Lebensmittel-Tafeln: "20 Jahre sind genug"

Foto: epd-bild/Thomas Lohnes
Wenn es nach dem "Kritischen Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" geht soll dieses Bild bald der Vergangenheit angehören: Bedürftige stehen an einer Ausgabestelle der Frankfurter Tafel an.
Lebensmittel-Tafeln: "20 Jahre sind genug"
Das "Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" kritisiert die Lebensmittel-Tafeln als Folge des kontinuierlichen Abbaus des Sozialstaates. Die Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat sich dem Aktionsbündnis angeschlossen. Warum Protest notwendig ist, erzählt die Direktorin Susanne Kahl-Passoth im Interview.
26.04.2013
evangelisch.de
Franziska Fink

Frau Kahl-Passoth, viele denken bei den Tafeln erst einmal an eine gute Sache. Warum wird die Tafel-Bewegung in der Öffentlichkeit fast durchweg positiv betrachtet?

Susanne Kahl-Passoth: Ich denke, es ist natürlich toll, wenn so viele Menschen sich überhaupt engagieren. Es gibt derzeit um die 900 Tafeln in Deutschland und wenn man sich vorstellt, wie viele Menschen da mitmachen, das ist schon beeindruckend. Und nicht nur, dass sie mitmachen, sie kümmern sich um Menschen, die bedürftig sind. Und das ist nicht unbedingt selbstverständlich. Deswegen kann man schon sagen, dass das im ersten Moment was ganz Tolles ist.

Was kritisieren Sie an den Tafeln und warum macht Ihre Diakonie beim "Kritischen Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" mit?

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Kahl-Passoth: Die Tafeln lindern Armut. Sie sind aber kein wirksames Instrument zur Bekämpfung von Armut. Die Überwindung von Armut ist eigentlich die Aufgabe des Staates und um den Staat in die Verantwortung zu nehmen, sagen wir jetzt ganz deutlich diese kritischen Worte zur Tafel: Die Tafeln sollten ein Übergang sein und 20 Jahre Übergang sind genug. Der Staat darf nicht länger aus seiner Verantwortung entlassen werden.

Wie reagiert die Tafel-Bewegung auf Ihre Kritik?

Kahl-Passoth: Soweit ich das mitbekommen habe, gibt es mit vielen im Prinzip einen Konsens und auch Sabine Werth, die die Berliner Tafel gegründet hat, sagt, dass es eigentlich zu viele Tafeln gibt. Ich erlebe durchaus zugewandte Reaktionen auf unsere Teilnahme am tafelkritischen Bündnis. Aber ich glaube, von einigen, die nicht genau hinhören, wird das schon als ein Affront verstanden,  als eine massive Kritik und auch eine Diskreditierung der Menschen, die dort arbeiten. Aber davon ist bei niemandem, der sich an dem Aktionsbündnis beteiligt, die Rede.

Uns geht es um die nachhaltige Überwindung von Armut durch eine effektive Sozialpolitik. Und ein erster Schritt wäre, dass es keine weiteren Tafeln und ein breites Bündnis gibt, das sich gegenüber der Politik organisiert und deutlich sagt: Hier muss sich etwas ändern. Es muss eine Grundsicherung geben, von der die Menschen auch wirklich leben können und mit der es nicht notwendig ist, dass Menschen zur Tafel gehen. Zu den Tafeln zu gehen ist für viele kein einfacher Schritt.

"Die Politik hat sich mit der Existenz der Tafeln arrangiert"

Was sollte man noch konkret ändern?

Kahl-Passoth: Weitere Schritte wären, dass die Sätze für Hartz IV erhöht werden. Die Politik muss die Problematik überhaupt mal zur Kenntnis nehmen. Es ist wirklich schlimm, wenn Leute im Jobcenter zu hören bekommen „Wenn das Geld nicht reicht, dann gehen Sie doch zur Tafel“.

Ich habe den Eindruck, dass die Politik sich mit der Existenz der Tafeln arrangiert. Das geht nicht. Ich kritisiere, dass Politik nicht hinschaut, wie es den Menschen geht. Politiker müssen einfach näher an die Realität ran und mit den Menschen darüber sprechen, was sie brauchen.

Wie sehen denn Ihre eigenen Erfahrungen aus? Wie geht es den Menschen, die zur Tafel gehen?

Kahl-Passoth: Die Menschen, die langzeitarbeitslos sind oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen leben, sind von vielen Dingen in dieser Gesellschaft abgeschnitten. Mit Teilhabe ist da nichts. Und am gesellschaftlichen Leben wird nur dort teilgenommen, wo es umsonst ist oder wo sie das Gefühl haben, sie können dort hingehen. Das ist ein ganz großer Bruch in unserer Gesellschaft. Das muss sich ändern.

Und noch eine Sache: Bei den Tafeln möchte man die Menschen natürlich würdigen und Ihnen mit Respekt begegnen, aber deswegen darf ich diese Menschen trotzdem nicht als „Kunden“ bezeichnen. Genau das tun Ehrenamtliche bei den Tafeln. Ich muss sagen, dass das Bedürftige sind, denn sonst verschleiere ich die Armutssituation. Und was ich verschleiere, kann ich nicht ändern.