Wer bist du, Jesus?

Wer bist du Jesus?

Foto: iStockphoto/Magdalena Jankowska

Deutschland spricht 2019
Wer bist du, Jesus?
Eine Andacht zu Karfreitag, gehalten auf dem Bundesrat II-2013 des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP).

"Es gibt drei verschiedene Opferbegriffe im Lateinischen", sagt der Dozent. Die Studenten sitzen  im Audimax in Greifswald. Manche schreiben mit, andere hören nur zu, einige surfen im Internet und haben abgeschaltet. "…drei verschiedene Opferbegriffe. Da wäre zum ersten das passive Opfer, das Gewalt erleidet, zum zweiten kann man sich für eine Sache heroisch opfern und zuletzt das kultische Opfer, bei dem einem Gott ein Tier dargebracht wird. Im Deutschen werden alle diese drei Begriffe mit dem Wort 'Opfer' wiedergegeben. Das führt zu einer gewissen Begriffsunschärfe in deutschen Texten. Befragen Sie deutsche Texte daher, wenn sie sie bearbeiten, immer danach, mit welchem Opferbegriff sie es zu tun haben."

Opfergang

Er ahnt schon, was jetzt kommt. Er fürchtet sich davor. Es ist jeden Tag die gleiche demütigende Zeremonie. Wäre es eine einmalige Sache, dann wäre es schlimm, aber durch die tagtägliche Wiederholung gewinnt es eine besondere Scheußlichkeit, verletzt tiefer und demütigt vernichtend. Er steigt aus dem Schulbus, hat die letzte Stufe erreicht und es ist nichts geschehen. Sollte es heute ausbleiben? Eine kleine Hoffnung glimmt in ihm. Und dann kommt der Stoß, wie jeden Tag. Durchaus hart, aber gar nicht übermäßig schmerzhaft. Er fällt in den Schnee. Längs liegt er da, als das Lachen hinter ihm ertönt. "Du Opfer!" kreischten helle Kinderstimmen.

Als sie an ihm vorübergezogen sind, steht er auf, klopft sich den Schnee von seiner durchnässten Kleidung. Mit aufbrummendem Motor fährt der Bus weg. Er geht zitternd in die Schule. Es hat wieder zu schneien angefangen.

"Es gibt drei verschiedene Opferbegriffe im Lateinischen", sagt der Dozent. "Im Deutschen werden alle drei Begriffe mit dem Wort 'Opfer' wiedergegeben. Das führt zu einer gewissen Begriffsunschärfe."

Helden und Heldinnen

Sophie weiß wie es ist, einen schweren Gang zu gehen. Damals, als sie mit verbotenen Flugblättern in der Tasche in ihre Universität gegangen war, da war es auch ein schwerer Gang gewesen. Sie hatte große Angst gehabt. Sie hatte gewusst: Wenn man sie erwischen würde, war ihr der Tod sicher. Denn dieses Dritte Reich, zu dem ihr Deutschland verkommen war, kannte keine Gnade. Sie war den schweren Gang gegangen und ihre Flugblätter waren durch die Universitätshalle gesegelt. "Adolf Hitler hat das deutsche Volk um seine Freiheit betrogen." So stand es dort zu lesen. Und "Eine halbe Million Männer sind in Stalingrad verantwortungslos in den Tod geschickt worden."

Dinge, die jeder wusste, aber keiner aussprach – aus Angst. Sophie hatte sie ausgesprochen. Sie hatte den Mut gefunden, für ihre Überzeugung ihr Leben auf's Spiel zu setzen. Und nun, nun stand sie wieder vor einem schweren Gang. Dem Gang auf's Schaffott. Sophie Scholl wurde am 22. Februar 1943 hingerichtet.

"Es gibt drei verschiedene Opferbegriffe im Lateinischen", sagt der Dozent. "Im Deutschen werden alle drei Begriffe mit dem Wort 'Opfer' wiedergegeben. Das führt zu einer gewissen Begriffsunschärfe."

Jom Kippur

Bedächtig legt er seine Kleidung an. Jedes Stück hat eine tiefe Bedeutung. Jedes Stück ist in der Tora genau vorgeschrieben. Er hat sich gewaschen, wie es die Ordnung vorgibt und nun legt er die Leinenkleider an und gürtet sie mit einer Schärpe. Er bindet sich einen Kopfbund aus Leinen um. Es sind heilige Gewänder und es ist ein heiliger Tag. So tritt er vor die Gemeinde der Israeliten. Er ist ihr Hohepriester und heute feiern sie Jom Kippur, den Versöhnungstag.

Es ist uns fremd, was jetzt geschehen wird und verstehen können wir es nicht gänzlich. Es ist kein kognitives Problem. Erklären können wir es, aber wirklich verstehen?

Er nimmt zwei Böcke in Empfang und wirft Lose über sie. Er setzt ein Messer an die Kehle des einen Bockes. Den Widder fasst Angst, er blöckt. Das Messer schneidet. Der Bock schreit ein letztes Mal. Sein Blut wird aufgefangen. Es ist Leben; Es reinigt von Schuld und lässt so Leben fortwähren. Denn Schuld lässt sterben.

Der Priester betritt das Allerheiligste des Tempels. Nur er darf hinter den Vorhang und nur an diesem Tag darf er es. Er besprengt die Deckplatte der Bundeslade mit dem Blut des Bockes. So erwirkt er Sühne für das ganze Volk.

"Es gibt drei verschiedene Opferbegriffe im Lateinischen." sagt der Dozent. "Im Deutschen werden alle drei Begriffe mit dem Wort 'Opfer' wiedergegeben. Das führt zu einer gewissen Begriffsunschärfe."

Wer bist du, Jesus?

"Wer bist du, Jesus?" fragte Petrus – und er fürchtete du seist nur ein Opfer, das Gewalt erleidet. "Ich kenne den nicht." schreit er panisch, um nicht auch Opfer dieser Gewalt zu werden.

"Wer bist du, Jesus?" fragt Simon, der Pharisäer – und beantwortet sich die Frage selbst: "Ein Prophet, ein großer Mann, der Spuren in der Welt hinterließ und schließlich für seine Überzeugung starb. Einer neben anderen."

"Wer bist du, Jesus?" fragte man Johannes den Täufer – und er antwortete: "Das Lamm Gott, der die Schuld der Welt trägt."

"Wer bist du, Jesus?" frage ich mich.
Einer, den ich bemitleide, weil er gelitten hat?
Einer, den ich bewundere, weil er sich heldenhaft für seine Überzeugung hat töten lassen?
Einer, der in einem mir fremden Blutritus meine Schuld abgewaschen hat?

Schweigend stehe ich unter deinem Kreuz, jedes Jahr. Es ist dunkel geworden und mich fröstelt. Ich schaue auf deinen geschundenen Leib. Er wurde für mich geschlagen, sagt meine Tradition; für mich gekreuzigt; für mich getötet. Wer bin ich Petrus, Simon oder Johannes? Irgendwie keiner. Ich will der Hauptmann sein, der unter deinem Kreuz steht und nicht versteht, aber doch begreift. Der dir vertraut und sagt "Du bist Jesus, der Christus, mein Heiland. Amen."