Filmkritik der Woche: "Der Wolkenatlas"

Der Film "Der Wolkenatlas" ab 15. November im Kino

Foto: epd-bild/X-Verleih

Filmkritik der Woche: "Der Wolkenatlas"
Alles ist verbunden: Der Roman "Der Wolkenatlas" galt als "unverfilmbar" - es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Filmemacher der Herausforderung stellte. Nun taten es gleich drei: Tom Tykwer und die amerikanischen Regiegeschwister Lana und Andy Wachowski.

Was zeichnet den Menschen aus? Seine Fähigkeit, zu lieben und in der Liebe über sich selbst hinauszuwachsen, seine Sehnsucht nach Geschichten, und zugleich sein Hang zur Zerstörung, zur Wiederholung der immer gleichen Fehler. Diese Reihe ließe sich noch lange fortsetzen - und spiegelt sich wider in dem filmischen Mammutprojekt "Der Wolkenatlas", in das Tom Tykwer und die Wachowski-Geschwister den gleichnamigen Roman von David Mitchell verwandelt haben. Es ist ein auf den ersten Blick ausufernder, in Wahrheit jedoch streng komponierter Film: sechs Geschichten, die zusammen fast 500 Jahre umspannen und weit in die Zukunft reichen.

Eine Geschichte erzählt von Adam Ewing (Jim Sturgess), einem jungen amerikanischen Anwalt, der 1849 während einer Reise in die Südsee den Schrecken des Sklavenhandels erkennt, eine andere von dem talentierten Komponisten Robert Frobisher (Ben Whishaw), der 1936 durch seine Homosexualität erpressbar wird. 1973 stößt die Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) in San Francisco auf eine Verschwörung, die unzählige Menschen ihr Leben kosten könnte.

39 Jahre später wird der englische Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent) Opfer der Rachegelüste seines Bruders und landet in einem furchteinflößenden Altenheim. Sonmi-451 (Doona Bae) wurde geschaffen, um zu bedienen. Als "Duplikant", also Klon, besitzt die Kellnerin im Neo-Seoul des Jahres 2144 zwar keinerlei Rechte, aber in ihr schlummert ein Potenzial, das die ganze Welt erschüttern kann.

Noch einmal 200 Jahre später sind nur noch kleine Teile der Erde bewohnbar. Die Apokalypse hat ein neues archaisches Zeitalter hervorgebracht, in dem in kleinen Dorfgemeinschaften lebende Menschen wie der Hirte Zachry (Tom Hanks) immer in Gefahr sind, die Beute marodierender Kannibalen zu werden.

Die dunkle, kannibalistische Seite der menschlichen Natur

Die Bezüge unter diesen Geschichten sind geradezu überdeutlich. Die Konstellationen und Situationen wiederholen sich. Motive und Figuren ziehen sich durch die Erzählungen und die Jahrhunderte. Alle zeugen sie von der dunklen, kannibalistischen Seite der menschlichen Natur und damit den finstersten Auswüchsen einer rein darwinistischen Sicht der Welt. Aber zugleich bringt jede dieser Geschichten eine Heldin oder einen Helden wider Willen hervor. Der Mensch kann eben auch seine Schwächen überwinden und die Teufel, die ihn auf Schritt und Tritt begleiten, bezwingen.

Das alles funktioniert nach musikalischen Prinzipien. Meist spielen die Wachowskis und Tykwer dabei mit Variationen und ihrem  verstärkenden Effekt. Gelegentlich setzen sie aber auch Kontrapunkte. So treten in allen Geschichten die gleichen Schauspieler auf. Nur verwandeln sie sich dabei ständig. Mit den Zeiten wechseln sie ihr Alter, ihre Herkunft, ihre Hautfarbe und gelegentlich sogar ihr Geschlecht. Der Mensch kehrt immer wieder und kann dabei jeder und alles sein, Held und Schurke, Randfigur und Erlöser. Das Kino mit seinen Tricks wird zum Menschheitsspiegel. Zugleich spielt es aber auch noch seine eigenen Möglichkeiten durch.

Deutschland/ USA/ Hongkong/ Singapur 2012. Regie, Buch: Tom Tykwer, Andy und Lana Wachowski. Mit: Tom Hanks, Hugo Weaving, Susan Sarandon, Halle Berry, Hugh Grant. Länge: 164 Minuten. FSK: ab 12 Jahre.