Auroville ist Indiens Traum von einer besseren Stadt

Stadt Auroville

Foto: Eric Martin/Le Figaro Magazine/laif

Feier zum Geburtstag von Sri Aurobindo, einem indischen Politiker und Guru, in der internationalen Stadt Auroville in Indien.

Die "Göttliche Mutter" hatte eine Vision. Die Vision von einer Stadt, in der alle Nationalitäten und Religionen vereint sind. Wo Friede, Eintracht und Harmonie herrschen. Wo der Mensch seine "kämpferischen Instinkte" nur nutzt, um Elend und Leid, Schwäche und Ignoranz, Begrenzungen und Unfähigkeiten zu überwinden. Bloßes Vergnügen, Leidenschaften und Materielles werden verdrängt von Geist und Fortschritt. Kinder entfalten sich, ohne den Kontakt mit ihrer Seele zu verlieren. Wo liegt dieses Utopia? Ist es das Paradies? Atlantis? Oder doch Nimmerland? Und wie kommt man da rein?

Auroville - die "Stadt der Morgenröte" - liegt im Südosten Indiens, 130 Kilometer südlich von Madras. Auroville ist eine Stadt, die einmal 50.000 Bewohner haben soll. Ein Ort, wo die Beziehungen der Menschen statt auf Wettbewerb und Kampf auf Zusammenarbeit und Brüderlichkeit fußen und dem Eifer, etwas immer besser zu machen. So formulierte es die "Göttliche Mutter", Mirra Alfassa, einst.

In Indien begegnete die gebürtige Französin dem Philosophen Sri Aurobindo, der immer mehr Schüler um sich versammelte und ein Ashram gründete, ein Meditationszentrum. Die Leitung übernahm bald seine Frau, Mirra Alfassa, es fanden Abendgespräche und Gruppenmeditationen statt. Ihr Mann war es auch, der in Alfassa die "Göttliche Mutter" entdeckte. Sie übernahm sowohl Organisation als auch spirituelle Leitung des Ashram und gründete am 28. Februar 1968 Auroville. Jugendliche  aus 124 Nationen brachten Erde aus ihren Heimatländern mit. Auf diesem Symbol der menschlichen Einheit fußt Auroville.

45 Jahre später versuche die Stadt "weitgehend autark zu wirtschaften", heißt es auf der Webseite. Unter anderem die deutsche und indische Regierung sowie die UN unterstützen das Projekt finanziell. Derzeit leben rund 2.250 Einwohnern aus 45 Nationen in diesem "Labor der menschlichen Einheit", ohne Geld, vereint von einer Idee.

Wie man ein Aurovillianer wird

Sie sind "von der grundlegenden Einheit der Menschheit überzeugt" und wollen "an der materiellen Verwirklichung dieser Einheit mitarbeiten"? Dann sind die Grundvoraussetzung für ein dauerhaftes Leben in Auroville vorhanden. Am Anfang steht ein dreimonatiges Probewohnen.

Sie sollten einverstanden sein, mindestens fünf Stunden täglich für die Gemeinschaft zu arbeiten. Für ein ruhiges Rentnerleben ohne Pflichten ist dies der falsche Ort, denn auch von alteren Menschen wird dies erwartet. Schließlich legte die "Göttliche Mutter" fest, dass Arbeit als Yoga praktiziert werde, also als Weg zur Gotteserkenntnis. Dennoch solle man generell nicht arbeiten, um zu leben, sondern um sich auszudrücken, der Gruppe zu dienen.

Auf den formellen Aufnahmeantrag folgt die einjährige Probezeit, für die man als "freiwilliger Arbeiter" eine Aufenthaltserlaubnis bekommt. In dieser Zeit stehen dem Neuling ein erfahrener Aurovilianer als Kontaktperson zur Seite, von ihm wird erwartet, dass er sich durch Arbeit und andere Beteiligingen in die Gemeinschaft integriert. Während dieses eines Jahres sollte man Auroville nicht verlassen, sondern "innerlich wachsen".

Leben nach den Prinzipien der "Mutter"

Erst nach diesem Jahr wird die Kontaktperson befragt und die Gemeinschaft entscheidet schließlich, ob der Aufenthalt in Auroville ein Gastspiel bleibt, die Probezeit verlängert wird oder man dauerhaft bleiben darf. Rund 100 Euro muss man dann einmalig zahlen, um aufgenommen zu werden. Monatlich zahlt jeder Aurovillianer zudem 25 Euro, um die Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Der Lebensunterhalt kostet rund 100 Euro, wobei "neuangekommene Westler wohl mehr brauchen, bis sie sich akklimatisiert haben". Die Einwohner-Versammlung kümmert sich darum, dass die grundlegenden Prinzipien der "Mutter", wie die 1973 verstorbene Mirra Alfassa genannt wird, von allen Einwohnern eingehalten wird. Ist das nicht der Fall, droht der Rausschmiss.

Aurovillianer sollen außerdem keinen Menschen Unterschlupf gewähren, die nicht von der Gemeinschaft aufgenommen worden sind. Drogen sind verboten. Statt für sich alleine zu kochen, sollte man in der Gemeinschaft kochen. Auroville ist aber keine politische Organisation, die "Mutter" hatte eher eine göttliche Anarchie im Sinn.

Fortschritt, Wahrheit und Pflichten

In den Grundlagen heißt es auch, dass Auroville in Ort der ewigen Erziehung, des ständigen Fortschritts und einer Jugend, die niemals altert, ist. Alle Menschen mit gutem Willen und aufrichtigem Streben könnten hier frei als Weltbürger leben und müssen nur einer einzigen Autorität gehorchen: der höchsten Wahrheit. Intellektuelle, moralische und spirituelle Überlegenheit drücken sich nicht durch Vergnügungen und Macht aus, sondern durch Pflichten und Verantwortlichkeiten.

Erziehung in Auroville dient dem Hervorlocken neuer Fähigkeiten und nicht Prüfungen, Zeugnisse und Posten. Es gibt mehrere Schulen und Forschungseinrichtungen, eine Bibliothek und ein Sprachlernzentrum. Wichtig sei aber das Ideal der "nie endenden Erziehung", unterrichtet wird nach dem Grundsatz: "Das erste Prinzip wahren Lernens ist, dass nichts gelehrt werden kann." Fortschrittliche, experimentelle Unterrichtsmethoden sollen "Kindern die Freude an der Selbstentdeckung und am Lernen bewahren". Die Älteren forschen über erneuerbare Energien, Bautechnologie, Wasseraufbereitung, Bewusstseinsforschung und organische Landwirtschaft.

Jeder soll künstlerische Schönheit erfahren und ausdrücken können, unabhängig von sozialer oder materieller Position. Individueller Verdienst hat eine größere Gewichtung als materieller Reichtum und soziale Position. Für Strom, Wasser und Telefon ist ebenso gesorgt wie für die Müllentsorgung. Es gibt Restaurants und Café, eine solarbetriebene Gemeinschaftsküche, eine Post, eine Art Bank und eine Fahrzeugvermietung. Auroville bringt wöchentlich beziehungsweise monatlich eigene Zeitungen heraus, außerdem gibt es einen Internet-Radiosender und Auroville-TV.

Eine, aber nicht die einzige Lösung

Auf die Frage, ob Auroville denn die Lösung für das Elend der Menschheit und der Verwirrung in der Gesellschaft ist, antwortete die "Mutter", Mirra Alfassa: "Nicht die einzige Lösung. Es ist ein Zentrum der Transformation, ein winziger Kern von Menschen, die sich selbst wandeln und ein Beispiel für die Welt darstellen. Das jedenfalls hofft Auroville zu sein. Solange Egoismus und der böse Wille in der Welt existieren, ist eine übergreifende Veränderung unmöglich."

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So befinde sich auch Auroville in einem ständigen Entwicklungsprozess. Und ist, nach eigener Auskunft, "von der Verwirklichung der Ideale noch ein gutes Stück entfernt". Aber vielleicht nicht so weit entfernt wie Utopia, Atlantis und Nimmerland.