Filmkritik: "No Turning Back"

Der Film "No Turning Back" kommt am 19. Juni in die Kinos

Foto: epd/studiocanal

Bauleiter Ivan Locke (Foto: Tom Hardy) fährt nachts von Birmingham nach London und telefoniert dabei. Im Laufe des Films wird klar: Etwas in Lockes Leben ist schief gelaufen...

Filmkritik: "No Turning Back"
In einem kammerspielartigen, höchst originellen Film von Steven Knight fährt Tom Hardy ganz allein mit dem Auto durch England. Seinen Job als Bauleiter wird er verlieren, seine Familie hat er verlassen. Für den Mann heißt es: "No Turning Back". Ein wundersamer Trip durch die Nacht.

Ein Trucker eingezwängt in einen Sarg; ein Segler manövrierunfähig auf hoher See; eine Astronautin allein in den Weiten des Alls: Das Kino liebt solch minimalistische Konzepte, solch radikale Reduktionen. Trotz aller Beschränkung stoßen sie Türen auf, die in "normalen" Filmen geschlossen bleiben, und zelebrieren erzählerische Mittel, die sonst bewusst vermieden werden. Die Monotonie etwa, die Dunkelheit oder die Stille. Dabei entdecken sie, wenn alles gut geht, das Filmische im Unfilmischen, das Spektakel im Gleichförmigen, das Drama in der Langeweile. Und erschließen dem Medium reizvolle neue Wege.

Nun also, in "No Turning Back": ein Bauleiter anderthalb Stunden in seinem Auto. Beinah in Echtzeit wird seine nächtliche Fahrt geschildert, 118 Meilen von Birmingham nach London. Unterwegs begegnet ihm kein einziger Mensch, er wird in keine Verfolgungsjagd verwickelt, gerät nicht einmal in einen Stau.

Er muss auch kein existenzielles Rückzugsgefecht führen wie Ryan Reynolds in "Buried", Robert Redford in "All Is Lost" oder Sandra Bullock in "Gravity". Dennoch ist sein Trip alles andere als alltäglich. Er entwickelt sich zum packenden Porträt eines Mannes, der die einzig richtige und zugleich vollkommen falsche Entscheidung getroffen hat. Ein Fundament soll er errichten, aber stattdessen bringt er ein ganzes Leben zum Einsturz.

Traurig und irritiert

Die ersten Bilder zeigen den Schlund einer Großbaustelle am Ende des Tages. Unser Held, Ivan Locke (Tom Hardy), steigt in den silbernen BMW, der für die buchstäblich abendfüllende Reise sein Zuhause sein wird, oder eher: sein Kommunikationszentrum. Per Telefon ist er mit all den Menschen verbunden, die er fluchtartig hinter sich lässt - und mit der Frau, der er entgegenfährt. Rapide folgt ein Gespräch auf das andere, es ist eine einzige Konferenzschaltung, und Ivans Autositz ist abwechselnd Beichtstuhl, Kommandoposten und Plaudersessel.

Nur peu à peu gewährt uns das raffinierte Drehbuch von Steven Knight - hier Autor und Regisseur in Personalunion - Einblicke in Ivans Hintergründe und Motive. Am offensichtlichsten ist dabei noch die professionelle Ebene: Obwohl er sich während der letzten neun Jahre als kompetenter und verantwortungsvoller Vorgesetzter erwiesen hat, lässt Ivan seine Kollegen am Vorabend einer extrem bedeutsamen Betonlieferung im Stich. Er weiß, dass ihn das den Job kosten wird, trotzdem hat er es sich in den Kopf gesetzt, die komplexe Operation aus der Ferne so zu dirigieren, dass sie gelingen kann.

Einen Großteil seiner Intensität und Spannung bezieht der Film aus der Frage, warum ein so gewöhnlicher Kerl wie Ivan einen so außergewöhnlichen Schritt unternimmt. Die Antwort liegt, natürlich, auf der persönlichen Ebene. Auch dort bricht Ivan unvermittelt aus einer geordneten Existenz aus; fassungslos reagiert Ivans Frau auf seine Bekenntnisse, traurig und irritiert nehmen seine Söhne zur Kenntnis, dass er nicht zum Fußballgucken bei ihnen sein wird.

Wunderbar flüssig

Dass "No Turning Back" so grandios funktioniert, liegt selbstverständlich an Tom Hardy, der seiner Filmografie - "Dame, König, As, Spion", "The Dark Knight Rises" - eine weitere faszinierende Facette hinzufügt. Frei von Manierismus, ganz zurückgenommen und sachlich absolviert er eine darstellerische Mammutleistung. Die Emotionen dieses eher kontrollierten Charakters lässt er allenfalls in kurzen Momenten aufblitzen, vor allem durch das intensive Spiel seiner Augen. Das ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, wie physisch und expressiv seine Methode bislang war.

Aber auch in stilistischer Hinsicht kann sich Steven Knights Arbeit sehen lassen. Aus jedem erdenklichen Winkel erfasst seine Kamera das Innere des vierrädrigen Mikrokosmos, so das dass Geschehen in jeder Hinsicht abwechslungsreich bleibt. Und, wichtiger noch, dank der in vielen weichen Überblendungen geschickt montierten flirrenden und glitzernden Straßenbilder bekommt die Exkursion einen beinah hypnotischen Reiz. Bei allem Minimalismus entsteht so ein Gefühl von wunderbarer, flüssiger Eleganz.

Großbritannien/USA 2013. Regie und Buch: Steven Knight. Mit: Tom Hardy. Stimmen: Olivia Colman, Ruth Wilson, Andrew Scott, Ben Daniels, Tom Holland. Länge: 85 Minuten. FSK: ohne Altersbeschränkung

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