"Die Kirche muss die Menschen fragen: Was braucht ihr?"

Sprechen über die Kirche

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"Die Kirche muss die Menschen fragen: Was braucht ihr?"
"Über Kirche reden" war Thema des 4. Barcamps von evangelisch.de, diesmal zusammen mit der Evangelischen Akademie Tutzing. Rund 30 Teilnehmer – Theologen und Laien – überlegten in spontanen Workshops, wie sie persönlich ihren Glauben anderen mitteilen können. Auch die Zukunft der Kirche war ein Thema: Können Social Media ein Weg sein, um neue Zielgruppen zu erschließen?

"Ich merke bei mir selber, dass es mir schwerfällt, über meinen Glauben zu sprechen, selbst bei guten Freunden", bekannte Kirchentagspräsident Gerhard Robbers gleich zu Beginn des Barcamps. Zu Robbers' Problem bot der bayrische Pfarrer Otto Ziegelmeier kurzerhand einen Workshop an. Denn die Schwierigkeit, den persönlichen Glauben gegenüber Bekannten und Kollegen anzusprechen, kennen wohl viele Christen. Ist es zu peinlich, zu intim, zu kompliziert? Ziegelmeier fragt sich oft: "Müsste ich nicht mehr von Gott reden? Auch bei Menschen, wo ich weiß: Gott ist für sie kein Thema."

Otto W. Ziegelmeier, in Frankfurt lebender Pfarrer aus Bayern, überlegte, warum es so schwer ist, über den eigenen Glauben zu sprechen.

Joachim Giesen, Coach aus München, findet das schwierig, jedenfalls so allgemein. "Ich finde Gott ist zu nebulös. Über Gott reden, was soll sich da sagen?" Lieber spreche er über konkrete Texte (1. Korinther 13) oder über Themen, die ihn wirklich interessieren (Auferstehung). Gut, meinte Otto Ziegelmeier dazu: "Das Authentische ist wichtig!" Außerdem sei es besser, Geschichten zu erzählen, anstatt geschliffene Zitate vorzutragen. "Geschichten bleiben hängen, die haben einen Widerhaken." Und wenn ein Gespräch mal in Stocken gerate, könne man gut weiterkommen mit der Frage: "Was ist denn dem Menschen wichtig?" Sich interessieren für den anderen – was braucht er, was beschäftigt ihn? "Man kann Menschen erreichen, wenn man das eigene Blickfeld öffnet", warb auch Hanna-Lena Neuser, Studienleiterin in  der Evangelischen Akademie Tutzing, für Offenheit gegenüber dem Gesprächspartner.

Kirchengemeinderat Kai Oertel aus Stuttgart ging in seinem Workshop noch einen Schritt weiter und fragte: "Wie muss ich den Raum gestalten, wenn ich über Gott und die Kirche rede?" Damit war nicht Dekoration im Gemeindehaus gemeint, sondern eine sichere Gesprächsatmosphäre, die vor gegenseitigen Verletzungen schützt. Denn in Gesprächen über den Glauben können Emotionen eine Rolle spielen. Joachim Giesen half mit dem Hinweis auf die Verschiedenartigkeit der Menschen: Beziehungstypen, Sachtypen und Handlungstypen verhalten sich im Gespräch möglicherweise unterschiedlich. Es gilt herauszufinden, wer auf welche Weise zugänglich ist. Vielleicht ist das Gespräch nicht mehr so schwierig, wenn man erkannt hat, wie der andere tickt.

"Der Herr like euch und flausche euch"

Kann das Internet ein geeigneter Raum sein, um besonders mit jüngeren Menschen über den Glauben zu reden? Im Bereich Social Media sind die Landeskirchen sehr unterschiedlich aufgestellt, das machte Alexander Gajic schon in seinem einleitenden Referat deutlich. Ganz weit vorn auf Facebook und Twitter ist die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR), die als erste Landeskirche Social-Media-Guidelines entwickelt hat und anwendet (Westfalen und Lippe werden folgen). Der neue rheinische Präses Manfred Rekowski bloggt, die Internetredaktion der Landeskirche führt Online-Gespräche mit Twitter- und Facebooknutzern.

Alexander Ebel, Referent des Kirchenpräsidenten in der Evangelischen Kirche der Pfalz, referierte über Kirche in den Social Media.

Die Evangelische Landeskirche in Baden liefert ihrer Online-Gemeinde täglich geistliches "Futter" in Form des "Twittagsgebetes". Beachtlichen Erfolg hat die von Stuttgarter Studenten betriebene "Evangelisch im Facebook"-Seite, auf der geistliche Texte und Bilder gepostet werden. Besonders wichtig sei, so Gajic, dass die Kirche den Menschen in den Netzwerken Antworten gebe und wirklich mit ihnen ins Gespräch komme. Das Internet sei kein irrealer Raum mehr, die Grenzen zwischen Realität und Virtualität seien bereits verschwommen.

Alexander Ebel, Referent des Pfälzischen Kirchenpräsidenten Christian Schad, erörterte in seinem Workshop, welche Art von Postings oder Tweets von den kirchlich interessierten Fans "geliket" und von den Followern gern retweetet werden: Zitate, Bilder von Kirchen-Promis, Videos, knappe politische Aussagen und Witze kommen gut an. Und kleine kreative Segenssprüche wie der aaronitische Social-Network-Segen: "Der Herr like euch und flausche euch. Der Herr lasse sein Profilfoto leuchten über euch und schenke euch einen Candystorm." Kleine Gebete und Besinnliches kommen gut an – und werden vor allem geteilt: Die Evangelische Kirche der Pfalz hat 560 Facebookfans, die zusammen 170.000 Freunde haben, so dass wöchentlich 1500 bis 2000 Menschen mit den Kirchen-Postings erreicht werden. "Das sind lauter Bekenntnisse", meinte dazu Bernd Gratzer aus Wien.

"Keine Mitglieder mehr, die austreten können"

Soziale Netzwerke können auch für Gottesdienste im Internet eingesetzt werden: Die Nutzer sehen sich einen Livestream des Gottesdienstes an (zum Beispiel die Online-Andacht aus Wien, den sublan-Gottesdienst von sankt peter Frankfurt oder den Facebook-Gottesdienst von katholisch.de) und reagieren über die Netzwerke oder einen eigenen Chatroom auf die Predigt, geben Gebete und Kommentare ein. Durch diesen Rückkanal, den Fernsehgottesdienste nicht haben, können Online-Teilnehmer aktiv am Gottesdienst teilnehmen. Die Anonymität des Netzes könnte es gerade Jugendlichen leicht machen, Kirche im Internet unverbindlich kennenzulernen. Dabei war man sich im Workshop einig, dass Online-Gottesdienste kein voller Ersatz für Gottesdienste in der "Kohlenstoffwelt" sein können und sollen.

Joachim Eicken aus Stuttgart wertet Statistiken aus warnt vor einem rapiden Rückgang der Getauften.

Junge Menschen braucht die Kirche dringend. "Es werden immer weniger Kinder geboren und die werden immer seltener getauft", stellte Joachim Eicken in seinem Workshop fest. Er hat beim Statistischen Amt der Landeshauptstadt Stuttgart gearbeitet, ist nun im Vorruhestand und schockt Kirchengemeinden mit seinen Vorträgen über die Folgen der Bevölkerungsentwicklung für die Kirchen: "Die Austrittszahlen gehen zurück, weil sie keine Mitglieder mehr haben, die austreten können." Eicken ist sehr pessimistisch. Nur noch rund 50 Prozent der Stuttgarter Bevölkerung gehören nach seinen Zahlen der evangelischen oder katholischen Kirche an, bald werde der Anteil auf 40, dann auf 30 Prozent sinken. "Damit ist die Frage des Überlebens der Kirche gestellt", so der Statistiker.

Wie also muss die Kirche die Menschen ansprechen, damit sie in die Gottesdienste kommen und ihre Kinder taufen lassen? Joachim Giesen ist vor 40 Jahren ausgetreten. "Warum sollte ich zurückkommen? Was habt ihr mir zu bieten?", will er wissen. "Die Kirche muss die Menschen fragen: Was braucht ihr? Was brauchen Jugendliche? Was brauchen Intellektuelle?" Jugendliche, so Giesen, brächten vor allem Freiraum – nicht Vorgaben, wie sie sich zu verhalten hätten. Bernd Gratzer aus Wien meinte dazu: "Wir müssen überlegen ob unsere Gottesdienste noch zeitgemäß sind. Wir lesen Texte von vor 500 Jahren und singen Lieder, die genauso alt sind."

In Österreich liegt der Anteil der Protestanten an der Gesamtbevölkerung bei weniger als vier Prozent. Entsprechend düster ist die finanzielle Lage: "Unser Presbyterium ist nur noch dran, das Geld zusammenzukratzen", berichtet Gratzer. Betretene Gesichter bei den deutschen Workshopteilnehmern – vielleicht geht es uns noch zu gut? Dennoch ist es höchste Zeit, sich aufzumachen und von Gott und der Kirche zu reden. "Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern", hat Jesus seinen Jüngern gesagt. Gut möglich, dass er mit "Licht" und "Dächern" auch Social Media meinte.