Goethe war ein "exzellenter Bibelkenner und dezidierter Nichtchrist"

Goethe war ein "exzellenter Bibelkenner und dezidierter Nichtchrist"
Die Goethe-Gesellschaft in Weimar stellt in dieser Woche erstmals auf einer Hauptversammlung das Verhältnis Johann Wolfgang von Goethes zu den Weltreligionen in den Mittelpunkt.
20.05.2013
epd
Thomas Bickelhaupt

Damit versuche die literarische Gesellschaft, "in einer Zeit allgemeiner Orientierungslosigkeit Anregungen für Antworten auf drängende Sinnfragen zu geben", sagte der Präsident der internationalen Vereinigung, Jochen Golz, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Zudem sei Goethe ein positives Beispiel für Toleranz im Umgang mit religiösen Überzeugungen. "Von seiner Haltung zu den Weltreligionen lässt sich noch heute manches lernen", sagte Golz. Gleichwohl könne der Dichter in den aktuellen Debatten um ethische Werte "weder Prophet noch Nothelfer" sein, fügte der habilitierte Germanist und langjährige Direktor des Weimarer Goethe- und Schiller-Archivs hinzu.

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Der protestantisch erzogene Goethe habe sich zeitlebens vor allem mit dem Christentum intensiv auseinandergesetzt. "Er war ein exzellenter Bibelkenner und religiös, ohne dabei einer bestimmten Konfession anzuhängen." Die Theologie des Kreuzes und der Erlösung durch Gnade habe er allerdings "kategorisch abgelehnt". Stattdessen sah er den Menschen allein durch seine Existenz als tätiges Wesen gerechtfertigt und im Christentum "eine zur Menschenwürde führende Religion".

Bei seiner späteren Beschäftigung mit dem Islam habe Goethe den Koran in erster Linie historisch verstanden, um zu den Anfängen dieser Religion vorzudringen. Vor diesem Hintergrund sei der Kommentar zum "West-östlichen Divan" so etwas wie eine Kulturgeschichte des Orients, erläuterte Golz. Dagegen habe das Judentum für Goethe kaum eine Rolle gespielt. Dennoch sah er im Alten Testament "ein beispielloses poetisches Dokument und eines der großen Zeugnisse der Weltgeschichte".

Goethes tolerante Haltung zur Religion und zu religiösen Fragen habe auch sein persönliches Leben geprägt. Obwohl sich der Dichter als "dezidierter Nichtchrist" verstand, habe er sich den Regularien der Kirche nicht entzogen, sagte Golz unter Hinweis auf Goethes kirchliche Hochzeit und die evangelische Taufe seiner Kinder.

Die 83. Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft mit etwa 400 Teilnehmern aus 20 Ländern beginnt am Mittwoch in Weimar. Die 1885 gegründete Gesellschaft vereint rund 2.800 Goethefreunde und Wissenschaftler in aller Welt.