Das Literarische Quartett ehrt Udo Jürgens

Udo Jürgens feiert seinen 75. Geburstag. 1982 schrieb er auf den Text von Michael Kunze den Hit "Ich war noch niemals in New York". Das „Literarische Quartett“ verneigt sich vor Jürgens, indem es dieses Lied in einem von evangelisch.de inszenierten Streitgespräch interpretiert. Neben der Stammbesetzung Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler diskutiert als Gast Roland Kaiser. Eine Fiktion.

Marcel Reich-Ranicki: Sehr verehrtes Publikum. Wir begrüßen Sie herzlich zum wahrscheinlich letzten "Literarischen Quartett". Wir verneigen uns heute vor dem großen Schlagersänger Udo Jürgens mit einer Interpretation seines Liedes "Ich war noch niemals in New York." Herr Karasek, worum geht es in dem Lied?

Hellmuth Karasek: "Ich war noch niemals in New York" gehört zu den bekanntesten Stücken deutscher Lyrik und steht für mich in einer Reihe mit Gedichten und Liedern wie "Das Heideröslein" oder "Der Lindenbaum", bekannt auch unter dem Titel "Am Brunnen vor dem Tore", beide ja vertont von Franz Schubert, in dessen Tradition Udo Jürgens gewissermaßen steht…

Roland Kaiser: Ich glaub, es geht schon wieder los! Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Sigrid Löffler: Ich würde für dieses Lied für diese Runde einen Platzverweis aussprechen. Das Leben ist zu kurz, um sich mit Udo Jürgens zu beschäftigen. Das ist keine Lyrik, das ist bestenfalls lyrisches Fastfood.

Kaiser (neigt sich zu Sigrid Löffler): Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn es dich für mich nicht mehr gäbe…

Reich-Ranicki: Das Lied ist von ungewöhnlicher Zartheit! Das entgeht Ihnen, Frau Löffler, die Zartheit dieses Liedes! Herr Karasek, reden Sie weiter!

Karasek: Das Lied ist ein Befreiungslied. Ein Mann will ausbrechen aus der Biederkeit seiner Existenz. Er träumt davon, auszuwandern in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nach New York oder San Francisco…

Reich-Ranicki: San Francisco! Da ist auch etwas Homoerotisches in dem Text!

Löffler: Das Gedicht hat überhaupt keine Sprache. Ein vollkommen sprachloses, kunstloses Gestammel!

Hesses "Stufen"

 

Karasek: Liebe Frau Löffler, würden Sie versuchen, sich an eine Zeile zu erinnern? "Er dachte über seinen Aufbruch nach. Seinen Aufbruch nach." Sehen Sie darin nicht ansatzweise auch eine Begegnung mit dem Tod? Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an das Gedicht "Stufen" von Hermann Hesse, wo es heißt: "Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewohnheit sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden." Der Aufbruch als Allegorie für den Tod. Das ist doch ungeheuer kraftvoll.

Reich-Ranicki: Und wir haben auch noch nicht über das Ende des Liedes gesprochen. Er bricht ja eben nicht auf! Er bleibt in seiner Enge gefangen. Er kehrt zurück. Das ist hochdramatisch! Hochdramatisch! Das kennt man sonst nur von Brecht, denken Sie etwa an das Leben des Galileo Galilei, der auch widerruft und beinahe daran zerbricht. Der Protagonist in "Ich war noch niemals in New York" isst auch gern gut!

Löffler: Sie sollten nicht die große Literatur herbeizitieren, wenn wir es mit lyrischem Fastfood zu tun haben. McDonalds sage ich, kein Drei-Sterne-Restaurant.

Kaiser (neigt sich wieder zu Löffler): Manchmal möchte ich schon mit Dir!

Karasek: Das Lied ist doch aber auch eine Art Millieustudie des deutschen Kleinbürgers. Und es ist ein Großstadt-Gedicht. New York! Das ist doch auch ein Moloch! Das Lied zeigt auch die Ohnmacht einer Generation von Männern der 70er Jahre, die als marginalisierte Außenseiter zu Nikotin, Alkohol und Drogen getrieben wurden. "Und nach dem Abendessen sagte er: Lass mich noch eben Zigaretten holen gehn." Er hätte ja auch einfach spazieren gehen könne. Aber er holt Zigaretten. Das ist ein Lied, da geht es nicht nur um Sehnsucht, sondern auch um Sucht!

Sehnsucht und Sucht

 

Kaiser: Sieben Fässer Wein können manchmal die Rettung sein!

Reich-Ranicki: Ich möchte auch noch auf einen anderen Punkt hinweisen. "Zerissene Jeans". Das zeigt auch die Verletztheit seiner Seele. Hin und her gerissen ist der Protagonist des Liedes, zwischen äußerer Disziplin und innerer Zerissenheit. Das erinnert mich ein wenig an Thomas Mann. Denken Sie an San Francisco!

Löffler: Fastfood, alles Fastfood. Nur weil in dem Lied Hawaii erwähnt wird, denken Sie doch schon wieder an leicht bekleidete Frauen in Baströckchen, die Hula-Hula tanzen.

Kaiser: Insel, die aus Träumen geboren!

Reich-Ranicki (fuchtelt mit dem Zeigefinger): Jajajajajajajaj! Das habe ich ja geahnt, dass das Ihr Problem ist. Sie halten Erotik, sie halten die Liebe für etwas Unanständiges, für etwas Anstößiges. Aber die Weltliteratur befasst sich nun mal mit diesem Thema. Und Udo Jürgens tut es auch!

Löffler: Ich habe nicht das Gefühl, dass das Lied irgendwie literarisch anschaulich ist, dass da irgendeine Art von erotischer Sprache ist. "Dalli, Dalli"? Ich weiß ja nicht, woran Sie sich ergötzen. Aber das ist vielleicht eine Altersfrage.

Kaiser: Schachmatt, durch die Dame im Spiel!

Karasek (zu Löffler): Soviel jünger sind Sie auch nicht!

Löffler: Der Autor ist am Thema gescheitert…

Reich-Ranicki: Überhaupt nicht!

Begegnung mit dem Unbewussten

 

Löffler: Das Thema ist die Begegnung mit dem Unbewussten. Ein psychoanalytisches Lied sozusagen. Das "Es" im Sinne Sigmund Freuds ist der unbewusste Drang des Ausbruchs. Das "Ich" denkt über diesen Ausbruch nach und wagt ihn schließlich nicht, weil das "Über-Ich" diesen streng bewertet. Es hat ein Ich-Ideal entwickelt hat, in dem es eben nicht den Wertvorstellungen entspricht, einfach durchzubrennen. Man tut so etwas nicht! Aber das Lied scheitert doch an diesem Thema. Es findet nicht die richtige Sprache. New York, Hawaii, das sind doch kindische Männerfantasien.

Reich-Ranicki: Poetisch ist das!

Löffler: Fastfood! Burger und Fritten!

Kaiser (zu Sigrid Löffler): Manchmal möchte ich schon mit Dir, das Wort Begehren buchstabieren.

Reich-Ranicki: Das Lied ist eine Fantasie von beachtlicher literarischer Kraft. Da ist in wenigen Zeilen doch alles drin: Gesellschaftskritik, Psychoanalyse, Erotik, Gefühl, das kommt bei mir gleich nach Goethes Faust und den Buddenbrooks.

Karasek: Das ruft eigentlich nach dem Heinrich-Heine-Preis oder dem Büchner-Preis. Frau Löffler, das Scheitern ist doch auch Ihr Thema, wenn ich da etwas an ihr Engagement bei „Literaturen“ denke…

Löffler: Das war kein Scheitern. Das war ein Aufbruch, den vermisse ich hier einfach. Wir müssen uns vielleicht mal über unsere literarischen Kategorien verständigen. Ich bleibe dabei: Das Leben ist zu kurz für Udo Jürgens.

Kaiser: Die Frau bringt mich um den Verstand.

Reich-Ranicki: Sehr verehrtes Publikum, wir sind nun am Ende unseres Quartetts. Und wie immer gilt: "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betrofffen den Vorhang zu und alle Fragen offen." Vielen Dank!

 

Den Text von "Ich war noch niemals in New York" finden Sie hier.