Ein streitbarer Visionär: August Hermann Francke

Porträt von August Hermann Francke

Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn

August Hermann Francke (1663 bis 1727) gründete die Franckeschen Stiftungen, eine diakonische Einrichtung in Halle an der Saale.

Ein streitbarer Visionär: August Hermann Francke
Der Theologe und Waisenhausgründer wurde vor 350 Jahren geboren
Er gilt als "Reformator nach der Reformation", als streitbar und in vielen Dingen seiner Zeit voraus. August Hermann Francke, der Gründer der Franckeschen Stiftungen, wurde vor 350 Jahren geboren.

Als er 1691 zum Pfarrer in Glaucha bei Halle berufen wird, hat er schon in mehreren Städten Skandale ausgelöst. Wegen Störung der öffentlichen Ruhe musste August Hermann Francke (1663-1727) die Stadt Erfurt verlassen: Er war als zweiter Pfarrer der Augustinerkirche entlassen worden, auch an der dortigen Universität durfte er nicht mehr unterrichten.

Und das war schon der zweite schwere Konflikt. Denn auch in Leipzig hatte er sich 1689 vor einer Kommission der Universität zu verantworten gehabt. Der Vorwurf in beiden Städten: Anführertum einer neuen Bewegung - dem Pietismus. Die christliche Frömmigkeitsbewegung sollte sich später zu einer der bedeutendsten geistlichen Strömungen seit der Reformation entwickeln. Doch vielen galt sie zu Anfang als sektiererisch.

In Glaucha nun wird Francke nicht nur zum Pfarrer berufen, er erhält auch eine Professur für orientalische Sprachen an der neu gegründeten Universität Halle. Die Geistlichkeit in der Saalestadt ist entsetzt.

Doch 26 Jahre später zählt August Hermann Francke, geboren vor 350 Jahren am 22. März 1663, zu den bekanntesten Persönlichkeiten im deutschen und weltweiten Protestantismus. Er wird zu einem der erfolgreichsten Sozialreformer, gründet eine komplette Schulstadt mit Waisenheim. Die Franckeschen Stiftungen in Halle bemühen sich heute um die Aufnahme ins Weltkulturerbe.

Kämpfer und scharfer Prediger

"Er war ein Kind seiner Zeit, war aber in vielen Dingen seiner Zeit voraus", urteilt Religionswissenschaftler Helmut Obst, ehemaliger Direktor der Franckeschen Stiftungen. Gleichzeitig sei Francke ein Kämpfer und scharfer Prediger gewesen. "Er hielt Reformen für dringend notwendig und griff Missstände auf, was zu Ärger und Aufsehen führte". Manche sprechen sogar von einem "Reformator nach der Reformation."

Francke kommt als Sohn eines Juristen in der Hansestadt Lübeck zur Welt. Drei Jahre später zieht die Familie nach Gotha, wo Francke seine Kindheit und Jugend verbringt. Franckes Vater wird dort Justizrat bei Herzog Ernst dem Frommen, einem der reformfreudigsten Fürsten seiner Zeit, der zum Beispiel die allgemeine Schulpflicht einführt. "Schon als Schüler war er also mit Reformideen in Berührung gekommen", sagt Obst. 

Nach der Schule studiert Francke Philosophie an den Universitäten Erfurt, Kiel, Hamburg und Leipzig. In Leipzig habilitiert er sich und hält seine ersten Predigten in der Paulinerkirche. Als Wegbereiter des Pietismus sorgt er dort und in Erfurt für Aufsehen. Er wird anschließend an der Theologischen Fakultät in Halle Professor für Griechisch und orientalische Sprachen, später für Theologie. In der Zeit nimmt er auch die Pfarrstelle in Glaucha an.

1695 beginnt Francke, in seiner Gemeinde Waisenkinder zu unterrichten. Ihr soziales Elend beschäftigt ihn sehr. Er will den Jungen und Mädchen helfen, stellt deshalb in seinem Pfarrhaus eine Sammelbüchse auf. Eines Tages legt eine Frau drei Taler und sechzig Groschen hinein. Diese Summe bildet den Grundstock für Franckes Lebenswerk. 1698 legt er den Grundstein in Halle - sein Lebenswerk beginnt.

Innerhalb von 30 Jahren entwickelt sich eine eigene Stadt, aus Schul - und Wohnhäusern, Werkstätten, Gärten, einer Apotheke, einem Kinderkrankenhaus, einer Backstube, dazu ein eigenes Wassersystem. Finanziert werden die Anstalten durch Spenden, später durch den Verkauf von Arzneimitteln und Büchern.

"Freizeit wurde als Zeitverschwendung angesehen"

"Es war eine Stadt in einer Stadt", erklärt die Sprecherin der Franckeschen Stiftungen, Kerstin Heldt. Etwa 2.000 Jungen und Mädchen leben Mitte des 18. Jahrhunderts dort, gehen dort zur Schule. "Das Besondere war, dass es sich auch um die erste institutionelle Mädchenschule im Protestantismus handelte", sagt Heldt. Außerdem bietet sie den Waisen die Möglichkeit, ein Handwerk zu erlernen, was vorher nicht möglich gewesen ist.

Der Alltag der Kinder ist von Arbeit geprägt. Spielzeiten gibt es nicht. Stattdessen betätigen sie sich bei Hand- oder Gartenarbeiten. "Freizeit wurde als Zeitverschwendung angesehen", sagt Obst. Vor allem die preußischen Tugenden wie Ordnung, Sparsamkeit, Genügsamkeit, Verantwortung und Selbstüberwindung werden an den Anstalten gelehrt und strahlen in die Welt hinaus.

Doch der dreifache Familienvater hat offenbar auch eine weiche Seite ausgestrahlt. Obst erzählt: "Als Francke 1725 als Gast der preußischen Königin in Berlin am Hof war und Hoftafel war, kletterte die kleine Prinzessin Anna Amalia auf seinen Schoß und spielte mit ihm, seinen weißen Haaren und seinem Samtkäppchen und war gar nicht wieder von ihm wegzubringen. Obwohl das ja ganz gegen die Hofetikette verstieß." Zwei Jahre später stirbt Francke im Alter von 64 Jahren in Halle. Und hinterlässt ein Erbe, das bis heute nicht an Bedeutung verloren hat.

Der Pietismus ist eine evangelische Reformbewegung, die Ende des 17. Jahrhunderts entstand. Der Schwerpunkt liegt auf der persönlichen Frömmigkeit des Gläubigen und einer aktiven Mitarbeit von Laien. Einige ihrer Vertreter strebten anfangs sogar eine Trennung von der Amtskirche an. Getragen wurde die Bewegung häufig von einfachen Leuten, sie wirkte aber auch an Universitäten wie in Halle.
Bedeutende Vertreter des frühen Pietismus waren Philipp Jakob Spener (1635-1705), August Hermann Francke (1663-1727) und Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760). Spener legte 1675 mit seiner Schrift "Pia desideria", zu deutsch: "Frommes Verlangen", die Grundlagen. In dem kirchlichen Reformprogramm wirbt Spener vor allem für eine Glaubenspraxis, die das Gefühlsleben und die Innerlichkeit anspricht. Der Verstand sollte mit dem Herzen verbunden werden, was auch mystische Elemente einschloss.
Francke gründete 1694 mit den "Franckeschen Stiftungen" in Halle das erste Zentrum der pietistischen Glaubensbewegung. Als Zögling dieser Anstalten rief Zinzendorf 1722 die Herrnhuter Brüdergemeine in Sachsen aus, die sich vor allem missionarisch engagierte.
Der Pietismus gilt als die einflussreichste Frömmigkeitsbewegung der reformatorischen Kirchen. Er ist bis heute lebendig geblieben und hat in vielen Ländern Fuß gefasst, etwa in Skandinavien, der Schweiz und den USA. Vor allem wirkt der Pietismus in evangelisch-freikirchlichen Gruppen, aber auch in vielen evangelischen Landeskirchen.