Philosophie fürs Volk: "Precht" im ZDF

Richard David Precht

Foto: ZDF/Johannes Louis

Richard David Precht ist vielleicht nicht Deutschlands bedeutendster, aber ganz gewiss schönster Philosoph – und höchst erfolgreich noch dazu.

Philosophie fürs Volk: "Precht" im ZDF
Seit Richard David Precht mit dem Sachbuch "Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?" einen Bestseller gelandet hat, ist der 47-Jährige richtig gut im Geschäft. Jetzt bekommt er seine eigene Philosophiesendung im Fernsehen: In der Talkshow "Precht" unterhält er sich mit jeweils einem oder ausnahmsweise auch mal zwei Gästen aus Wissenschaft, Kultur, Politik oder Wirtschaft zu später Stunde über drängende Fragen der Zeit.

Herr Precht, um mit einer philosophischen Frage zu beginnen: Was ist der Sinn Ihrer neuen Philosophie-Talkshow?

Richard David Precht: Der Sinn soll darin bestehen, dass wir ein Thema gründlich vertiefen können – ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz, über das wir philosophisch nachdenken wollen. Dafür gibt es im Fernsehen sehr wenige Sendeplätze, und der Sinn meiner Sendung besteht auch darin, einen solchen Platz zu schaffen.

Ist jeder Mensch, der sich Gedanken über das Leben macht, in gewissem Sinne ein Philosoph?

Ich glaube, dass sich schon jeder Mensch in seinem Leben philosophische Fragen gestellt hat. Die meisten Menschen tun das als Kind, etwas weniger als Erwachsene. Die Zahl der Menschen, die über das Leben nachdenken, nimmt aber sicher insgesamt zu. Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass die Leute immer älter werden – und zweitens mehr Zeit und Geld haben, über das Leben nachzudenken. Ich denke zwar nicht, dass jeder ein Philosoph ist, aber die meisten Menschen haben ein Faible für philosophische Fragen.

Macht die Beschäftigung mit Philosophie die Menschen glücklicher? 

Nicht jeden. Philosophie erweitert den Horizont, und viele Menschen werden genau dadurch glücklicher – den Horizont zu erweitern kann nämlich eine durchaus lustvolle Erfahrung sein. Ich würde trotzdem nicht jedem empfehlen, sich mit Philosophie zu beschäftigen. Es kann ja sein, dass ein glücklicher Mensch durch zu viel Grübeln nicht mehr ganz so glücklich ist. Ein Glücksversprechen würde ich also nicht machen wollen. 

Also eignet sich nicht jeder als Zuschauer für Ihre Sendung?

Der Sinn der Sendung ist es ja nicht, die Leute an der Oberfläche glücklicher machen zu wollen, sondern ihnen zu helfen, sich und die Gesellschaft besser zu verstehen.

"Ich möchte mit meinem Gast auf Augenhöhe diskutieren – im besten Fall entwickelt sich ein richtiger Dialog im philosophischen Sinne."

In der ersten Ausgabe geht es um Mängel im Bildungssystem. Hört sich nach einer x-beliebigen Talkshow an...

Ist aber nicht so. In einer normalen Talkshow würden Interessensvertreter aus vier verschiedenen Richtungen miteinander diskutieren, und es würde dadurch ein Panorama aufgeblendet werden, was es für Pro- und Contra-Argumente gibt. Diese Argumente werden in der Regel aber nicht weiter vertieft. Das ist in einem Zweiergespräch, wie es bei mir stattfindet, anders. Da können Sie eine ganz andere Tiefe erzeugen, die in einer normalen Talkshow nicht erreichbar und auch nicht vorgesehen ist. Ich möchte mit meinem Gast auf Augenhöhe diskutieren – im besten Fall entwickelt sich ein richtiger Dialog im philosophischen Sinne.

Dreht sich Ihre Sendung denn auch mal um die großen Fragen der Philosophie wie Wahrheit, Freiheit oder Tod?

Durchaus, aber natürlich kann man diese Fragen nicht in 45 Minuten abhandeln, deshalb werden wir sie auf bestimmte Themen zuspitzen. Aber es wird schon um die großen philosophischen Fragen gehen, zu denen sich auch richtige Philosophen aus der akademischen Welt äußern.

"Ich würde mich als Grenzgänger bezeichnen. Ich rechne mich aber auf keinen Fall dem Lager der philosophischen Ratgeber zu."

Tritt man Ihnen zu nahe, wenn man Sie als Populärphilosophen bezeichnet?

Das können Sie gerne tun, aber das sehe ich anders. Ich schreibe ja nicht nur Bücher, die von vielen Menschen gelesen werden, sondern bin auch Professor an einer Universität und unterrichte da Studenten in Philosophie. Ich würde mich als Grenzgänger bezeichnen. Ich rechne mich aber auf keinen Fall dem Lager der philosophischen Ratgeber zu, denn als Ratgeber sind meine Bücher nicht geeignet. 

Aber Sie bemühen sich schon, philosophische Fragen so runterzubrechen, dass sie jeder versteht, oder?

Na ja, jeder vielleicht nicht, aber viele schon. Ich bemühe mich, philosophische Probleme so darzustellen, dass sie auch jemand ohne philosophisches Hochschulstudium versteht.

Funktioniert dieses Verfahren immer?

Nein, denn nicht jedes philosophische Problem lässt sich runterbrechen. Es gibt Detailfragen der analytischen Philosophie, die so kompliziert sind, dass man sie nicht populär darstellen kann. Aber das sind auch nicht die Fragen, für die sich die meisten Menschen interessieren, sondern nur eine kleine Gruppe Spezialisten. Um diese Fragen wird es in meiner Sendung also nicht gehen.

Welche Fragen brennen den meisten Menschen denn Ihrer Meinung nach auf den Nägeln?

Das ganze Thema Geld und Finanzsystem zum Beispiel. Die Zukunft der Demokratie. Und die Frage, ob unsere Gesellschaft freiheitlicher werden soll oder weniger freiheitlich – also die Frage, ob Freiheit ab einem bestimmten Punkt nicht wieder unfrei macht. Zum Beispiel die Abhängigkeit vom technischen Fortschritt: Wenn Sie den Menschen die Frage stellen würden, ob sie eher auf ihr Wahlrecht oder ihr Handy verzichten können, hätte ich wirklich Angst vor der Antwort.

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Philosophie hat es im Fernsehen schwer. Haben Sie denn Angst, dass die Sendung floppen könnte?

Eigentlich nicht, weil ich für mich persönlich kein großes Risiko darin sehe. Mein weiterer Lebensweg wird nicht davon abhängig sein, wie oft ich im Fernsehen bin.

Welche philosophische Weisheit hat Sie am stärksten beeindruckt?

Da würde ich mich für ein Wort von Robert Musil entscheiden, der ja Schriftsteller, Ingenieur und Philosoph in einer Person war. Von ihm stammt der schöne Satz: "Wir irren vorwärts".

Die neuen Philosophiesendung "Precht" startet am Sonntag, den 2.9. um 23.25 Uhr. In der Auftaktsendung diskutiert Richard David Precht mit dem Neurobiologen und Hirnforscher Gerald Hüther über Mängel des deutschen Bildungssystems. Mit "Precht" versucht sich das ZDF nach der Einstellung von "Das philosophische Quartett" und "Nachtstudio" erneut an einer Sendung mit philosophischem Anspruch.