Einsammeln, wegtragen, einlösen

Pfandsammler

Foto: dpa Picture-Alliance

Einsammeln, wegtragen, einlösen
Sie sammeln, was die anderen wegwerfen – und verdienen an den Flaschen und Dosen, die ihre Mitbürger nicht zum Supermarkt zurückbringen. Pfandsammler gibt es inzwischen in jeder deutschen Stadt. Sie schauen in Mülleimern und unter Bänken nach leeren Flaschen – und werden dafür oft mit Verachtung bestraft. Das Internetportal pfandgeben.de organisiert das Pfandgeben und Pfandnehmen anders: Per Netz und Telefon verabreden sich Sammler und Flaschenbesitzer. Forscher sagen: "Am Stigma ändert das nichts".

Der NRW-Express bebt, es riecht nach Bier, die Schuhsohlen bleiben sekundenlang am Boden der Regionalbahn haften. Ein guter Tag für Ulrich W.: "Gerade hat mir jemand sein Tagesticket geschenkt – an einem Bundesligatag", sagt der 57-jährige. Für ihn heißt das: Sein Einkaufstrolley wird sich füllen und am Abend genauso klebrig sein wie der Zugboden –  denn er wird den ganzen Nachmittag zwischen Köln und Dortmund hin- und herfahren. "Drei Heimspiele", sagt Ulrich W., "da wird viel getrunken." Und viel stehengelassen, vor allem die Flaschen. "Acht Cent bringen die nur, aber ich hab ja den Wagen", sagt der Flaschensammler, der seinen Namen nicht vollständig veröffentlicht sehen will. Das gleiche gilt für Fotos. "Das kann doch Ärger geben", sagt er. "Da rümpfen viele die Nase drüber und im Zug wird das auch manchmal verboten." Ulrich W. will nicht auffallen.

"Ist die schon leer?", fragt er in eine Viergruppe hinein und schaut dem rotgesichtigen jungen Fußballfan dabei mitten ins Gesicht. "Nicht zu demütig", das hat er sich angeeignet. "Sonst wirst du eher angegriffen." Ulrich W. ist klein und etwas gebeugt. Wegen seines Rückens hat er irgendwann nicht mehr auf dem Bau arbeiten können und bekommt jetzt Frührente. "Immer offen schauen, die sind ja froh, wenn die ihre Flaschen los sind, weil die die nicht mit ins Stadion nehmen können", das sagt er auch zu sich selbst. Um die richtige Haltung auszustrahlen. Einmal letztes Jahr haben ihn Jugendliche beim Flaschensammeln geschubst und dann verfolgt. "Ich habe richtig Angst bekommen", sagt der Essener. Es ist wichtig, die nicht zu zeigen." Wenn das Bahnpersonal kommt, stellt sich Ulrich W. in den Gang. "Die wollen das nicht, dass man an die Mülleimer geht", erklärt er. Dass die Fahrgäste "belästigt" werden.

Tatsächlich verbietet die Hausordnung der Deutschen Bahn das Durchsuchen von Mülleimern und auch in manchen Kommunen gibt es so genannte Abfallbehälterverordnungen, die im Pfandsammeln aus Mülleimern eine Ordnungswidrigkeit sehen. "Von offizieller Seite her wird das Pfandsammeln aber meistens toleriert", sagt der Soziologe Sebastian Moser, der mit seiner Dissertation im vergangenen Jahr die erste Studie über Pfandsammler vorlegte. "Toleranz heißt aber nicht Akzeptanz. Es wird schon deutlich gemacht, dass Pfandsammeln als Abweichung von der Normalität gesehen wird. Die Tätigkeit ist ein Stigma." Denn sie sammeln das, was andere als Müll angesehen haben, was oft auch im Mülleimer liegt – auch wenn es das aus Sicht des Recyclinggedankens hinter dem Pfandsystem zu Unrecht tut.

Knapp 100 Euro im Monat

"Müll soll nach Willen der Mehrheitsgesellschaft unsichtbar sein", sagt Moser. "Weil Pfandsammler ihn sichtbar machen, werden sie angreifbar." Von Pöbeleien und auch Gewalt haben die Pfandsammler Moser für seine Studie berichtet. Aber auch von Erfolgserlebnissen, von dem guten Gefühl, etwas geleistet zu haben, wenn die eingesammelten Flaschen und Dosen im Pfandautomaten abgegeben wurden.

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Nicht nur Hartz IV-Empfänger und Obdachlose sammeln Pfand, hat Moser herausgefunden. "Das geht bis in die Mittelschicht hinein", sagt der Soziologe. "Einige Sammler sind auf jeden Cent angewiesen, weil sie arm sind. Andere brauchen aus anderen Gründen das Gefühl, einer Tätigkeit nachzugehen, die der Erwerbsarbeit ähnelt." Entsprechend unterschiedlich sind die Sammelstrategien: Manche gehen gezielt zu Veranstaltungen wie Konzerten oder Fußballspielen, um dort Leergut einzusammeln. Andere haben Routen im ihrem Umkreis, die sie immer wieder abgehen. Viele sammeln abends und nachts –  eben um nicht aufzufallen und um von den Gästen der Clubs und Diskos zu profitieren.

Ulrich W. sammelt schon seit fünf Jahren Pfand – um Geld zur schmalen Rente dazu zu verdienen. So ein Tag im Zug kann einem schon 20 Euro einbringen, sagt er. Wenn Fußball ist. "Ich sammel mir im Monat so knapp 100 Euro zusammen", sagt W. "Im Winter sind es weniger, weil die Leute dann nicht im Park sitzen." Es gibt dann auch Tage, an denen W. vier Stunden lang für 1, 50 Euro in der Gegend herumwandert. Tief in Mülleimer greift er nie. "Was oben drauf liegt, nehme ich", sagt er. "Ich will mich ja nicht schneiden." Und er schaut sich um, ob gerade niemand guckt.

Pfandgeben.de funktioniert nur in der Stadt

Die Sammler, die sich auf dem Online-Portal pfandgeben.de angemeldet haben, müssen das nicht: Fast 1.300 Pfandsammler sind hier mit Telefonnummer und nach Stadtteilen geordnet verzeichnet: Bei Anruf kommen sie zu denjenigen nach Hause, die ihr Pfand gerne loswerden wollen. Deutschlandweit 350 Stadtteile haben Einträge von Pfandsammlern. Weite Wege für wenige Flaschen lohnen sich für die Sammler nicht – die Details werden am Telefon geklärt. "Das Projekt wächst noch", sagt der Berliner Grafikdesigner Jonas Kakoschke, der die Plattform vor zwei Jahren ins Leben rief - für eine Semesterarbeit in Rahmen seines Studiums.

"Ich wohnte in einer WG, in der immer viele Pfandflaschen anfielen, die dann keiner wegbringen wollte", sagt der 29-Jährige. "Draußen dagegen begegnete ich oft Leuten, die auf der Suche nach leeren Flaschen waren." Kakoschkes Idee nützt jetzt beiden Seiten. "Die Sammler bekommen so oft viele Flaschen auf einmal", sagt Kakoschke. "Und sie müssen keine Mülleimer durchsuchen." Die Spender dagegen sparen sich den Weg zum Pfandautomat und werfen weniger Pfandflaschen in den Hausmüll.

Sechs Leute helfen bei der Organisation der Seite – "natürlich alles nebenbei", sagt Kakoschke. Es gibt ein Pfandnehmer-Handy, über das sich Pfandsammler anmelden können. "Das überprüfen wir ein paar Mal in der Woche und tragen die Sammler in die Stadtteile ein oder machen einen neuen Sammler-Bezirk auf", erklärt Kakoschke den Arbeitsprozess. Oder es werden Werbesticker an Unterstützer verschickt. "Wir müssen noch bekannter werden, denn das Konzept kann in jeder Stadt funktionieren." Nur auf Dörfern klappt es nicht so gut. "Da sind die Wege zu weit", erklärt Kakoschke. "Die Leute müssen eh mit dem Auto zum Getränkekaufen fahren und nehmen dann wohl auch ihr Leergut mit."

Eine Konkurrenz zum althergebrachten Flaschensammeln in Parks und Innenstädten sieht Kakoschke in seinem Portal nicht. Viele Sammler nutzen das Portal einfach zusätzlich zum Draußensammeln. "Wir erreichen aber auch diejenigen, die Angst haben, in der Öffentlichkeit zu sammeln", sagt Kakoschke. "Es ist ja ein großer Unterschied, Flaschen aus Mülleimer zu nehmen oder sie bei jemandem Zuhause abzuholen."

Persönliche Grenzen beim Kontakt mit Müll

"Am Stigma der Flaschensammler ändern solche Projekte nichts", meint Soziologe Sebastian Moser. Und auch öffentliche Appelle wie "Pfand gehört daneben" sieht er in dieser Hinsicht kritisch – auch, wenn sie Solidarität mit Pfandsammlern und Umweltschutz fördern. "Sie unterstreichen das Tabu, im Mülleimer nach Wertvollem zu suchen", sagt Moser, der darin auch eine Bevormundung der Sammler sieht. "Die Sammler haben ja auch eigene Strategien und persönliche Grenzen beim Kontakt mit Müll, die bei diesem paternalistischen Ansatz einfach abgetan werden."

Für einige macht gerade der Kontakt zum Mülleimer den großen Unterschied: Susanne L. aus Dortmund hat sich vor einigen Wochen bei Pfandgeben.de angemeldet und betont, "keine Flaschensammlerin zu sein", auf jeden Fall nicht so eine, die mit ihren Tüten durch die Stadt zieht. Über das Portal findet sie es aber in Ordnung für sich, "weil mich dann keiner sieht, außer der Person, die mich angerufen hat." Niemals würde die Hartz IV-Empfängerin ein Flasche aus einem Mülleimer mitnehmen. "Das wäre für meine Kinder schlimm, wenn in der Schule herauskommt, dass ich so was machen muss." Aber für die Kinder soll das Pfandgeld sein – für Kinokarten, Pommes unterwegs und vielleicht doch mal ein Markenrucksack.

Ulrich W. spart gerade für Fahrrad. Zum Supermarkt schafft er es heute nicht mehr, der hat geschlossen, als er seinen randvollen Trolley aus dem Zug hievt. "Bestimmt 30 Euro", sagt er. Das Tagesticket für die Regionalbahn steckt er gut sichtbar auf eine der Wartebänke am Essener Hauptbahnhof. Eine Stunde ist es noch gültig. "Bei mir geht nichts mehr rein", sagt Ulrich W., "das Ticket können aber vielleicht noch andere brauchen."