Aus dem Maschinenraum (7): Mobile Schnäppchenjagd

Aus dem Maschinenraum (7): Mobile Schnäppchenjagd
Gestern noch hat man sich über die neue Espresso-Maschine gefreut – und heute dann das: Ein anderer Händler bietet tatsächlich die gleiche Maschine zehn Euro günstiger an. Doch damit ist jetzt Schluss. Denn allmählich mausert sich das Handy zum ultimativen Werkzeug für alle Schnäppchenjäger. Das aber ist nicht ungefährlich, meint unser Kolumnist Michael Stein.

Zum ersten Mal habe ich es während eines Auslandsaufenthaltes in einem Supermarkt in Kanada gesehen: Statt sich in die lange Schlange an der Kasse einzureihen, lenkten besonders ausgeschlafene Käufer ihren Einkaufswagen in die "Self Scanning Area". Unter den wachsamen Augen einer Mitarbeiterin hievten dort die Kunden ihre Kartons mit Cola-Flaschen, Milchtüten und Chipstüten auf eine Art Waage und richteten eine Scanner-Pistole auf die Strichcodes. Die Lebensmittel wurden vom Computer erkannt und der Kaufpreis auf die Rechnung gesetzt. Auch bei uns sieht man diese Maßnahme zur Personaleinsparung – denn nichts anderes ist diese Technik ja – mittlerweile immer öfter. Scannen liegt voll im Trend.

A propos "sparen": Vor einiger Zeit habe ich im Elektronik-Markt einen Mann dabei beobachtet, wie er durch die Gänge streifte und bald hier, bald dort einen Karton aus dem Regal nahm, sein Handy zückte und – so dachte ich zunächst – ein Foto von dem Karton machte. Als ich näher kam, sah ich, dass es der Mann mit seiner Handy-Kamera offenbar auf den Strichcode der USB-Sticks, Webcams und DVD-Packungen abgesehen hatte. Mit seinem weißen Handy, einem "T-Mobile G1 with Google" scannte er die Barcodes, tippte dann einige Male auf dem Touchscreen des Handys herum und ging kopfschüttelnd weiter. Ich war einem Schnäppchenjäger bei der Arbeit begegnet.

Preisvergleich per Datenbank

Für das Google-Handy-Betriebssystem "Android" gab es mit "Shop Savvy" nämlich von Anfang an ein Programm, mit dem man Barcodes scannen und diesen in die EAN, die "European Article Number", umsetzen kann. Ist die Artikelnummer einmal erfasst, verbindet sich das Handy mit einer Datenbank, um herauszufinden, was da gescannt wurde. Erstaunlich gut funktioniert das offenbar, denn nur wenige Sekunden nach dem charakteristischen Scanner-Piepen erscheint auf dem Display das Ergebnis. Und es erscheint auch der Preis. Oder besser: Es erscheinen die Preise. Denn automatisch zapft das Programm gleich mehrere Datenbanken an und fragt die Preise ab. So lässt sich schon im Laden ermitteln, ob das vermeintlich günstige Angebot tatsächlich so gut ist.

Seit kurzem ist nun außer dem Google-Handy auch Apples iPhone schnäppchenfähig. Zwar muss man für das Programm "Red Laser" in Apples virtuellem Software-Laden 1,59 Euro bezahlen, aber was macht das schon. Schließlich lässt sich damit jede Menge bares Geld sparen!

Lückenlose Profile

So weit, so gut. An sich ist das ja eine praktische Sache. Dachte ich zuerst auch. Dann aber habe ich den Thriller "Der Täuscher" von Jeffery Deaver als Hörbuch gehört. Übrigens auch auf meinem Handy. Und plötzlich fand ich das Ganze gar nicht mehr so praktisch. In der Geschichte geht es um eine fiktive Firma, die Daten über Menschen sammelt: Handy-Verbindungsdaten, Kontobewegungen, Daten über Einkäufe im Internet, Daten aus dem Melderegister und sogar GPS-Bewegungsdaten. Aus all diesen Daten ist sie jederzeit in der Lage, ziemlich lückenlose Profile (im Buch heißen sie "Dossier") eines jeden Menschen anzufertigen. In dem Thriller werden diese Daten schließlich von einem Killer dazu genutzt, Menschen aufzuspüren, sich ihr Vertrauen zu erschleichen und sie schließlich zu töten. Immerhin weiß er ganz genau, in welchem Supermarkt sich seine Opfer zu welcher Zeit aufhalten. Eine schaurige, fiktive Geschichte – klar.

Aber mal ganz ehrlich: Grundsätzlich möglich wäre es schon heute, genau solche Dossiers anzulegen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das – zumindest in Ansätzen - auch schon geschieht. Moderne Handys haben GPS-Empfänger, sie melden ihre Position, wir kaufen mit ihnen online ein, wir verwalten unser Konto, wir hören Musik, telefonieren mit ihnen und wir schreiben und empfangen E-Mails. Und jetzt liefern wir per Barcode-Schnäppchen-Scan also auch noch all die Daten über die kleinen Dinge des täglichen Lebens nach: Was wir gerne essen, trinken, für welche Geräte oder Bücher wir uns interessieren. Und diese Daten lassen sich mit der Handy-Nummer und der per GPS ermittelten Position kombinieren – es muss nur eine Firma auf diese Idee kommen. Darüber sollte sich jeder im Klaren sein, wenn er oder sie ein modernes Handy zum Schnäppchenjagen benutzt.


Über den Autor:

Michael Stein (Konfirmation 1976) arbeitet seit 1986 als Wissenschaftsjournalist mit Schwerpunkt Technik für Radio, Fernsehen, Print- und Online-Medien. Parallel zum Beruf studiert er seit 2004 in Wuppertal und Bochum Evangelische Theologie, um irgendwann einmal Journalist und Pfarrer zu sein. Für evangelisch.de schreibt er in seiner Kolumne "Maschinenraum" jede Woche über Technik, was wir mit ihr machen -und was sie mit uns macht.