Echte Sargträger, ein echter Pfarrer, aber keine Leiche

Fernsehbeerdigung

Foto: Kzenon/Fotolia

Bei Fernsehbeerdigungen ist der Sarg leer. Kirchliche Rituale des Abschiednehmens sollten trotzdem richtig dargestellt werden.

Echte Sargträger, ein echter Pfarrer, aber keine Leiche
Der Berliner Stadtpfarrer Hartmut Walsdorff im Ruhestand hat als langjähriger Sprecher vom "Wort zum Sonntag" und Fernsehprediger einige Erfahrungen mit dem Fernsehen gesammelt. Was er aber Mitte der 1990er Jahre alles beim Dreh der Serie "Der Clan der Anna Voss" erlebte, als er kurzerhand als Berater einer Fernsehbeerdigung auf den Friedhof gerufen wurde, erzählt er im evangelisch.de-Spezial "Leben mit dem Tod".

Wie sind Sie als Berliner Stadtpfarrer dazu gekommen, eine Fernsehbeerdigung zu beraten?

Walsdorff: Als Mitte der 1990er Jahre der mehrteilige Fernsehfilm "Der Clan der Anna Voss" mit Horst Buchholz und Maria Schell in Berlin gedreht wurde, rief mich die Filmgesellschaft an, weil sie am nächsten Tag eine Beerdigungszene drehen wollten. Ich bin dann zum Dahlemer Waldfriedhof gefahren. Zufällig hatte ich meinen Talar im Auto, weil ich am Morgen um 9 Uhr selber eine Beerdigung hatte. Auf dem Friedhof habe ich gemerkt, dass Regisseur und Schauspieler etwas hilflos agierten. Nach der Film-Trauerfeier war lediglich ein Defilee der trauernden, nach Drehbuch total zerstrittenen Angehörigen auf ihrem Weg aus der Friedhofskapelle bis zur Grabstelle geplant. Dort sollte der Sarg eines Ermordeten stilgerecht in der Erde versenkt werden. Den Pfarrer wollte man gar nicht zeigen. Da sagte ich, dass bei einer evangelischen und katholischen Beerdigung der Pfarrer direkt hinter dem Sarg läuft. Erst dann kommen die Angehörigen.

Maria Schell kam auf mich zu und sagte: "Nun haben wir doch einen echten Pastor. Können Sie das nicht bitte machen?" Da bin ich gewissermaßen erstmal vom Stuhl gefallen. Wer aber Maria Schell noch in Erinnerung hat, weiß, dass sie die berühmten steinerweichenden Augen hatte. Ehe ich mich versah, hatte ich meinen Talar aus dem Auto geholt und bin dann in der Szene direkt vor Maria Schell zu dieser ausgehobenen Gruft gegangen. Dort habe ich dann meine Formel gesagt: "Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub". Nun bekam ich doch Gewissensbisse: Zwar war jetzt alles korrekt, aber die Beerdigung war nur gespielt, und ich bin schließlich ein echter Pfarrer. Schon oft hatte ich mich geärgert, dass in Filmen mit Geistlichen oder bei der Darstellung von Beerdingszenen vieles dilettantisch gemacht wurde und nicht so, wie es kirchlich korrekt sein muss.

"Die Sträuße wurden aus der Gruft wieder nach oben geworfen."

Wie unterscheidet sich eine Filmbeerdigung von einer richtigen Trauerfeier? Was war da für Sie neu?

Walsdorff: Der Sarg, den wir feierlich zur Gruft begleiteten, war leer. Sechs Komparsen sollten ihn hinunterlassen, dennoch kippte er gleich beim ersten Mal um. Verärgert rief ich eine mir bekannte Beerdigungsfirma an und fragte, ob sie ein paar Träger frei hätten, die auf den Friedhof kommen könnten. Sie kamen schon in der passenden Kleidung und haben das dann stilsicher gemacht. Stellen Sie sich das mal vor: Echte Sargträger, ein echter Pfarrer und dann keine Leiche im Sarg! Normalerweise bleibt der Pfarrer, auch aus Solidarität, neben der Gruft stehen und wartet dort bis alle Angehörigen am Grab vorbeigezogen sind. Manche wollen ihm noch danken oder ein Wort mit ihm wechseln. Das ging mir in diesem Fall aber zu weit. Die Schauspieler warfen also ihre Blumen in die Grube, da rief der Regisseur plötzlich: "Aus! Stopp! Noch mal!". Groteskerweise wurden die Sträuße dann von einem Mann, der unten in der Gruft kauerte, nach oben geworfen. Aus der Ferne muss das gespenstig ausgesehen haben.

Welche Stolperfallen sehen Sie bei Fernseh-Beerdigungen?

Walsdorff: Oft sind es Kleinigkeiten, die daneben gehen. Weil die Handlung des Films ja weiterläuft, finden auf Fernseh-Beerdigungen oft Dialoge von Angehörigen statt. Das gibt es bei einer richtigen Beerdigung normalerweise nicht. Auch spricht der Pfarrer seinen Segen nach bestimmten Formeln. Das ist auch gut so, damit erkennbar ist, dass es eine liturgische Tradition gibt. Fernsehpfarrer hingegen nehmen sich eine größere Freiheit heraus. Manchmal sind sie auch nicht korrekt gekleidet. Zum Beispiel tragen Geistlichen auf dem Friedhof ein Barett, eine Kopfbedeckung. Inzwischen tragen aber auch echte Pfarrer und Pfarrerinnen diese oftmals nicht mehr.

Wie sind die Schauspieler mit der gedrückten Stimmung auf dem Friedhof umgegangen?

Walsdorff: Eben weinten noch alle, trauerten und zückten die Taschentücher. Wenn der Regisseur dann rief: "Aus! Noch mal!" verwandelte sich im selben Moment die bekümmerte Trauergemeinschaft in eine fröhlich schwatzende große Gruppe, die ausgesprochen heiter war und sich sogar noch lustig machte darüber, wie die Blumensträuße da wie von Geisterhand wieder aus der Tiefe nach oben kamen. Das hatte für mich etwas Skurriles, gut gefühlt habe ich mich dabei nicht. Andererseits war klar, dass alles lediglich ein Film ist und nur nachgestellt werden sollte. Auch die echten Sargträger, deren Beruf es tagtäglich ist, Särge in Grüfte hinunterzulassen, brauchen zwischendurch mal ein Ventil. Ich hatte damit nie ein Problem gehabt, wenn sie auch mal fröhlich waren, allerdings sollte das nicht in der Öffentlichkeit geschehen, da es sonst auf dem Friedhof gar nicht auszuhalten wäre.

Und wie gehen Schauspieler mit der Darstellung des Todes um?

Genau das sprach Maria Schell mir gegenüber auch an. In vielen Filmen kämen Sterbeszenen vor. Sie spielten sie immer wieder und würden dabei vergessen, eines Tages auch selbst sterben zu müssen. Erst wenn einer aus dem Bekanntenkreis stirbt, werde einem das bewusst. Sie machte sich dann den dramatischen Unterschied einer dargestellten und einer echten Trauersituation bewusst, die schließlich früher oder später auch auf sie und auf jeden Menschen zukomme. Auch Horst Buchholz legte Wert darauf, dass Szenen, die den Glauben tangieren, stimmig dargestellt werden. Buchholz war evangelisch getauft. Er hat mich noch gefragt, ob der liebe Gott einen Unterschied mache zwischen einem Mitglied der Kirche oder Nicht-Mitglied. Aus tiefster Überzeugung antwortete ich ihm: Macht er nicht, weil das eine von Menschen gemachte, wenngleich auch sinnvolle Regelung ist. Die Institution braucht Spielregeln. Ich kenne viele Menschen, mit deren Glaubensverständnis ich wenig anfangen kann, die aber nicht im Traum daran denken würden, auszutreten. Wiederum kenne ich Nichtkirchenmitglieder, mit denen ich sofort in Bezug auf ihre Sinn- und Glaubensfragen eine innere Verbindung fühle.

"Aus einer Trauerfeier eine Fröhlichkeitsfeier zu machen ist schwierig."

Lassen sich Beerdigungen auch heiter darstellen?

Walsdorff: Das wird versucht, gerade in jugendorientierten Sendungen. Ich habe mal eine Beerdigung in der Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" gesehen. Das Mädchen, das in der Serie den Fernsehtod gestorben war, hatte sich gewünscht, dass ihre Freunde auf der Beerdigung fröhlich sind. Alle hatten sich deswegen bunt angezogen und haben getanzt. Dann, das fand ich eindrucksvoll, hat man aber auch gemerkt, dass das nicht so ohne weiteres geht, dass man zwar heiter sein möchte, aber das natürlich der Verlust, der Schmerz, die Trennung und der Abschied nicht so ohne weiteres verdrängt werden können. Heiter zu sein gelingt viel eher, wenn ein Mensch gestorben ist, der ein wirklich sattes, reiches Leben hatte und der zu seinen Lebzeiten humorvoll war. Nehmen Sie als Beispiel Loriot. Der war hochbetagt. Ich war nicht bei seiner Trauerfeier, weiß aber, dass währenddessen auch mal gelacht oder geschmunzelt wurde, allein dadurch, dass er selbst zitiert werden konnte und man ihn dann so vor sich sah, wie er im Leben war. Ich bin als Pfarrer dankbar, wenn jemand im Leben Humor hatte. Dann kann ich das auch in die Beerdigungsrede mit einfließen lassen. Aus einer Trauerfeier eine Fröhlichkeitsfeier zu machen ist aber schwierig. Auch im Film habe ich noch nicht erlebt, dass dies einmal überzeugend rüberkam.

Wie reagierten die Schauspieler auf den echten Pfarrer bei ihrer Fernsehbeerdigung?

Walsdorff: Horst Buchholz genoss offenbar die Situation, dass er jetzt mit einem echten Pfarrer zusammen war. Als er merkte, dass ich sehr locker war und ihn eben auch aus zig Filmen kannte, hat er mir aus seinem Leben erzählt. Er war schon krank, beim Rauchen zitterten ihm die Hände und die Zähne waren gelb. Auch war er erschöpft. Nur die Augen, die funkelten noch wie eh und je und wenn er sprach, kam auch noch eine gewisse Dynamik in die Stimme. Wir haben auch substantielle Gespräche führen können. So eine damals weltweit bekannte Schauspielerin wie Maria Schell hat gespürt, dass wir uns im wahrsten Sinne des Wortes auf ein Grenzgebiet begaben. Sie fragte mich, ob ich so eine Beerdigung schon einmal gemacht hätte. Ich sagte: Nein, ohne Leiche, habe ich noch nicht gehabt. Da musste sie lachen und sagte: "Huch, ist ja ein Pfarrer mit Humor!" Auch hat sie mich gefragt, ob sie ihrer Mutter, wenn sie stirbt, Champagner mit ins Grab werfen darf, den sie so gern trinken würde. Ob man das als Christ überhaupt dürfe? Sie schien wie Buchholz froh, dass ihr einer zuhörte.

Und was hatten Ihre Vorgesetzten zu Ihrem Ausflug ins Filmgeschäft gesagt?

Walsdorff: Eine theologische Beratung für Bestattungszenen gab es noch nicht. Meine Vorgesetzten hatte ich damit überzeugt, dass, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, die Beerdigungsszene um einiges schlechter gelaufen und damit letztlich auch ein Stück peinlicher für die Kirche gewesen wäre. So konnte ich aber sagen, die Beerdigungsszene war zumindest korrekt evangelisch. Mein Honorar von 500 Mark kam in die Gemeindekasse.

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