Die andere Seite des sanften Buddhismus

Foto: dpa/Nyein Chan Naing
Ein Mönch spricht auf der buddhistischen Mönchskonferenz in Yangon, Myanmar, durch ein Megafon. Myanmars Regierung hatte das TIME Magazin mit der Titelgeschichte über den extremistischen birmanischen Mönch Wirathu verboten, der Buddhisten zum Boykott muslimischer Geschäfte und Unternehmen aufgerufen hatte.
Die andere Seite des sanften Buddhismus
Auf der Titelseite des US-amerikanischen "Time"-Magazins prangte in der letzten Juniwoche das Foto des extremistischen birmanischen Mönchs Wirathu. Zusammen mit der Schlagzeile "The Face of Buddhist Terror". Die Titelgeschichte über radikale buddhistische Bewegungen in Birma als auch in Sri Lanka sorgte weltweit für Wirbel.

In Sri Lanka führt die radikale buddhistische Mönchsorganisation Bodu Bala Sena (BBS) eine Hetzkampagne gegen die muslimische Minderheit. Anhänger der "Buddhistischen Machttruppe" scheuen dabei vor Gewalt nicht zurück. Unmittelbarer Anlass für die antimuslimische Kampagne der letzten Monate ist die Forderung der Mönche nach Einstellung der Vergabe von Halal-Zertifikaten für Produkte, die den islamischen Vorschriften entsprechen.

Mit den Gebühren für diese Zertifikate finanziere die muslimische Dachorganisation All Ceylon Jamiyyathul Ulama (ACJU) islamische Extremisten, behauptet die BBS, ohne dafür jedoch Beweise zu haben. Darüber hinaus verlangt die BBS ein gesetzliches Verbot muslimischer Bekleidungstraditionen. "Wir werden solange kämpfen, bis diese Kleidung in diesem Land verboten ist, so dass sie keine Chance haben, inoffiziell das islamische Schariarecht in die buddhistische Nation Sri Lanka einzuführen", sagte BBS-Generalsekretär Galagoda Aththe Gnanasara Mitte März gegenüber dem Colombo Telegraph.

"Falsche Wahrnehmung des Westens"

Auch in Birma haben buddhistische Mönche eine Kampagne gegen die muslimische Minderheit gestartet. "Die Muslime vermehren sich so schnell und sie stehlen und vergewaltigen unsere Frauen. Sie wollen unser Land besetzen, aber ich lasse das nicht zu. Myanmar (Birma) muss buddhistisch bleiben", verkündet der Mönch Wirathu. Seit Juni 2012 sind mehr als 200 Menschen bei gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Anhängern der beiden Religionen ums Leben gekommen.

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Zunächst waren die muslimischen Rohingya im birmanischen Teilstaat Rakhine Ziel der buddhistischen Gewalt, als deren Initiatoren die radikale Mönchsbewegung 969 und ihr Führer, der Mönch Wirathu gelten. Die Rohingya zum ersten Ziel der antimuslimischen Gewaltwelle zu machen war eine infame Strategie. Die Rohingya sind eine in ganz Birma verhasste Volksgruppe. Die Bengali, wie sie verächtlich genannt werden, gelten als staatenlose Einwanderer aus Bangladesch. In Birma sind die Rohingya rechtlos, sie werden verfolgt, ausgebeutet und diskriminiert. Muslime werden mit "Bengali" gleichgesetzt und so breitete sich die Gewalt auf andere Teile Birmas aus.

Die Propaganda der 969-Bewegung entspricht der der BBS: Muslime sind darauf aus, den Buddhismus zu verdrängen und den Islam zu verbreiten. Religiöser Fanatismus und Extremismus ist offenbar nicht länger nur eine Erscheinung im Islam, Christentum, Judentum und Hinduismus. Dabei gilt der Buddhismus doch als friedliche Religion. "Das ist eine falsche Wahrnehmung des Westens", sagt Sulak Sivaraksa und fügt hinzu: "Es wird nicht immer praktiziert, was man lehrt und predigt." Sivaraksa ist ein weltweit geachteter buddhistischer Lehrer, Philosoph, Streiter für Gerechtigkeit und Frieden, Kritiker des Kapitalismus und Konsumerismus. Der 80-Jährige lebt in einem typischen Thai-Haus aus Teak in einer ruhigen Straße mitten in Bangkok, nur einen Katzensprung vom Rotlichtviertel Patpong entfernt.

"Buddhistische Mönche dürfen sich nicht politisch engagieren"

Für Gewalt und Extremismus, Diktatur und Unterdrückung hat Sivaraksa, der seit vielen Jahrzehnten enge Kontakte zu Mönchen in Birma pflegt, kein Verständnis. Aber er hat eine Erklärung für die antimuslimische Stimmung in Birma und Sri Lanka, wo Muslime mit einem Bevölkerungsanteil von fünf beziehungsweise 9,7 Prozent sehr kleine religiöse Minderheiten sind. "Aus dem Blickwinkel des Buddhismus ist der Islam als eine Gefahr eine geschichtliche Erfahrung. Der Islam hat den Buddhismus in Indien ausgelöscht und vor rund 500 Jahren löste der Islam in Indonesien den Buddhismus als die vorherrschende Religion ab."

Die Bengali-Moschee liegt direkt gegenüber der Sule-Pagode, eines der großen Heiligtümer des birmanischen Buddhismus.

Aber Sivaraksa macht auch deutlich, dass Gruppierungen wie 969 oder BBS nur das extreme Ende eines ganzen Spektrums eines gesellschaftspolitischen Aktivismus buddhistischer Mönche darstellt. Sivaraksa erinnert an die Safranrevolution, den Aufstand der Mönche in Birma gegen das Militärregime im Herbst 2007. "Die Mönche damals haben sich an die buddhistischen Prinzipien der Selbstlosigkeit und Gewaltlosigkeit gehalten, ähnlich wie es die meisten Tibeter seit 50 Jahren tun."

Mano Mettanando Laohavanich lehnt die radikalen Mönchsbewegungen kategorisch ab. "Diese radikalen Buddhisten haben nichts mit den Lehren des Buddhismus zu tun", betont der Dozent an der Thammasat Universität in Bangkok. Buddhistische Mönche dürften gegen gesellschaftliche Missstände aktiv werden, sich aber nicht politisch engagieren. "Sich in die Politik einzumischen widerspricht den buddhistischen Prinzipien. Gautama hatte ja als Sohn eines Königs der weltlichen Macht entsagt, um durch Askese und Meditation zum Erleuchteten, zum Buddha, zu werden", betont Laohavanich, der selbst zwei Jahrzehnte als buddhistischer Mönch in einem Kloster gelebt hat.

"Moderate religiöse Kräfte haben versagt"

Aber die Realität in Asien sieht anders aus. "Religion und Politik sind in allen südostasiatischen Ländern integriert. Die Mehrheitsreligion wird mit Nationalismus assoziiert. Glauben ist gleich Nationalismus", sagt Laohavanich. In Sri Lanka ist der Staat laut Verfassung zur Integration der Religion verpflichtet. In Birma hingegen gibt es keine offizielle Religion gibt, doch der Buddhismus faktisch Staatsreligion. Laohavanich sagt: "Mönche sind auch Menschen. Politiker verstehen es, Mönche und Religion zu manipulieren.“

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In Sri Lanka ist die Beziehung zwischen Politik und den Mönchen der BBS eng. Duleep de Chickera, anglikanischer Bischof von Colombo wirft sowohl der Regierung als auch den moderaten religiösen Kräften Sri Lankas Versagen bei der Bekämpfung buddhistischer Gewalt gegen Muslime vor. Die Regierung hätte Schritte zur Eindämmung der Provokationen religiöser Animositäten und zur "Garantie der Sicherheit und Würde" der Muslime unternehmen müssen, betonte Bischof de Chickera in einer Stellungnahme. "Das ist nicht geschehen", klagte der Bischof. Weiter schrieb de Chickera, Buddhistische Mönche, "einschließlich des Islam", hätten dabei versagt, ihre "grundlegenden Verpflichtungen zur interreligiösen Integration zu erfüllen".

Birma: TIME-Magazin vom Markt genommen

Auch in Birma werden der Regierung von Präsident Thein Sein Sympathien für die 969-Bewegung nachgesagt. Die Haltung von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi und ihrer Partei Nationale Liga für Demokratie zur Hatz gegen Muslime kann bestenfalls als ambivalent beschrieben werden. Hass und Vorurteile gegen Muslime sitzen tief in Birmas Gesellschaft. Während des Militärregimes war die Politik gegenüber Muslimen doppelbödig.

Nach dem Putsch 1962 wurden alle Muslime aus politischen und militärischen Führungspositionen entfernt. Die Armee beging im Laufe der Jahrzehnte mehrere Massaker unter den Rohingya. 1982 wurden die Rohingya durch die Aberkennung der birmanischen Staatsbürgerschaft entrechtet. Gleichzeitig aber unterband die Junta, deren letzter Premierminister Thein Sein war, antimuslimische Kampagnen. Wegen seiner muslimfeindlichen Brandreden wurde 969-Mönch Wirathu 2003 zu 25 Jahren Haft verurteilt und kam erst 2010 durch eine Amnestie der Reformregierung von Ex-General Thein Sein wieder frei.

Die Regierungen von Sri Lanka und Birma reagierten verärgert auf die Titelgeschichte des TIME Magazin. In Sri Lanka beschlagnahmte der Zoll 400 Exemplare des Magazins. In Birma fiel die Reformregierung in die Zeit der Zensur zurück und verbot den Verkauf des TIME Magazins - "zur Vermeidung weiterer Konflikte".