Endlich geschieden? Wie Rituale beim Abschied helfen

Ehering und gebrochenes Herz

Foto: Getty Images/iStockphoto/zimmytws

Endlich geschieden? Wie Rituale beim Abschied helfen
Scheidungsplaner sehen das Ende einer Ehe auch als Anlass zum Feiern
Schmerzfrei ist eine Trennung wohl nie. Aber irgendwann muss die Trauer vorbei sein, meint Scheidungsplanerin Claudia Kusch - und dann kann auch mal Zeit sein für eine Party. Wer Trennungsrituale ohne Halli-Galli sucht, findet Hilfe bei den Kirchen.

Für gewöhnlich hat eine Braut nichts in einer Autowerkstatt zu suchen. Claudia Kusch aber zog es ganz bewusst dorthin: Inmitten von gestapelten Autoreifen übergoss sie ihr Tüll-umsäumtes Hochzeitskleid mit tranigem Schmieröl. Der Akt der Zerstörung war für Kusch eine Befreiung, wie sie sagt. Mit diesem Ritual verabschiedete sie sich von ihrem Ex-Mann und damit von einem ganzen Lebensabschnitt. Dies wurde anschließend gefeiert - mit einer Scheidungsparty.

Verlassene zelebrieren hierzulande immer häufiger ihre Trennung. Der Trend schwappt aus den USA und Japan herüber. Während eine Scheidungsparty in Deutschland allerdings eine Seltenheit ist, gibt es in Österreich bereits Diskotheken, die ihren Gästen 50-Euro-Gutscheine schenken, wenn sie ihre Scheidungspapiere vorzeigen.

"Ich bin das Gegenteil vom Wedding-Planer"

Mehr als ein Drittel aller in Deutschland geschlossenen Ehen hält nicht bis zur Silberhochzeit. Etwa 37 Prozent werden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Laufe von 25 Jahren geschieden. 2012 waren dies 179.100.

Claudia Kusch hat aus ihrer eigenen Geschichte eine Geschäftsidee gemacht: Die Münchnerin ist bundesweit eine der Ersten, die als Scheidungsplanerin "Trennungsglück" als Gesamtkonzept vermitteln will. "Ich bin das Gegenteil vom Wedding-Planer", beschreibt sie ihre Tätigkeit. Bisher hat die 43-Jährige zwei Scheidungspartys organisiert.

Eine solche Feier sei stets individuell, sagt Kusch. Alles sei denkbar, vom Zerstören des Brautkleids bis zum Entrümpeln des Hausstandes. Zuletzt habe eine Kundin eine Torte bestellt. Statt drei Etagen und Zuckerguss sollte darauf die Figur der Geschiedenen zu sehen sein - mit dem abgetrennten Kopf ihres Ex-Gatten unter dem Arm. Judith und Holofernes als Kuchen. Eine Konditorei lehnte dies zunächst als "zu makaber" ab, wie Kusch erzählt. Eine zweite Bäckerei aber erfüllte den ungewöhnlichen Auftrag.

Im Gottesdienst den Ehering ablegen

Kuschs Angebot richtet sich insbesondere an Frauen im Alter von 30 bis 50 Jahren. Männer nämlich machten Gefühlsdinge eher mit sich selbst aus, meint die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin. Sie arbeitet mit Anwälten und Psychologen zusammen, an die sie die Frauen je nach ihren Bedürfnissen weitervermittelt. Die Scheidungsplanerin versucht, "rauszukitzeln, was der Mensch eigentlich braucht", wie sie sagt.

"Jede Trennung ist unterschiedlich, das Einzelschicksal steht im Vordergrund", sagt auch der Münchner Pfarrer Gerson Raabe. In der evangelischen Erlöserkirche in Schwabing bietet er liturgische Scheidungsrituale an. Dabei können sich Paare oder Einzelpersonen in einem Gottesdienst von ihrem einstigen Partner verabschieden - etwa durch das Anschauen von Familienalben oder das endgültige Ablegen des Eherings.

Noch werde das Angebot sehr selten wahrgenommen, sagt er. "Ich bin mir aber sicher, dass rituelle Begleitung immer wichtiger wird für viele Menschen", sagt Raabe. "Die Kirchen begleiten Menschen an Schwellensituationen ihres Lebens, von der Taufe über die Hochzeit bis zum Tod. Dazu zählt auch, wenn die Ehe zerbricht."

"Die Tränen müssen raus"

Schwieriger ist die Handhabung in der katholischen Kirche. Hier ist die Ehe ein Sakrament und damit unauflöslich - "bis dass der Tod euch scheidet". Um Betroffenen dennoch Halt zu geben, organisiert etwa das Münchner Erzbistum zusammen mit dem evangelischen Dekanat zwei Mal jährlich ökumenische Gottesdienste für Getrennte.

Außerdem gebe es Trauergottesdienste für Menschen mit gescheiterten Beziehungen, erzählt Marianne Habersetzer. Die Leiterin der Abteilung "Generationen und Lebensalter" im Erzbischöflichen Ordinariat merkt jedoch an: "Es ist sicherlich nichts, was man mit Halli-Galli und Torte wie bei einem freudigen Anlass feiert. Das ist ein anderer Ansatz."

Ein Rezept für eine schmerzfreie Scheidung gebe es nicht, weiß auch Kusch. Es dürfe geweint und getrauert werden. "Die Tränen müssen raus. Man kann sich eine gewisse Zeit zurückziehen, aber irgendwann muss man wieder etwas für sich zu tun."

Manch einer möge es unmoralisch finden, mit dem Leid anderer Menschen Geld zu verdienen. Kusch aber entgegnet: "Eine Scheidungsparty feiert man nicht gleich nach der Trennung, sondern erst, wenn man so weit ist." Schließlich freuten sich Familie und Freunde, wenn der schlimmste Schmerz verflogen sei und sich die Betroffenen wieder aufbäumten. "Es ist einfach ein Abschiedsritual", urteilt die Scheidungsplanerin. "Dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt."

Der nächste ökumenische Gottesdienst für Getrennte findet am 18. Oktober um 18 Uhr in der Münchner St. Markuskirche, Gabelsbergerstraße 6, unter dem Motto "Wenn Wege sich trennen - Scherben bringen Glück" statt. Trauergottesdienste für Menschen mit gescheiterten Beziehungen gibt es jeweils am ersten Sonntag im Monat in St. Paul in München, St.-Pauls-Platz 10.

 

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