"Husina war sehr tapfer"

Husina (14) leidet seit mehreren Jahren an Tuberkulose

Foto: epd-bild/Rawalpindi Leprosy Hospital

Husina (14) leidet seit mehreren Jahren an Tuberkulose. Sie wird im Rawalpindi Leprosy Hospital von Christine Schmotzer in Rawalpindi (Pakistan) behandelt..

"Husina war sehr tapfer"
Der Welt-Tuberkulose-Tag am Sonntag rückt die tückische Krankheit in den Blick.
Lange galt die Schwindsucht als bezwingbar. Doch immer mehr trotzen die Bakterien den Medikamenten. Die Suche nach neuen Arzneimitteln wird zum Wettlauf gegen die Zeit. Der Welt-Tuberkulose-Tag am Sonntag rückt die tückische Krankheit in den Blick.

Husinas Odyssee dauerte viele Jahre. Husten und Fieber schwächten die kleine Pakistanerin: In einer Krankenstation wurde Tuberkulose diagnostiziert, der Fall schien klar. Nach einigen Monaten galt das Mädchen als geheilt. Dann kam der Husten zurück, eine neue Behandlung schlug nicht an. Die üblichen Medikamente waren völlig machtlos. Husinas Krankheit war zu einem der weltweit jährlich mehr als 600.000 Fälle multiresistenter Tuberkulose geworden, die die Hoffnung auf einen baldigen Sieg über die "Schwindsucht" zerschlagen haben.

Noch immer gibt es nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation jedes Jahr fast neun Millionen neue Tuberkulose-Fälle und mehr als 1,4 Millionen Tote. In Deutschland wurden 2011 laut den am Montag veröffentlichten Zahlen des Robert-Koch-Instituts rund 4.300 Erkrankungen registriert und damit etwas weniger als im Jahr zuvor.

"Ein Häufchen Elend saß vor mir"

Mehr als 95 Prozent aller Fälle aber werden aus den ärmeren Ländern der Welt gemeldet. Besonders in Afrika südlich der Sahara ist die Tuberkulose dabei eine tödliche Allianz mit der Immunschwäche Aids eingegangen. Und vor allem Patienten mit Resistenzen können oft nicht gerettet werden. Tendenz steigend.

"Ein Häufchen Elend saß vor mir", erinnert sich die deutsche Ärztin Christine Schmotzer an die erste Begegnung mit Husina vor knapp zwei Jahren. Die 14 Jahre alte Pakistanerin war völlig geschwächt, wog nur noch 24 Kilogramm: "Sie starrte teilnahmslos in eine fremde Welt." Schmotzers Krankenhaus in Rawalpindi liegt zwar nur 200 Kilometer von Husinas Heimat, dem Swat-Tal, entfernt, schien dem kranken Mädchen aber unendlich fern. Unbekannte Menschen, eine unbekannte Sprache - aber endlich auch die Möglichkeit, die gefährlichen Resistenzen zu erkennen und zu behandeln.

"Ich erklärte der Familie, was nun notwendig wurde: langfristig stationäre Aufnahme bei uns, viele Untersuchungen, Einnahme von mindestens fünf verschiedenen Antibiotika täglich", sagt Schmotzer, die zum Orden der Christusträger-Schwestern gehört und eng mit der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) zusammenarbeitet. "Davon muss eines acht Monate lang jeden Tag gespritzt werden, der Rest muss für weitere 16 Monate eingenommen werden." Nur ganz langsam ging es aufwärts. Starke Nebenwirkungen machten der Patientin zu schaffen. Sie erbrach sich täglich, bekam Gelenkschmerzen und konnte immer schlechter hören.

Eine Krankheit der Armut

Doch die Medikamente schlugen an. Mitte des Jahres wird die Behandlung abgeschlossen sein. "Husina war sehr tapfer", lobt Schmotzer, die neben der Erfolgsgeschichte auch unzählige Niederlagen kennt. "Multiresistente Tuberkulose ist eine echte medizinische und soziale Herausforderung", erklärt sie. Wegen der langen Behandlungsdauer und den massiven Nebenwirkungen hielten viele Patienten nicht durch. "Mit katastrophalen Folgen: Die multirestistente TB wird zur extensiv resistenten oder gar zur komplett resistenten." Dann versagen alle bekannten Arzneimittel.

In einem Wettlauf gegen die Zeit suchen die Forscher nach neuen Medikamenten. Ende 2012 wurde in den USA für sonst aussichtslose Fälle der Wirkstoff Bedaquilin in Kombination mit anderen Mitteln für die Behandlung der multiresistenten Tuberkulose zugelassen, obwohl die Testphase noch nicht ganz abgeschlossen ist. "Man greift nach jedem Strohhalm", sagt die Medizinerin Lena Bös vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose.

Die Ärztin Schmotzer in Pakistan setzt wenig Hoffnung in die neuen Therapien. "In armen Ländern wird es wohl noch lange dauern, bis wir neue Medikamente sehen. Sie sind unerschwinglich und damit riskant, weil sie sicher bald auf dem Schwarzmarkt auftauchen, unkontrolliert eingesetzt und damit zu noch schlimmeren Resistenzen führen." Die Forschung habe viel zu spät reagiert. "Tuberkulose ist einfach keine Krankheit, an der man genug verdienen kann, sie ist eine Krankheit der Armut."