"Der Trend geht zur pflegeärmeren Grabstätte"

"Der Trend geht zur pflegeärmeren Grabstätte"
Laut einer Umfrage des evangelischen Magazins "chrismon" möchten immerhin noch 22 Prozent der Deutschen dort beerdigt werden, wo die Familienangehörigen bestattet sind. Fast 24 Prozent an dem Ort, an dem sie zurzeit leben, und 13 Prozent dort, wo ihre Kinder leben. Darin drückt sich auch gesellschaftliche Veränderung aus, immer weniger Menschen verbringen ihr ganzes Leben an ein und demselben Ort. Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche führen die Menschen in die Ferne; für 12 Prozent der Deutschen ist es sogar egal, wo sie zur letzten Ruhe kommen. Alte Bindungen scheinen immer unwichtiger zu werden.

 Auch wandelt sich die Bestattungskultur. Einäscherungen werden beliebter; von den 17 Prozent, die sich bei der Umfrage dafür entschieden, wünscht sich jeder Fünfte eine Bestattung außerhalb einer klassischen Begräbnisstätte: 9 Prozent möchten, dass ihre Asche ins Meer gestreut wird. 8 Prozent wollen im Wald bestattet werden, 3 Prozent an einem Ort, den niemand kennt.

Wie verändern sich unter diesen Gesichtspunkten die Grabmale? Wir sprachen mit Helmut Bartholomä aus Schifferstadt, Landesinnungsmeister des Bundesverbandes Deutscher Steinmetze.

Evangelisch.de: Hat sich die Art der Bestattungen über die Jahre stark verändert?

Helmut Bartholomä: Das ist regional bedingt teilweise sehr unterschiedlich. Insgesamt hat sich das Grabmal schon etwas zu moderneren Formen hin entwickelt, aber wir merken doch sehr stark, dass es einen generellen Wechsel in der Bestattungskultur gegeben hat.

Der Trend zum pflegefreien Grab

Evangelisch.de: Wie sieht der aus?

Bartholomä: Der Trend geht zur pflegefreien oder pflegeärmeren Grabstätte. Die Leute neigen immer mehr zu ganz oder teilweise abdeckenden Platten, auch wenn es natürlich immer noch stehende Steine gibt.

Evangelisch.de: Damit man sich weniger um die Bepflanzung kümmern muss?

Bartholomä: Genau, dann ist das Grab teilweise bedeckt und man muss nicht soviel pflanzen. Auch Urnen-Gräber sind im Verhältnis mehr geworden. Manche Kommunen bieten auch schon an, die Grabpflege zu übernehmen, was dann sehr gerne angenommen wird. Die Leute gehen trotzdem auf die Friedhöfe und kümmern sich um die Gräber. Aber sie wissen, was passiert, wenn sie einmal nicht mehr können - das beruhigt. Es kommt auch vor, dass Leute über die Arbeit, die ihr Grab langfristig machen könnte, so unglücklich sind, dass sie es abdecken lassen oder sogar in ein Rasenfeld gehen, nur um die Kinder zu entpflichten. Das ist sehr schade für die Friedhofskultur. Aber, wie gesagt, immer mit regionalen Unterschieden. Bei uns hier im Süden gibt es das nicht soviel wie im Osten.

Im Osten kaum noch religiöse Motive

Evangelisch.de: Wirken sich die regionalen Unterschiede stark aus?

Bartholomä: Doch, die spürt man ganz deutlich. Zum Beispiel, dass man in Bayern, wenn man über den Friedhof läuft, sehr viele religiöse Motive und Texte findet. Das gibt es bei uns zwar auch noch, aber nicht mehr so viel wie früher. Und im Norden Deutschlands, besonders aber im Osten, da gibt es das fast gar nicht mehr.

Evangelisch.de: Besonders im Osten?

Helmut Bartholomä: Ein gutes Beispiel war die internationale Gartenschau in Rostock, das wäre mir selber gar nicht aufgefallen. Auf Gartenschauen sind ja auch immer Musterfriedhöfe angelegt, und da kam ein Pfarrer zu mir und meinte, er wäre enttäuscht, dass kein einziges christliches Motiv dabei wäre. Ich hatte das gar nicht bemerkt, weil ich mehr auf die Gestaltung achtete, aber er hatte recht. Das hat natürlich etwas mit der ehemaligen DDR zu tun.

Es wird bunter auf den Friedhöfen

Evangelisch.de: Wie sieht es mit deutschlandweiten Veränderungen aus?

Bartholomä: Man kann schon sagen, dass es insgesamt etwas bunter wird. Früher waren ja eher dunkle Farben oder schwarze Steine vorherrschend, heutzutage gibt es mehr Unterschiede. Da sind vor allem verschiedene Granitfarben immer beliebter geworden, die in Deutschland an sich eher selten vorkommen. Granit kommt ja teilweise aus den nordischen Ländern, viel aus Finnland, Norwegen oder Schweden.

Evangelisch.de: Wirkt sich da die Globalisierung aus?

Bartholomä: Natürlich kommt inzwischen auch viel aus Indien, China oder Russland. In Deutschland gibt es ja kaum Granite, ein wenig im Schwarzwald, im Fichtelgebirge oder in der Lausitz, aber das war es dann auch.

Globalisierung und Regionalisierung

Evangelisch.de: Hat sich die Globalisierung denn auch auf die Preise niedergeschlagen?

Bartholomä: Schwer zu sagen. Die Materialien aus den nordischen Ländern sind nach wie vor teuer, sind eher im Preis gestiegen. Ware aus Fernost wird von den Importeuren oft noch weiterverarbeitet, außerdem kommt da ja der Frachtpreis dazu. Insgesamt ist es wohl kaum günstiger geworden.

Evangelisch.de: Spielen heimische oder regionale Materialien denn überhaupt noch eine Rolle?

Bartholomä: Wissen Sie, ich arbeite jetzt seit 45 Jahren in diesem Beruf. Als ich angefangen habe in der Lehre, war das meiste noch sehr traditionell, mit unserem gelben Sandstein aus der Pfalz. Lange Zeit war das wenig gefragt und jetzt kommt es wieder etwas zurück. Das ist wie ein Pendel das in die eine Richtung ausschlägt und dann wieder zurück schwingt. Viele haben ja Angst, dass ihr Stein verwittert wenn es kein Granit ist.

Evangelisch.de: Das ist aber nicht der Fall?

Bartholomä: Nein, Sandstein ist ein wundervoller Werkstoff, sehr beständig. Was die Leute sehen ist die Patina, die so ein Stein ansetzt, und das ist ja eigentlich was Schönes. Wir haben Sandsteine, bei denen wir gerade die Schrift aufgefrischt haben, die sind um die Jahrhundertwende schon gestellt worden.

Haltbarkeit

Evangelisch.de: Wie lange hält denn ein Grabstein heutzutage?

Bartholomä: Ach, da gibt es heutzutage überhaupt keine Probleme. Wenn so ein Grabstein richtig fundamentiert ist. Bei uns, also bei Friedhöfen in der näheren Umgebung, da sind die Steine so gut gegründet, dass sie sogar bei Zweitbestattungen stehen bleiben können. Die Vorschriften sind zwar von Kommune zu Kommune unterschiedlich, weil ja auch der Boden unterschiedlich ist, aber wenn man sich an die Vorschriften hält, kann ein Stein sehr lange stehen. Bei uns zum Beispiel ist eher sandiger Boden, da müssen wir mit einem Erdbohrer bis auf Sargtiefe gehen um das Fundament zu legen. Da kann auch nichts passieren wenn der Sarg irgendwann zusammenbricht, oder ein weiterer Sarg hinzukommt.

Andere Materialien und Lieferzeiten

Evangelisch.de: Werden auch andere Werkstoffe außer Stein verwendet?

Bartholomä: Ja, Kupfer natürlich, Bronzegüsse, manchmal in Serien, auch Edelstahl oder sogar Glas. Aber meistens dann in Verbindung mit Steinen, das hängt auch von der jeweiligen Friedhofsordnung ab. Oft gibt es Begrenzungen, was erlaubt ist oder nicht. In den meisten Satzungen steht, dass andere Materialien außer Stein nur in einem gewissen Umfang oder Anteil verwendet werden dürfen. Schmiedeeiserne Kreuze bringen sich manche sogar aus Bayern mit.

Evangelisch.de: Wie lange dauert es denn, bis ein Grabmal fertig gestellt ist?

Bartholomä: Gut, das hängt immer vom Material ab, das man bestellt, wenn es nicht sowieso gerade zufällig auf Lager ist. Innerhalb von Europa kann man mit Lieferzeiten von sechs bis acht Wochen rechnen, wenn man sich zum Beispiel einen Stein aus der Schweiz oder Frankreich liefern lässt. Wenn der Stein aus Indien oder China kommen soll, dauert es natürlich noch mal länger. Die Bearbeitung an sich geht dann relativ schnell.


Georg Klein lebt und arbeitet als freier Journalist in Offenbach