"Weihnachten lässt mich nicht kalt": Eine Muslimin erzählt

"Weihnachten lässt mich nicht kalt": Eine Muslimin erzählt
Als Tochter muslimischer Eltern bekommt die kleine Canan Topçu keine Geschenke. Das versteht sie nicht. Heute ist sie 44 Jahre alt und feiert jedes Jahr Weihnachten. Sie erinnert sich: An anfängliche Lügengeschichten in der Schule, an die Weihnachtskultur bei der Familie des deutschen Freundes und die liebgewonnen Rituale zum Weihnachtsfest. Mittlerweile lässt es sich Familie Topçu nicht nehmen: Sie feiert Weihnachten. Warum das so ist? Sie bringen Weihnachten nicht nur mit dem christlichen Fest in Verbindung.
21.12.2009
Von Canan Topçu

An das erste Weihnachten erinnere ich mich nicht mehr, umso mehr an das zweite, genauer: an den ersten Schultag nach den Weihnachtsferien. Es war im Januar '75. Die Klassenkameraden hatten alle etwas mitgebracht - wohl das schönste Geschenk, dass sie Heiligabend bekommen hatten. Besonders beeindruckt zeigte ich mich von Thomas' ferngesteuertem Feuerwehrwagen – das aber nur, weil ich mehr an dem blonden Jungen als an seinem Spielzeug interessiert war. An Maria-Pias langhaariger Barbiepuppe, die bekleidet mit einer rosa Chiffonbluse, hingegen konnte ich mich wirklich nicht satt sehen.

Es war kein guter Tag, der erste Schultag nach Weihnachten. Ich konnte kein Geschenk aus dem Ranzen ziehen. Gar keines! Wie denn auch? Weihnachten, das Fest der Christen, fand in meiner Familie nicht statt. Verstanden habe ich das damals nicht.

Ein Jahr später war ich bestens auf den ersten Tag nach den Schulferien vorbereitet. Ich gehörte zu den Ersten in der Klasse, die ihre Präsente zeigten. Dass ich die kleine, batteriebetriebene Nähmaschine schon ein paar Monate zuvor zum Geburtstag bekommen hatte, wusste ja niemand. Damals ließ ich meiner Phantasie freien Lauf und log hemmungslos: Ausführlich erzählte ich von dem tollen Essen, den vielen Geschenken und natürlich auch vom großen, reich geschmückten Nadelbaum. Große Mühe gekostet hat mich das nicht. Werbung sei Dank. Zum Glück fragte niemand genau nach. Sonst hätte ich erklären müssen, warum wir als türkische Familie Weihnachten nicht feierten.

Kein Pflichprogramm, dafür geselliges Beisammensein

Irgendwann stand ich über den Dingen, brauchte keine Geschichten mehr zu erfinden. Weihnachten - erfuhr ich schließlich von meinen deutschen Freunden - kann ganz schön anstrengend sein. Die meisten von ihnen konnten dem Fest der Feste nicht viel abgewinnen. Geschenke kaufen, den ganzen Abend oder sogar mehrere Tage mit Eltern und Geschwistern verbringen, gequält am Esstisch sitzen, weil man sich nichts zu sagen hat, und einen auf fröhliche Familie machen müssen ... verlockend klagen ihre Erzählungen nicht gerade.

Da hatte ich es einfacher. Schließlich musste ich mich keinem Pflichtprogramm an Heiligabend unterziehen - und die Suche nach Geschenken für den Gabentisch in überfüllten Kaufhäusern blieb mir auch erspart. Trotzdem: Ich mag Weihnachten! Mir tut es wohl, an Heiligabend in Gesellschaft zu sein, an einem schön gedeckten Tisch zu sitzen, guten Wein zu trinken, zu plaudern, nach dem Essen Karten zu spielen und zu später Stunde sogar in die Kirche zu gehen.

Weihnachten hat doch nichts mit mir zu tun - oder?

Eingeführt wurde ich in Weihnachtskultur bei der Familie meines deutschen Freundes; von seiner Mutter lernte ich den Christbaum zu schmücken und Weihnachtslieder zu singen. Mit Familie E. verbrachte ich mehrere Weihnachten, ohne dabei zu merken, wie sehr mir die damit verbundenen Rituale lieb geworden waren. Als ich dann mal am Heiligabend allein zu Hause saß, weil ich mir eingebildet hatte, das Fest auch ohne Gesellschaft verbringen zu können, da wurde mir seltsam zumute. Ich schaute aus dem Fenster und stellte fest: kein Mensch zu sehen, nur Schnee. Der Gedanke, dass alle anderen beisammen sitzen, während ich allein auf meiner Bude hockte, machte mich traurig. Gleichzeitig begann ich mich zu fragen: Was ist mit mir los? Warum werde ich melancholisch, schließlich hat doch mit Weihnachten mit mir nichts zu tun.

Zum Glück klingelte das Telefon. Meiner Freundin Brigitta war nämlich - wenn auch erst nach dem Essen – durch den Kopf gegangen, dass ich allein sein könnte. Kaum hatte sie angerufen, um mich einzuladen, mit ihrer Familie zusammen zu feiern, da machte ich mich auch schon auf den Weg. Es wurde ein langer und geselliger Abend! Seitdem weiß ich: Christliches Fest hin, christliches Fest her - mich lässt Weihnachten nicht kalt. Und meine Familie auch nicht mehr. Meine Eltern - praktizierende Muslime – saßen oft an Heiligabend mit ihren deutschen Schwiegersöhnen am Tannenbaum und freuten sich auf die Bescherung.

Willkommene Gelegenheit zusammenzukommen

Im Laufe der Jahre entwickelten wir uns zu Musterschülern der "Aufnahmegesellschaft" – sowohl meine muslimischen Eltern als auch wir drei Geschwister, die wir uns als Kulturmuslime definieren. Wir lassen es uns nicht nehmen, Weihnachten zu feiern. Warum das so ist? Weil wir Weihnachten nicht allein mit einem christlichen Fest in Verbindung bringen. Ehrlich gesagt: Es ist uns eine willkommene Gelegenheit zusammenzukommen.

Wenn ich an Weihnachten nicht meine Familie in Hannover besuchen kann, dann bekomme ich Post von ihr. "Wir wünschen Dir ein frohes Weihnachtsfest", schreiben mir meine Schwestern. Das wünsche ich mir auch jedes Mal und bin wirklich froh, dass ich Weihnachten nicht allein verbringen muss. Schrecklich, diese Vorstellung. Vor allem, wenn es eine weiße Weihnacht wird.


Canan Topçu lebt und arbeitet als Journalistin und Buchautorin in Frankfurt am Main und arbeitet unter anderem für die Frankfurter Rundschau.