Von einem, der auszog, Weihnachtsgefühle zu finden

Foto: froodmat/photocase
Von einem, der auszog, Weihnachtsgefühle zu finden
Weihnachtsgefühle wollten sich bei unserem Autor partout nicht einstellen. Deshalb hat er professionelle "Weihnachtsmacher" aufgesucht, die in seinem Inneren die wohlige Anspannung und Vorfeude wieder auferstehen lassen sollten.

Es begann vor zwei Wochen. Wie jedes Jahr am ersten Advent hatte ich einen Tannenkranz auf dem Frühstückstisch platziert. Das Geschirr stand auf dunkelroten Tischsets, im Hintergrund liefen alpenländische Adventsweisen. Ich zündete die erste Kerze an und freute mich auf die Weihnachtsgefühle, die nun gleich aller Erfahrung nach in mir hochsteigen würden.

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Das Streichholz ratschte wie gewohnt über die Reibefläche, der weiße Docht übernahm die Flamme und färbte sich dunkel. Das flackernde Licht warf einen milden Schimmer auf Honigglas und Schokosterne. Und ich freute mich: Wie alle Jahre wieder würde nun gleich meine Seele von der Novembermelancholie in die Vorfreude umschalten.

Grund genug gibt es ja, zumal für unsereins, die wir uns fromm wähnen: Nicht mehr der Tod, sondern das neue Leben steht nun im Vordergrund, Gott ist nicht mehr in der Ferne, sondern kommt uns ganz nah. Das zu denken ist wahrlich kühn und fast unmöglich. Aber das zu fühlen – dafür bieten die Adventszeit und das Weihnachtsfest viele Gelegenheiten. Einige hatte ich an besagtem Erste-Advent-Morgen aufgefahren.

Weihnachten? Ist doch nur Konsumterror und Gefühlsduselei!?

Ich wartete und wartete – aber meine (gut bekannten) Weihnachtsgefühle kamen nicht. Nichts war zu spüren von der typischen Adventsfreude, die mich eigentlich doch sonst immer verlässlich ereilt hatte. Es wollte sich partout keine besinnliche Stimmung einstellen. Selbst als die Waldzither aus den Lautsprechern schwebte, als das rote Kerzenwachs auf die grünen Nadeln tropfte und der kleine Holzengel auf der Fensterbank vor Verkündigungsfreude fast losflatterte – kein Weihnachtsgefühl, nirgends. Stattdessen: Zeitlose Leere. Und Verunsicherung.

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Irgendwie hatten mir die Weihnachtsgefühle doch immer gut getan. Diese vier Wochen im Dezember sind für mich etwas Besonderes, schon immer, so etwas wie der Höhepunkt des Jahres. Da darf es auch mal kitschig werden, da darf es immer gefühlig sein, ohne schlechtes Gewissen. "Freut Euch", riefen doch die Engel der Menschheit zu an jenem Heiligabend in Bethlehem. Das nahm ich stets durch die Jahre hindurch ernst, nicht als Zwang, wohl aber als Angebot. "Die Christen müssten erlöster aussehen", hatte der kritische Denker Friedrich Nietzsche mal geunkt. Jetzt in der Adventszeit gab es dafür allen Grund. "Aus Heidenangst wird Christusfreude!" Wen sollte das nicht aus dem tristen Alltagstrott herausreißen?

Deswegen sind mir Weihnachtsmuffel auch seit jeher obskur. Fleisch gewordene Bedenkenträger, die der frohen Botschaft keine Ehre machen. Sollte ich nun etwa selber zu ihnen gehören? Zu jenen gefühllosen Menschen, die sich vom weihnachtlichen Kommerz runterziehen lassen, von wegen: "Weihnachten? Ist doch nur Konsumterror und Gefühlsduselei!"?

Den Adventsschalter umlegen

Plötzlich fühlte ich mich diesen Menschen nahe. Wie sollte ich sie verurteilen, wo ich doch jetzt offensichtlich denselben Defekt hatte wie sie: Mein innerer Schalter switchte partout nicht in den Advents-Zustand! Die Werbeprospekte, die der Sonntagszeitung beilagen, taten ihren Rest. Ich müsse an Geschenke denken und am besten morgen schon kaufen, denn: "Ich bin doch nicht blöd".

Im fahlen Schimmer der Adventskerze wurde mir klar: Alleine würde ich die Gefühle nicht finden. Ich brauchte Hilfe. Die Heerschar von professionellen Stimmungs-Umschaltern fiel mir ein, die mit einem reichhaltigen Arsenal an Techniken weihnachtsmüden Menschen wie mir die rechte Stimmung erzeugen. Profis, die spätestens nach dem Verklingen des letzten Orgeltones des "Totensonntags" die Schalter auf Advent, auf Geburt umlegen. Menschen, die als "Weihnachtsmacher" ihr Geld verdienen.

Der nächste Morgen bringt einen neuen Plan. Ein Experiment wollte ich wagen. Einige "Weihnachtsmacher" wollte ich aufsuchen. Vielleicht könnten sie auch in mir Weihnachtsstimmung wecken?

Der Parfümeur

Rolf Nissen. Foto: Uwe Birnstein

Vielleicht helfen Düfte, immerhin liegen riechende Nebel über jedem Weihnachtsmarkt? Rolf Nissen ist Parfümeur in Charlottenburg. "Mekkanische Rose", heißt sein Duftladen. Er führt er mich in sein Reich der Parfumflakons und Duftlampen. Als er mir sein Riechfläschchen reicht, fühle ich mich ein wenig wie ein Kranker.

Aber dann versetzen strömen Zimtrindenöl und Nelkenblütenöl meine Nase in olfaktorischen Ausnahmezustand. Und tatsächlich: Irgendwie wird's warm – in der Nase, aber auch im Seelchen. Ja, wenn Weihnachten riecht – dann so. Rolf Nissen erklärt, dass Duft und Spiritualität eng zusammenhängen. Das hätten auch schon die Heiligen Drei Könige gewusst, als sie Weihrauch und Myrre an die Krippe trugen. Kaum habe ich die Parfümerie verlassen, weht mir die Berliner Verkehrsluft die duftende Weihnachtsregungen aus der Nase.

Rolf Nissen zum Anhören

 

Die Köchin

Sarah Wiener. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Ein zweiter Besuch steht auf meinem Zettel. Er führt mich nach Berlin-Mitte in Sarah Wieners Holzofenbäckerei. Die Promi-Köchin hat ein Advents-Kochbuch geschrieben, die weiß vielleicht wie es funktioniert mit den Gefühlen? Wie ein Alltagsküchenengel lächelt sie vom Buchcover.

Und genauso steht sie nun vor mir. Weihnachtstimmung lasse sich nicht allein mit Geschmack erzeugen – es kommt auch aufs Drumherum an, erklärt mir Sarah Wiener. Kerzen empfiehlt sie, Tannengrün, ganz klassisch. Und dann Kekse, Schokoladenkipferl und "Terrassenkekse gefüllt mit Ribiselmarmelade", dazu "Schokobusserln" und Linzer Augen. Ich kaufe mir eine Türe und hoffe darauf, dass meine Geschmacksnerven das Richtige empfinden.

Sarah Wiener zum Anhören

 

Der Musiker

Dieter Falk. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Musik machte müde Weihnachtsmänner munter, meine viele. Also besuche ich Dieter Falk in seinem Studio, jenen unorthodoxen Musiker, der Kirchenlieder verjazzt und Pop-Hits komponiert. Als er von meinem Problem erfährt, spielt er mir sein Lieblingsweihnachtslied vor. Nein, nicht "Last Christmas", sondern ganz traditionell: "Ich steh an deiner Krippen hier…" Ja, das spricht mich an. Dieser wunderschönen Melodie kann ich mich nur schwer entziehen. Auf dem Rückweg in der U-Bahn spielt ein Gitarrist "Feliz Navidad" und wünscht mir "a merry christmas". Und schon ist die Krippenmelodie wieder dahin. Schade.

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Der Psychotherapeut

Klaus Lindstedt. Foto: Uwe Birnstein

In meinem Kummer besuche ich einen befreundeten Psychotherapeuten. "Alle haben Weihnachtgefühle, nur ich nicht!" klage ich ihm mein Leid. "Das glaubst du doch nur", antwortet Klaus Lindstedt mit einfühlsamer Bassstimme, "weil einem vieles natürlich durch die Medien, Werbung, durch die Gestaltung der Stadt oder der Straßen so nahegelegt wird. Aber ich glaube, dass dieses Idyll, das Weihnachten sein sollte, nur aus Klischees besteht. Mit dem, was Menschen wirklich erleben, hat das wenig zu tun."

Ich sehe sie vor mir, die vielen Menschen, die an Weihnachten scheitern und hier auf der Psychologencouch ihren Weihnachstränen freien Lauf lassen. Die die Nase voll haben von "Weihnachtsmachern". Und sich beim Psychologen darüber klar werden wollen, warum. Meine Frage ist ja ganz falsch, denke ich plötzlich. Sie lautet ja gar nicht: "Wie bekomme ich Weihnachtsgefühle?", sondern: "Wie entgehe ich Ihnen?"

Mit einem Tipp entlässt mich der Psychologe in den Adventsabend: "Wenn du das Fest wirklich befriedigend feiern möchtest, entwickle ein Gespür dafür, was dir selbst an diesem Fest wirklich wichtig ist. Ist es der ganze Trubel, der Rummel, der da drum herum entsteht oder ist es der vielleicht eher besinnliche Rückzug?"

Klaus Lindstedt zum Anhören

Was der Psychologe Klaus Lindstedt mir erklärte, wirkt wie Balsam auf meine adventlich geschundene Seele. Ich bin nicht der einzige, der Weihnachtsgefühlen hinterherläuft. Ich muss sie auch gar nicht suchen, im Gegenteil: Ich werde sie erst dann finden, wenn ich sie nicht mehr erwarte. Und hatte nicht Jesus Ähnliches gesagt: "Wer sein Leben verliert, der wird's finden"?

Der Psychotherapeut hatte mich entlastet. Ich fühlte mich prächtig. Selbstbewusst ging ich über einen Weihnachtsmarkt zur Straßenbahn. Bratapfelgerüche, Klingglöckchen-Glitzerplings und überdimensionierte Weihnachtsmänner konnten mir nichts mehr anhaben. Ich war gestärkt. Und begann, mich auf Weihnachten zu freuen. Zum ersten Mal.