Weihnachtsbaum-Gütesiegel: "Öko" ist nicht gleich "bio"

Bio-Weihnachtsbäume

Foto: epd-bild/Jörn Neumann

Ungespritzte Bäume sind eine Ausnahme unter den jährlich verkauften 28 Millionen Weihnachtsbäumen in Deutschland. In der Regel kommen die Tannen nicht aus dem Wald, sondern aus Plantagen, wo sie meist gedüngt und mit Pestiziden behandelt werden.

Weihnachtsbaum-Gütesiegel: "Öko" ist nicht gleich "bio"
"Fair Forest" steht auf dem kleinen Schild an der Spitze von Meinolf Mütherichs Weihnachnachtsbäumen. Fast 10.000 Weihnachtsbäume verkauft der Großhändler aus Eslohe im Hochsauerlandkreis jedes Jahr, etwa 800.000 Nadelbäume wachsen auf seinen Anbauflächen im Sauerland und im Rheinland - dieses Jahr zum ersten Mal unter dem neuen Label "Fair Forest".

"Wir haben auf die Proteste der Bürger aus dem Sauerland reagiert", sagt Mütherich, Sprecher der NRW-Weihnachtsbaumerzeuger. Die Bäume verkauften sich gut. Nächstes Jahr wollen 50 Erzeuger mitmachen. "Damit wäre dann ein großer Teil der Christbaumhersteller im Sauerland öko", sagt Mütherich. Und die liefern immerhin zehn Millionen Weihnachtsbäume in deutsche Haushalte - fast die Hälfte der rund 25 Millionen Bäume, die Deutsche Jahr für Jahr an Weihnachten kaufen - und wenige Wochen später entsorgen.

Auf Öko-Kurs sehen Naturschützer den deutschen Christbaumanbau aber überhaupt nicht. "Eine Mogelpackung" ist das "Fair-Forest"-Siegel für Horst Meister, Waldexperte des Naturschutzbundes: "Der Name gaukelt Verbrauchern vor, die Bäume würden im Einklang mit der Natur produziert. Dabei wird nach wie vor Gift gespritzt, das Böden und Grundwasser verschmutzt."

Spritzen mit Einschränkungen erlaubt

Tatsächlich zeigt der Zehn-Punkte-Plan, der für das Fair-Forest-Siegel eingehalten werden muss: Spritzen ist erlaubt. Es wird aber auf tallowaminhaltige Glyphosate verzichtet. Tallowamin ist ein Mittel, das den eigentlichen Unkrautvernichter Glyphosat besser an den Pflanzen haften lässt. Nur auf 50 Zentimeter breiten Streifen neben den Wildschutzzäunen der Plantagen soll gar nicht gespritzt und in der Nähe von Siedlungen nach Einzellösungen gesucht werden.

"Öko ist nicht Bio", sagt auch Produzent Mütherich. Die Regeln schlössen nicht aus, dass man sie verschärfen werde. Er betont: "Das ist jetzt der Anfang." Ein Weihnachtsbaum brauche schließlich zwölf Jahre, bis er verkauft werden könne: "Wir können keine Bio-Bäume zaubern."

Auch Rudolf Fenner von der Waldschutzorganisation Robin Wood sieht in Fair Forest sogenanntes "Greenwashing". "Ein kleiner ungespritzter Streifen holt keine Artenvielfalt in eine Weihnachtsbaumplantage", rügt Fenner: "Solange konventionelle Unkrautvernichter eingesetzt werden, hat so ein Baum nichts mit öko oder fair zu tun."

Bio-Bäume: "Marktanteil weit unter einem Prozent"

So wie die wenigsten der hierzulande gedeihenden Bäume. Gerade einmal 50 Betriebe in Deutschland ziehen Bio-Weihnachtsbäume, schätzt Fenner. Eine aktuelle Liste dieser Verkaufsstellen stellt Robin Wood jedes Jahr ins Netz: "Sie haben einen Marktanteil von weit unter einem Prozent."

Die allermeisten Bäume kommen Fenner zufolge aus riesigen Monokulturen und werden unter Einsatz von Spritzmitteln großgezogen: "Und die Gifte gelangen über die Böden in die Umwelt." Gekauft werden die Bäume dennoch in rauen Mengen. "Es gibt da kaum Bewusstsein unter Verbrauchern", stellt der Fachmann fest.

In der Weihnachtsbaum-Hochburg Bestwig im Hochsauerland ist das anders. "Wir sind von Weihnachtsbäumen umzingelt und es werden immer mehr, weil die vom Orkan Kyrill verwüsteten Flächen auch für Weihnachtsbäume verwendet werden", sagt Claudia Wegener von der Bürgerinitiative giftfreies Sauerland.

"Es wird immer noch Gift gespritzt."

Schon im vergangenen Jahr protestierten die Bestwiger gegen die Plantagen, machten auf Gefahren durch die Spritzmittel und die zerstörten Naturwaldflächen aufmerksam. "Fair Forest" ändert nichts daran, findet Wegener: "Es wird ja immer noch Gift gespritzt." Die Initiative will deshalb weitermachen - auch, damit Verbrauchern überall klar wird, was Weihnachtsbaum-Konsum bedeutet: "Einen Eingriff in die Natur."

Wegen ihrer vierjährigen Tochter wird die Familie dieses Jahr Weihnachten dennoch unter einem Nadelbaum verbringen. "Einem Bio-Baum", sagt die Bestwigerin: "Die Gräser unter ihm wurden von Schafen gefressen und nicht von Glyphosat."