Stefan Raab und "Absolute Mehrheit": Wenig innovativ

dpa/Henning Kaiser

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann (l), der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Landtag von Schleswig-Holstein, Wolfgang Kubicki, die Unternehmerin Verena Delius, der Moderator Stefan Raab, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion Michael Fuchs, und der stellvertretende Parteivorsitzende der Linken, Jan van Aken (l-r) bei der ersten Ausgabe von Polit-Talkshow "Absolute Mehrheit".

Stefan Raab und "Absolute Mehrheit": Wenig innovativ
Die Spannung vor Stefan Raabs Polit-Talk-Premiere war groß. Doch "Absolute Mehrheit" unterschied sich inhaltlich nicht wesentlich von den öffentlich-rechtlichen Konkurrenzprodukten. Zusätzlich zerstückelte der Zwang zum Geldverdienen die Sendung.

Der Grünen-Politiker Volker Beck wurde ein- und wieder ausgeladen, Umweltminister Peter Altmaier sagte seine Teilnahme öffentlichkeitswirksam ab, schließlich bezeichnete Bundestagspräsident Norbert Lammert (beide CDU) die Sendung als "absoluten Unfug": Die Aufregung um Stefan Raabs ProSieben-Sendung "Absolute Mehrheit" war bereits vor der Premiere am Sonntagabend groß. Die Spannung, ob sich der oft als Allround-Genie gefeierte Entertainer auch als Polit-Moderator einen Namen wird machen können, kam nicht von ungefähr, denn schon beim Eurovision Song Contest verhallte die Kritik an der mangelnden Innovationslust jahrelang ungehört und konnte erst mit Hilfe von Stefan Raab zum Verstummen gebracht werden.

Den Unterschied zu den vielfach kritisierten öffentlich-rechtlichen Polit-Talks sollte die "Speedmeinungsbildung" (Raab) machen: Vier Politiker und ein "Normalbürger" diskutieren über drei vorgegebene Themen, nach jeder Runde wird der- oder diejenige mit den wenigsten Stimmen des Telefonvotings aus der Wertung genommen, und wer am Ende über 50 Prozent der Anrufer auf sich vereinen kann, gewinnt 100.000 Euro.

Ein "Drillsergeant", "Mister Marktwirtschaft" und der "Reichenschreck"

Die Gespräche selbst blieben den öffentlich-rechtlichen Versionen überaus ähnlich. Auf der halbrunden Couch saßen Thomas Oppermann (SPD), Michael Fuchs (CDU), Jan van Aken (Die Linke) und Wolfgang Kubicki (FDP), um ihre Positionen zu konstatieren und sich mehrmals mit dem Hinweis auf die Fakten ins Wort zu fallen, während die Unternehmerin Verena Delius (Goodbeans) ihre persönliche Perspektive vorstellte. Mehr als einmal pro Runde kam kaum einer zu Wort.

Die Themen - Steuergerechtigkeit, Energiewende und soziale Netzwerke - wurden jeweils in einem kurzen Einspieler vorgestellt, der sich durch Ironie und teils sogar Zynismus auszeichnete. Gleiches gilt für die Vorstellung der Gäste: Oppermann avancierte zum "Drillsergeant der SPD", Fuchs zum "Mister Marktwirtschaft" und van Aken zum "Reichenschreck".

Moderator Raab behielt diesen Tonfall zwar bei, wirkte jedoch ungewohnt nervös im direkten Vergleich mit den Politprofis. "Locker" war anfangs sein Lieblingswort, es klang wie eine Beschwörungsformel. Für die Einschätzung des jeweiligen Ergebnisses war Sat.1-Nachrichtenchef Peter Limbourg zuständig, der "Absolute Mehrheit" ein wenig zu ostentativ lobte.

Ein hektischer Gesamteindruck

Allerdings schadete der Sendung weniger die respektlose Herangehensweise an den politischen Medienbetrieb - das Logo stellt einen abblätternder Bundesadler dar - als vielmehr der Zwang zum Geldverdienen. Die Ergebnisse des Votings wurden nicht nur am Ende jeder Themenrunde besprochen, wenn sie eine Entscheidung bedeuteten, sondern auch zwischendrin, weshalb Raab die Diskussion immer wieder abrupt unterbrach. Was wohl die Zahl der kostenpflichtigen Anrufe erhöhen sollte, sorgte für einen hektischen Gesamteindruck.

Hinzu kamen die Werbeunterbrechungen und die mehrfachen Hinweise, dass ein Anrufer einen "Vollhybrid-Diesel" im "Wert von über 40.000 Euro" gewinnen könnte, die den Untertitel "Meinung muss sich wieder lohnen" ad absurdum führten. Am Ende gewann Wolfgang Kubicki, eine absolute Mehrheit konnte er jedoch nicht erringen.