Wäre der Papst ein Unternehmer...

Leerer Stuhl ohne Papst

Foto: Reuters/Alessandro Bianchi

Papst Benedikt XVI. hat seinen Stuhl geräumt und lässt den Nachfolger ran. Ein Schritt, der nicht jedem Chef leichtfällt.

Wäre der Papst ein Unternehmer...
Benedikt XVI. gibt die Leitung des Vatikans ab. So bemerkenswert der Rücktritt eines Papstes ist, so gewöhnlich ist dieser Schritt in der Wirtschaft. Auch in Familienbetrieben muss der Chef früher oder später abtreten und seinen Nachfolger ranlassen. Wir haben Berater solcher Unternehmer gefragt, welche Parallelen es zwischen Vatikan und Familienunternehmen gibt. Was der Papst vom Familienunternehmer lernen kann - und umgekehrt.

Der Papst hat's gut. Auch wenn er für eine Überraschung gesorgt hat und zurücktritt, bleibt die "Firma Vatikan" nicht lange führungslos. "Der Vatikan hat jahrhundertelange Erfahrung mit Machtübernahmen," sagt Bernd LeMar, Autor des Ratgebers "Generations- und Führungswechsel im Familienunternehmen". "Das macht vieles einfacher", sagt LeMar. Die Wahl seines Nachfolgers ist in Kirchengesetzen geregelt. Ein Unternehmer kann kaum auf diese Erfahrungen zurückgreifen.

"Genau wie ein Familienunternehmer es tun sollte, tritt der Papst zurück und arbeitet nicht bis zum Tod", zieht LeMar eine Parallele. Einen ganz entscheidenden Vorteil sieht LeMar für den Papst darin, dass im Vatikan nur ein Wechsel in der Führung ansteht, aber nicht beim Eigentümer. Das mache vieles einfacher und sorge für Kontinuität in stürmischen Zeiten: "Wer auch immer als Eigentümer beim Vatikan gesehen werden kann, daran ändert sich nichts."

Sohn oder Tochter?

Auch bei der Suche nach einem Nachfolger habe es der Papst leichter. Benedikt XVI. selbst müsse sich keine Gedanken machen, wer ihm nachfolgt. Ganz anders ein Unternehmer: "Ein Chef muss langfristig planen, seine Kinder auf entsprechende Unis schicken oder einen externen Nachfolger Jahre vorher aufbauen." Im Vatikan übernehmen das die Kardinäle des Konklave, ohne dass der Papst darauf Einfluss nehmen kann. Eine breite Auswahl an Kardinälen stehe theoretisch zur Wahl. "Soll die Unternehmensführung in Familienhand bleiben, ist die Auswahl eher gering", sagt LeMar.

"Mit einem Junior-Chef zieht häufig ein frischer und moderner Wind in ein Unternehmen ein." Ob Benedikts Nachfolger auch ein Reformer wird, bleibt abzuwarten. In einem hinke der Vatikan den Unternehmen hinterher. In Unternehmen sei eine Frau als Chefin "seit zehn Jahren absolut akzeptiert". Frauen in leitenden Positionen der katholischen Kirche? Eine Diskussion, mit der auch der Vatikan konfrontiert ist.

Kompetenzgerangel? Nicht im Vatikan!

Ein großer Streitpunkt zwischen abgetretenen Chefs und ihren Nachfolgern ist immer wieder ein Kompetenzgerangel: "Zurückgetretene Familienoberhäupter mischen sich gerne weiterhin mit ein." Im Gegensatz dazu hat Benedikt XVI. wissen lassen, er werde seinem Nachfolger "bedingungslos Ehrfurcht und Gehorsam erweisen". Konkurrenzkampf zwischen Chef und Chef a. D. scheint ausgeschlossen.

Ein Hindernis, von der Macht zu lassen und sich aus dem Familienunternehmen zurück zu ziehen, hat Brun-Hagen Hennerkes, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, beobachtet: "Viele wissen nicht, wie sie ein sinnvolles Leben fernab des Unternehmens führen sollen." Zudem sei das Verharren im Chefsessel eine "Ausrede vor sich selbst, gebraucht zu werden".

Mangelnde Lebensalternative

"Viele Chefs haben sich keine Lebensalternative aufgebaut," sagt auch Sabine Strick, die die Psyche von Patriarchen, also Oberhäupter von Familien und deren Betrieben, untersucht hat. Wenn der Alltag seit Jahren um das Lebenswerk kreist, falle es schwer, sich davon zu trennen. Dann den Mut zu fassen und zurück zu treten, nennt Strick den "größten Einschnitt im Leben".

Dies dürfte für den "emeritierten Papst", wie Benedikt XVI. jetzt genannt wird, kein Problem darstellen. Während sich ehemalige Patriarchen als Kunstmäzene betätigen oder in die Kommunalpolitik gingen, hat Benedikt XVI. durch seinen Sprecher ankündigen lassen, er wolle vor allem lesen, nachdenken, beten und eventuell schreiben.

"Macht fühlt sich gut an"

Ein klarer Schnitt, vor dem viele Patriarchen zurückschrecken. Warum fällt es schwer, vom Chefposten abzutreten? "Mit Macht hat man einfach mehr Möglichkeiten," resümiert Wolfgang Scholl, Professor für Sozialpsychologie an der Berliner Humboldt-Universität. "Und Macht zu haben fühlt sich gut an." Man könne dafür sorgen, seine eigenen Wünsche durchzusetzen und hat die Möglichkeit, andere zu kontrollieren.

Macht berge aber auch Schattenseiten für den Mächtigen selbst, betont Scholl: "Macht ist die Chance, nicht lernen zu müssen." Inwieweit das auch für Papst Benedikt XVI. galt, bleibt fraglich. Jedenfalls können sich etliche Familienunternehmer an ihm ein Beispiel nehmen, wie es zu schaffen ist, rechtzeitig zurückzutreten und als "Chef vom Vatikan a. D." Macht loszulassen.