Forschungsprojekt zählt erstmals die Arten der Tiefsee

Forschungsprojekt zählt erstmals die Arten der Tiefsee
Es sind bizarre Kreaturen, die Forscher jüngst entdeckt haben: eine Riesenkrake, die sich mit Flügeln wie Elefantenohren fortbewegt; ein Ruderfußkrebs, der aussieht wie eine antike Goldbrosche oder ein Bartwurm, der sich von Öl ernährt. Das Leben in der Tiefsee ist reich und bunt, auch wenn kein Sonnenstrahl Neptuns dunkelstes Reich je erreicht.

"Die Tiefsee ist das größte zusammenhängende Ökosystem der Welt und der größte Siedlungsraum für Leben. Sie ist aber zugleich auch das am wenigsten erforschte", sagt Chris German vom internationalen Projekt "Census of Marine Life", das seit dem Jahr 2000 eine Art Volkszählung der Lebewesen unter Wasser durchführt. 2010 soll das Projekt abgeschlossen sein.

17.650 Tierarten haben die Forscher inzwischen in den scheinbar unwirtlichen Tiefen der Weltmeere registriert, heißt es in ihrer aktuellen Zwischenbilanz. 5.722 Arten leben in mehr als 1.000 Meter Tiefe, die restlichen in Regionen unter 200 Metern. Aber schon dort ist die Dunkelheit so groß, dass es keine Pflanzen mehr gibt.

Lieblingsessen: Tote Wale

"Um in der Tiefe zu überleben, müssen die Tiere kärgliche und neue Nahrungsressourcen finden. Und ihre große Vielfalt zeigt, wie viele Möglichkeiten es gibt, sich anzupassen", sagt Robert Carney von der Universität des US-Bundesstaates Louisiana. Die Tiere ernähren sich von herabsinkenden Nahrungsresten aus den höheren und helleren Regionen, von Bakterien, den gesunkenen Knochen toter Wale oder anderen unmöglichen Dingen. "Vielfalt ist vor allem abhängig von der vorhandenen Nahrung und nimmt mit der Tiefe rapide ab", sagt Carney. Er ist zusammen mit rund 1.000 anderen Meeresbiologen aus 70 Ländern an dem bisher einmaligen Großprojekt beteiligt.

Allein zur Erforschung der Tiefsee haben sich fünf Sonderteams gebildet, die am Ende des Projektes mehr als 200 Expeditionen gemacht haben werden. Nach der neuen Zwischenbilanz soll im Oktober 2010 in London der Abschlussbericht vorgelegt werden. "Die Tiefseefauna ist so reich und so schlecht erfasst, dass es unnormal ist, auf eine bereits bekannte Art zu treffen", sagt David Billet vom staatlichen britischen Meeresforschungszentrum. Ein großer Teil der neuen Spezies lebt im Meeresboden. "Allein all die verschiedenen Arten zum ersten Mal zu beschreiben, die man in einer Kaffeetasse Meeresboden findet, ist eine einschüchternde Herausforderung."

"Verbreitung der Arten ist ein Mysterium"

Kaltwasser-Korallen in mehr als 1.000 Meter Tiefe vor NeuseelandZwischen 50 und 99 Prozent der entdeckten Arten sind der Wissenschaft neu, je nach Ort der Entdeckung. Je tiefer man vordringt, umso mehr neue Viecher entdeckt man, erklären die Forscher. Kreaturen wie die Seegurke "Peniagone crozeti" beispielsweise, die einzige gelb-grüne Seegurke im Ozean, die Billet und Forscher-Kollegen aus Moskau rund um die Crozet-Inseln im südlichen Indischen Ozean entdeckten. Alle anderen bisher bekannten Seegurken sind weiß-grau oder purpurfarben. "Wie sich Arten in der Tiefsee verbreiten, ist ein Mysterium", erklärt Forscher Billet: "Neben den unterirdischen geografischen Grenzen, wie unterseeischen Gebirgen, gibt es noch weitere bisher unerklärte Grenzen und Barrieren, die die Verfügbarkeit von Nahrung und damit auch die Verteilung der Arten in der Tiefsee bestimmen." Es gibt noch einiges zu entdecken in den Tiefen der Meere.

14 verschiedene Feldforschungsprojekte umfasst der bisher größte Sachstandsbericht der Meeresforschung, fünf davon in den Regionen des Ozeans, in die kein Licht mehr vordringt. 210 einzelne Expeditionen in die Tiefsee haben allein diese fünf Projektteile unternommen und dabei skurrile Wesen entdeckt. Darunter war ein fast zwei Meter langer und sechs Kilo schwerer Oktopus, der zu einer primitiven Art mit dem Spitznamen "Dumbo" gehört und zwischen einem und drei Kilometern Tiefe lebt. Er bewegt sich mithifle von Flossen fort, die aussehen wie Ohren, und ist eines der größten Tiere in der Tiefsee. Im Golf von Mexiko wiederum, wo auch US-amerikanische Firmen vermehrt nach Öl suchen wollen, fanden die Forscher einen Wurm, der es sich auf einer Ölquelle bequem gemacht und von dem schwarzen Gold ernährt hatte.

Internet, Buch, Film: Das Projekt vermarktet sich gut

Wer nicht direkt in der Tiefsee forscht, sich aber trotzdem für die Ergebnisse interessiert, findet online einiges an Informationen. Das vielleicht faszinierendste Instrument ist Google Ocean, das in Kooperation mit dem "Census of Marine Life" entstanden ist. In der Zusatzkomponente für das Erdbetrachtungsprogramm des Internetriesen kann man sich auch unter die Meeresoberfläche beamen und beispielsweise die tiefste Stelle der Erde, den Marianengraben, virtuell erkunden.

Außerdem hat der "Census" bereits ein erstes Buch herausgegeben, das nicht nur die spektakulärsten Entdeckungen beschreibt und in Fotos zeigt, sondern auch die Geschichten und Erlebnisse der Forscher aufgreift, die auf See damit besschäftigt waren, die neuen Arten zu entdecken und zu kategorisieren. Anfang 2010 kommt auch der Film "Oceans" ins Kino, der ebenfalls in enger Kooperation mit dem Projekt entstanden ist. Insgesamt haben weltweit über 2.000 Forscher aus 82 Ländern ihren Teil zum "Census of Marine Life" beigetragen.

Schlechter erforscht als der Mond

Obwohl die Tiefsee den größten Teil der Welt einnimmt, ist sie bisher weniger erforscht als der Mond. Extreme Bedingungen in Tiefen bis zu 5.000 Metern machen den Wissenschaftlern die Arbeit schwer: Das Wasser ist eiskalt, der Druck bis zu 400 Mal höher als an der Oberfläche. Zum Vergleich: Schon in zehn Metern Tiefe kann ein menschliches Trommelfell platzen.

Die Forscher sind in dem zerklüfteten, bergigen Gelände auf Meeresgrund deshalb auf High-Tech-Geräte wie ferngesteuerte Unterwasserautos, automatische Videokameras und Echolotgeräte angewiesen. "Jede Expedition ist ein Trip ins Ungewisse", sagt die neuseeländische Projektmanagerin Mireille Consalvey - "mit oft seekranken Wissenschaftlern, die zwischen Sturmböen und meterhohen Wellen zu arbeiten versuchen".

han/dpa

 

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