Der kommentierte Aphorismus (III)

Der kommentierte Aphorismus (III)
In seiner Kolumne kommentiert Hasso Mansfeld Aphorismen. In dieser Folge hat er sich ein Wort von Oscar Wilde vorgenommen. Thema: Selbstreflektion.

„Jeder von uns hat nur eine Aufgabe zu lösen: sich selbst voll zum Ausdruck zu bringen“ Oscar Wilde, Irischer Schriftsteller, geboren am 16. Oktober 1854 in Dublin und gestorben am 30. November 1900 in Paris.


Was sich hier auf den ersten Anschein so unerhört egoistisch anhört, ist nichts anderes als die Aufforderung darüber zu reflektieren, wer man selber ist und was die eigene Persönlichkeit ausmacht. Der Dichter und Philosoph Oscar Wilde fordert auf, über sich selber nachzudenken und das Ergebnis dieses Reflektionsprozesses auch vollständig umzusetzen. Dabei ist es selbstverständlich, dass der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit niemals auf Kosten eines anderen zustande kommen darf. Wenn jeder die Aufgabe hat, sich selber voll zum Ausdruck zu bringen, darf die Verwirklichung der Individualität der eigenen Freiheit also nur soweit gehen, wie dadurch die Freiheit des anderen nicht einschränkt wird.

Die Freiheit zur Entfaltungsmöglichkeit bedingt demzufolge eine gegenseitige Rücksichtnahme. Wir müssen also zwischen gesundem Egoismus - der Selbstliebe der eigenen Individualität - und dem kranken Egoismus – der rücksichtslosen Verwirklichung der Persönlichkeit – differenzieren.

Indem Wilde die Selbstentfaltung als die einzige Aufgabe definiert, die es für den Menschen zu lösen gilt, erhebt er den Anspruch alle Lebensbereiche der Selbstverwirklichung unterzuorden. Denjenigen die befürchten, dass auf der Suche nach dem inneren Kern der eigenen Persönlichkeit eine machtvolle Individualität zu Tage bringen treten könnte, weiß Wilde zu beruhigen. Der irische Dichter war davon überzeugt, dass „die wahre Persönlichkeit des Menschen wundervoll sein wird, wenn Sie in Erscheinung tritt“. Genau das kann als als allgemeingültige Maxime gelten, die es ermöglicht , innerhalb einer Gesellschaft friedlich und harmonisch miteinander zu leben.
 


Über den Autor:

Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Kommunikations-Berater. Die Beschäftigung mit philosophischen Fragen ist fester Bestandteil seiner Beratungstätigkeit. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet.