einer zugetraut hätte. Wohl auch nicht die Jury der Evangelischen Filmarbeit, die "Das weiße Band" als Film des Monats ausgezeichnet hat. Für die "Golden Globes" sind die Filme des Monats jedenfalls kein schlechtes Omen. "Waltz With Bashir" von Ari Folman, "Schmetterling und Taucherglocke" von Julian Schnabel, "Alles über meine Mutter" von Pedro Almodóvar, "Babel" von Alejandro Gonzales Iñarittu, "Slumdog Millionär" von Danny Boyle, all diese Golden Globe-Gewinner waren zuvor auch Filme des Monats der Evangelischen Filmjury. Fehlt nur noch der Oscar.


Karsten Visarius ist Leiter des Filmkulturellen Zentrums der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Geschäftsführer der Jury der Evangelischen Filmarbeit, die den "Film des Monats" nominiert. Auf evangelisch.de gibt er regelmäßig Interviews zu den Auszeichnungen der Jury in der Rubrik "Vis-à-vis mit Visarius". Visarius ist auch regelmäßiger Autor der Kinozeitschrift "epd film".