Der Caganer: Ohne Hose neben Josef und Maria

Ein Caganer in einem spanischen Krippenensemble - versteckt unter den Bäumen.

Foto: Wikipedia/Slastic/Creative Commons

Ein Caganer in einem spanischen Krippenensemble - versteckt unter den Bäumen.

Der Caganer: Ohne Hose neben Josef und Maria
Der Caganer ist seit Jahrhunderten eine traditionelle Krippenfigur im nordspanischen Katalonien. Er hockt mit heruntergelassener Hose in einer Ecke des Ensembles. Einige Prominente haben ihren eigenen Caganer - manche ignorieren das, manche sind sogar stolz darauf.

Josef und Maria mit dem Jesuskind, Hirten und Schafe, der Engel und die Drei Heiligen Könige – die Figuren der Weihnachtskrippe sind in der gesamten christlichen Welt mehr oder weniger identisch. Ein Mann, der mit heruntergelassener Hose am Rande von Christi Geburt seine Notdurft verrichtet, passt nicht gerade gut in das Bild. Zumindest aus deutscher Sicht. Denn genau diese Figur ist in Katalonien, der nordostspanischen Region rund um Barcelona, ein wichtiger Bestandteil der Weihnachtskrippe.

Caganer heißt diese Figur auf Katalanisch, übersetzt bedeutet das so viel wie "Scheißerchen". Seit mehreren hundert Jahren ist diese unübliche Krippenfigur Tradition im spanischen Nordosten. Auch in der südlich von Katalonien liegenden Region Valencia ist der Brauch bekannt.

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Über den Ursprung des Caganers gibt es viele Theorien. Die schlüssigste ist eine Verbindung aus folgenden zwei Erklärungsansätzen: Historiker konnten belegen, dass die Figur im 17. oder 18. Jahrhundert zum ersten Mal in den Krippen der Katalanen auftauchte. Bis dahin waren lediglich Könige oder Mitglieder der oberen Gesellschaft als Personen in der Geburtsszene Christi vertreten.

Der Glücksbringer wird in der Landschaft versteckt

Mit dem aufkommenden Realismus und der Abbildung der Alltagswelt in Kunst und Kultur tauchte auch der Caganer auf: ein traditionell gekleideter Bauer, der – mehr Alltagswelt geht nicht – mit heruntergelassener Hose in eine Ecke der Weihnachtskrippe kotet. Eine zweite Erklärung verweist auf den Caganer als Symbol für den Kreislauf des Lebens und die bodenständige Verbundenheit mit der Natur. Er düngt er mit seiner Notdurft die Erde – das soll ein erfolgreiches Jahr versprechen.

Der Brauch ist gerade aus deutscher Sicht ungewöhnlich und wirkt sogar ein wenig blasphemisch auf den Betrachter. In Katalonien ist die Figur aber so tief in der Weihnachtstradition verankert, dass selbst die katholische Kirche Spaniens den seltsamen Glücksbringer in der Krippe akzeptiert. Er sticht sowieso nicht direkt ins Auge: Der Caganer steht nicht im Vordergrund der Geburtsszene, sondern wird traditionell in einer Ecke der Krippenlandschaft versteckt.

Ein Caganer im Barcelona-Tor

Nicht nur den Kindern macht es Spaß, den sich entleerenden Bauern unter einer Brücke, hinter einem Baum oder zwischen den Schafen der Hirten zu entdecken. Es gibt sogar offizielle Fanclubs und Kulturvereine, die sich dem "Scheißerchen" widmen.

Der Caganer ist aber längst nicht mehr nur in katalanischer Bauerntracht gekleidet und an seiner roten Mütze, der Barretina, erkennbar. Es gibt ihn als Frau, als Arzt, als Astronaut, als Spongebob und als König Juan Carlos. Außerdem gibt es Versionen von fast allen Politikern, Sportlern und Prominenten. Barack Obama, Angela Merkel und Wladimir Putin stehen schon seit Jahren in katalanischen Krippen. In diesem Jahr ist zum ersten Mal Frankreichs Präsident François Hollande mit heruntergelassener Hose dabei.

Personen des öffentlichen Lebens, denen ein eigener Caganer gewidmet wird, kommentieren ihre Abbilder normalerweise entweder gar nicht oder zeigen sich erfreut. Immerhin schaffen sie es so in Tausende von Weihnachtskrippen. Víctor Valdés, Torhüter des FC Barcelona, postete auf seinem Facebookprofil vor wenigen Wochen stolz ein Foto von sich mit seinem eigenen Caganer.

Geschenke gibt's erst zu Dreikönig

Skurrilerweise ist der Caganer nicht die einzige katalanische Weihnachtsfigur, die für ihre körperlichen Ausscheidungen bekannt ist: So gibt es seit einigen Jahren den Pixaner ("Pinkler"), der als Gegenstück zum Caganer in eine Ecke der Krippenlandschaft uriniert. Eine längere Tradition aber hat in Katalonien der Tió de Nadal ("Weihnachtsbaumstamm"). Dieser hohle Holzklotz mit aufgemaltem Gesicht und Barretina-Mütze wird – außerhalb der Krippe – ab dem 8. Dezember von Kindern mit Obst und Brot gefüttert und zugedeckt, damit er nicht friert. An Heiligabend ist er dann so voll, dass er sich entleeren muss.

Katalanische Kinder singen ihm ein traditionelles Lied mit der Titelzeile "Caga tió", also in etwa "Scheiße, Baumstamm" und ziehen die Decke weg, unter der die Eltern vorher Süßigkeiten und kleine Geschenke versteckt hatten. Die eigentliche Bescherung gibt es wie in ganz Spanien erst am 6. Januar, wenn die Heiligen Drei Könige kommen – dann aber fäkalfrei.