Islam-Experte warnt vor "Salafismus-Welle" in Deutschland

Islam-Experte warnt vor "Salafismus-Welle" in Deutschland
Gewaltbereite Salafisten rekrutieren nach Beobachtungen des Islam-Wissenschaftlers Michael Kiefer immer mehr junge Männer in Deutschland für den Krieg in Syrien.

"Derzeit kämpfen dort etwa 280 junge Erwachsene aus Deutschland in paramilitärischen Gruppen gegen Machthaber Baschar al-Assad", sagte Kiefer am Donnerstag in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Die Zahl derer, die bei den Kämpfen ums Leben gekommen sind, liegt im zweistelligen Bereich." An diesem Samstag ist Salafismus Thema einer Experten-Tagung an der Universität Osnabrück.

Seit etwa einem Jahr sprächen Salafisten verstärkt per Internet und in Schulen junge Männer und sogar Minderjährige an, berichtete der Islam-Experte. Kiefer forderte die Politiker in Bund und Ländern auf, endlich mehr Geld für Präventionsprogramme zur Verfügung zu stellen. Das Phänomen sei viel zu lange unterschätzt worden: 

Der Salafismus habe bereits rund 5.000 Anhänger in Deutschland. Damit habe sich die Zahl im vergangenen Jahr fast verdoppelt, sagte Kiefer. "Das ist eine regelrechte Welle, wie es sie in diesem Ausmaß noch nicht gegeben hat." Unter den Salafisten seien viele Konvertiten, die zum Islam übertreten, mancherorts liege ihr Anteil bei rund 50 Prozent. Salafismus ist eine radikal-islamische Strömung, die eine ausschließliche Orientierung an den Prinzipien von Koran und Sunna verlangt. Einige Salafisten gelten als gewaltbereit und befürworten den "Heiligen Krieg", um einen Gottesstaat zu errichten.

Beratungsstellen dringend nötig

Häufig trete allerdings die Religion in den Hintergrund, erläuterte der Wissenschaftler: "Es geht gar nicht mehr um den Islam an sich, sondern um den Protest gegen die Gesellschaft." Die jungen Menschen, die sich ködern ließen, hätten oft vielfältige Probleme und suchten nach Anerkennung und Selbstaufwertung. Allein mit polizeilichen Mitteln wie der Verhaftung des deutschen Salafisten-Predigers Sven Lau am Montag in Mönchengladbach könne das Problem nicht gelöst werden. Auch ein Verbot einzelner Organisationen sei letztlich wirkungslos, sagte Kiefer: "Die ziehen sich in den Untergrund zurück und machen weiter."

Vor allem in den Hochburgen im Ruhrgebiet, in Frankfurt und Hamburg müssten dringend Beratungsstellen eingerichtet werden, an die sich etwa betroffene Eltern wenden könnten, empfiehlt der Experte. Bisher existierten bundesweit nur zwei solcher Einrichtungen in Berlin und Bochum. Lehrer und Sozialarbeiter müssten sensibilisiert und geschult werden. Für die Rückkehrer aus dem Syrienkrieg müsste ein Konzept zur Resozialisierung erarbeitet werden. Lediglich Nordrhein-Westfalen habe ein Präventionsprogramm in Arbeit.

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