Wolfgang Huber: "Die Wirtschaft ist für den Menschen da"

Huber, Dr. Wolfgang

Foto: epd-bild / Andreas Schoelzel

Wolfgang Huber: "Die Wirtschaft ist für den Menschen da"
Wolfgang Huber im Interview über Werte in der Wirtschaft, den Brandenburger Dom und den Ethikrat
Wolfgang Huber, bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wird am Sonntag 70 Jahre alt. Derzeit arbeitet der Berliner Altbischof an einem Buch zu einem ethischen Gesamtkonzept. epd-Chefredakteur Thomas Schiller sprach mit Huber über Werte in Wirtschaft und Kirche sowie über den Sonntag, an dem der Theologe kurz vor der Nominierung zum Bundespräsidenten stand.

Sie haben vor zweieinhalb Jahren den Wechsel vollzogen vom höchsten Repräsentanten der 24 Millionen Protestanten, eingebunden in die Strukturen in Landeskirche und EKD, zur "Ich AG" Wolfgang Huber – wie hat sich Ihr Leben verändert?

Wolfgang Huber: Der Rhythmus meines Lebens hat sich natürlich verändert, aber nie so, dass ich in der Rückschau gesagt hätte: Ach, wenn ich diese Ämter doch noch hätte. Ich habe seitdem ein aktives Leben, aber doch in einem anderen Rhythmus, mit mehr Zeit zum Nachdenken, mit mehr Zeit für die Familie, mehr Zeit zur Muße und Besinnung, mehr Zeit zum Sport, aber auch mit neuen Ideen.

An welchem Thema arbeiten Sie gerade?

Huber: Wir leben in ethischer Hinsicht in einer ganz herausfordernden Zeit. Ich arbeite an einem ethischen Konzept, das aus christlichen Grundhaltungen heraus entwickelt ist und von dem ich hoffe, dass viele Menschen es verstehen und sich daran orientieren können, selbst wenn sie in Phasen ihres Lebens einen großen Abstand zum christlichen Glauben hatten – eine christliche Ethik im Geist öffentlicher Theologie zu entwickeln ist eine Aufgabe, die Freude und Lust macht.

Sie engagieren sich auch noch in Ihrer Landeskirche, welche großen Projekte stehen an?

Huber: Ein großes Ziel ist bis 2015 die Fertigstellung des Brandenburger Doms im Inneren und als ganzes Ensemble zum Jubiläum 850 Jahre Dom in Brandenburg an der Havel. Das große Restaurierungs- und Sanierungsprogramm haben wir Anfang der 90er Jahre begonnen mit dem großen Ruf "Dom in Not". Beim zweiten großen Projekt, der Garnisonkirche in Potsdam, sind wir immerhin bei der Genehmigungsplanung, der Beginn der Ausführung ist im Blick. Der Garnisonkirchturm hat das Zieldatum 2017. Aber wir müssen noch richtig intensiv arbeiten, um das nötige Geld zu bekommen.

Das Projekt ist in Potsdam umstritten.

Huber: Die Garnisonkirche ist ein bedeutendes Bauwerk des preußischen Barock gewesen und gehörte zentral zum städtebaulichen Bild von Potsdam. Es hat eine sehr prägende Geschichte, die sich nicht auf den "Tag von Potsdam" am 21. März 1933 reduzieren lässt. Dieses Treffen Hitlers und Hindenburgs darf man freilich nicht ausklammern. Es kann nur eine geschichtsbewusste Wiedergewinnung der Garnisonkirche geben, etwas anderes geht nicht. Ein neues geistliches und geistiges, kulturelles und politisch-ethisches Leben soll hier seinen Ort finden.

"Die Wirtschaft ist nicht nur dazu da, Profite zu erwirtschaften. Sie ist für den Menschen da"

Sie halten heute Vorträge vor Wirtschaftsführern und Politikern. Was haben sie den Entscheidungsträgern mitzugeben, was lernen Sie wiederum von ihnen?

Huber: Das Kernthema besteht in der Frage, ob Wirtschaft als ein wertneutraler Raum angesehen wird oder ob sich die Einsicht stärker durchsetzt, dass wirtschaftliches Handeln ethisch verantwortet werden muss. Die letzten Jahrzehnte waren zu stark davon geprägt, dass Wirtschaft nur dazu da sei, Profite zu erwirtschaften. Das war eine Verengung, die mit unserer Tradition der sozialen Marktwirtschaft unvereinbar ist. Deren Ausgangspunkt hieß: Die Wirtschaft ist für den Menschen da. Die Profitabilität der Wirtschaft stand im Dienst der Aufgabe, Güter und Dienstleistungen bereitzustellen, die dem Menschen dienen. Auf diesem Zweck der Wirtschaft beruht auch das Vertrauen, das sie findet. Diejenigen, die nur an den Bewegungsgesetzen des Kapitals interessiert sind, sollten nicht vergessen, dass Wirtschaft genauso wie vom Kapital auch vom Vertrauen lebt.
 
Verfangen Ihre Argumente auch bei Investmentbankern, oder finden Sie eher Gehör bei Familienunternehmern?

Huber: Bei den Familienunternehmern liegt das näher, aber es gibt keine zwei Ethiken für Familienunternehmen und für börsennotierte Aktiengesellschaften. Das muss man ganz klar sagen. Das verselbstständigte Investmentbanking ist natürlich eine ganz eigene Welt, die auch ganz eigene Gefahren produziert. Wenn das Investmentbanking nicht selbstzerstörerisch werden soll, muss es einen eigenen inneren Kompass haben und unterscheiden zwischen dem, was geht, und dem, was einfach nicht geht. Doch es geht nicht darum, einzelne Wirtschaftszweige pauschal abzuurteilen, sondern die ethischen Grundlagen nachhaltigen Wirtschaftens bewusstzumachen.

Eigentlich ein Fall für den Ethikrat …

Huber: Der Deutsche Ethikrat, in dem ich mitarbeiten darf, ist nach seinen Statuten schwerpunktmäßig für die bioethischen Fragen zuständig. Das hat auch Konsequenzen in seiner Zusammensetzung. Ein wirtschaftsethisches Gremium vergleichbarer Art wäre sehr wünschenswert, aber diese Aufgabe kann nicht der Deutsche Ethikrat übernehmen.

Im Ethikrat steht im August das Thema Beschneidung auf der Tagesordnung. Wie wird der Ethikrat das Gesetzgebungsverfahren begleiten?

Huber: Die Vorsitzende hat dieser Tage vor einem zu schnellen Prozess gewarnt. Der Ethikrat wird jetzt gründlich und dennoch zügig arbeiten, indem er sein Programm sehr kurzfristig umgestellt hat. Das Thema wird schon im August in einem öffentlichen Sitzungsteil erörtert.

Der Ethikrat sollte auch einen Beitrag dazu leisten, dass man dieses Thema nicht nur als ein bioethisches und medizinrechtliches Thema ansieht, wie es das Kölner Landgericht getan hat. Das Gericht hat überhaupt nicht in den Blick genommen, dass in diesem Fall eine jahrtausendealte religiöse Tradition eine Rolle spielt, die geachtet werden muss auch von denjenigen, die für sich selbst nicht auf die Idee kämen, einen solchen Ritus zu praktizieren. Und es ist eine Frage des Rechts von Eltern, die sich in der religiösen Verpflichtung sehen, diesen Ritus an ihren männlichen Kindern zu vollziehen. Die Aufgabe, körperliche Unversehrtheit, Religionsfreiheit und Elternrecht aufeinander zu beziehen und zu einem Ausgleich zu bringen, liegt jetzt vor uns.

Ein weiterer bioethischer Streitpunkt in diesen Wochen ist der neue Bluttest zur Früherkennung des Down-Syndroms, der in diesen Wochen auf den Markt kommt. Wird er das Verhältnis der Gesellschaft zu Behinderten verändern?

Huber: Es wird das Verhältnis der Gesellschaft zum Geborenwerden von genetisch oder chromosomal behinderten Kindern noch weiter verändern – dieser Prozess ist schon im Gang. Es ist ein riesiger Irrtum zu glauben, dass wir eine Garantie auf ein unbehindertes Leben hätten, wenn wir verhindern, dass genetisch oder chromosomal beeinträchtigte Kinder geboren werden. Die überwältigende Zahl von Behinderungen, mit denen Menschen ihr Leben führen müssen, ist im Lauf der Lebensgeschichte erworben und nicht angeboren. Im übrigen: Ein Embryo mit einer genetischen oder chromosomalen Beeinträchtigung ist ein Geschöpf Gottes, dessen Lebensrecht wir nicht in Zweifel ziehen dürfen. Nicht dessen Beeinträchtigung, sondern allein die gesundheitliche Belastung für die Mutter kann nach unserer Rechtsordnung ein legitimer Grund für einen Schwangerschaftsabbruch sein.

"Die allergrößte Gefahr besteht darin, dass wir das Verhältnis zu unserer eigenen Verletzlichkeit verlieren"

Worin bestehen die Gefahren des neuen Tests?

Huber: Die allergrößte Gefahr besteht darin, dass wir das Verhältnis zu unserer eigenen Verletzlichkeit verlieren und vergessen, dass jedes menschliche Leben deswegen mit Fürsorge umgeben und behütet werden muss, weil es ein verletzliches Leben ist. Die zweite Gefahr: dass Menschen in Misskredit geraten, die Ja zum Geborenwerden von behindertem Leben sagen – anstatt dass wir alle miteinander dieses Ja bekräftigen. Drittens hat es auch Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl von Behinderten, die sich mit der Frage herumschlagen: Würde es mich überhaupt geben, wenn zu dem Zeitpunkt, zu dem ich geboren wurde, all das gemacht worden wäre, was jetzt möglich ist?

Plädieren Sie für ein Verbot des umstrittenen Testverfahrens?

Huber: Es bringt nichts, diese drei genannten Risiken allein in der isolierten Diskussion um ein bestimmtes Testverfahren zu sehen. Es wäre eine Illusion zu glauben, wenn wir dieses Testverfahren verhindern, dann hätten wir diese Probleme gelöst. Das glaube ich nicht. Was wir brauchen, ist ein grundsätzliches Umdenken: Der Mensch ist mehr als seine Gene und Chromosomen. Leben hat die gleiche Würde, auch wenn es auf die eine oder andere Weise beeinträchtigt ist. Das Testverfahren kann zu einer Veränderung des gesellschaftlichen Klimas beitragen, wenn wir nicht dagegen halten und wieder von der Würde menschlichen Lebens reden.

Im Rückblick auf Ihr berufliches Wirken: Was waren Ihre drei größten Erfolge?

Huber: Von den Dingen, die mir besonders wichtig sind, würde ich von keiner sagen, sie war mein persönlicher Erfolg. Für vieles, das ich mitgestaltet habe, ging die erste Idee oft nicht von mir aus. Der erste Ökumenische Kirchentag 2003 in Berlin war ein herausragendes Ereignis in meiner Bischofszeit und für mich persönlich ein Symbol dafür, dass ich dieses Amt immer als ein ökumenisches Amt verstanden habe. Mit dem Reformprozess in der Landeskirche und in der EKD haben wir etwas Wichtiges angestoßen, von dem ich auch hoffe, dass es weiter wirkt. Schließlich konnte ich hoffentlich zu einer Ethik der Verantwortung beitragen. Sie entwickelt sich, wenn Kirche und Theologie dazu beitragen, dass wir die Freiheit, die uns anvertraut ist, angesichts der Entwicklungen in unserer Welt verantworten, insbesondere auch in der Wirtschaft und in den Lebenswissenschaften.

"Es konnten Akzente gesetzt werden. Aber daran schlossen sich Jahre der Kärrnerarbeit an"

In Ihrer Zeit als Ratsvorsitzender war die EKD-Reform unter dem Leitwort "Kirche der Freiheit" Ihr größtes kirchenpolitisches Projekt – welche Bilanz ziehen Sie nach sechs Jahren?

Huber: Ich kommentiere kirchenpolitische Entwicklungen natürlich nur selten und in besonderen Situationen. Das gilt auch für den Reformprozess in der EKD. Deshalb nur so viel: Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Impulspapiers konnten öffentlich durch viele Initiativen Akzente gesetzt werden: die Bildung von Kompetenzzentren, die Entscheidung darüber, welche Schwerpunkte die EKD verfolgt. Daran schlossen sich Jahre an, in denen es um die Kärrnerarbeit vor Ort ging

Haben sich die Herausforderungen an die Zukunft verschoben, seit das Papier 2006 veröffentlicht worden ist?

Huber: Ich bin überzeugt: Die Ziele sind richtig – eine Konzentration auf den Kern unseres kirchlichen Auftrags zu verbinden mit dem Brückenschlag zu den Menschen, die den Kontakt zum christlichen Glauben verloren haben. Die Grundannahme, dass wir in unserer Gesellschaft durch einen Transformationsprozess gehen, der unmittelbare Auswirkungen auf die Handlungsbedingungen von Kirche hat – auch diese Grundannahme ist richtig unabhängig von der Frage, ob die genannten Zahlen eintreten werden. Diese Zahlen – bis 2030 ein Drittel weniger Kirchenmitglieder und 50 Prozent weniger Einnahmen – haben wir ja genannt, damit sie möglichst nicht so eintreten; denn auch in dieser Hinsicht wollen wir dort Veränderungen zustande bringen, wo wir es können.

Wo lagen Sie falsch?

Huber: Wir hatten kühne Vorstellungen von unterschiedlichen Gemeindeformen: Ortsgemeinde, Personalgemeinde, Profilgemeinde. Es ist offenkundig, dass die Ortsgemeinde ein größeres Gewicht behält, als wir das angenommen hatten. Ich mache mir nur Gedanken darüber, wie es dann gelingt, das gewisse Maß an Milieuverengung in vielen Ortsgemeinden so umzuwandeln, dass der einladende Charakter unserer Gottesdienste und anderer Veranstaltungen auch für kirchlich Ungeübte besser zum Leuchten kommt.

Kirche und Öffentlichkeit ist ein roter Faden, der sich durch Ihr Berufsleben zieht. Sie haben zu sehr vielen Themen Stellung bezogen und wurden dafür auch kritisiert. Hat der Protestantismus noch Gestaltungskraft in Politik und Gesellschaft?

Huber: Wer immer Gestaltungskraft haben will, muss das in unserer pluralen Gesellschaft beweisen in der Auseinandersetzung mit vielen anderen Strömungen und Positionen. Wir kommen in der Erinnerung an die Nachkriegsjahrzehnte von einer Vorstellung her, in der die beiden großen Kirchen so etwas wie öffentliche Hoheitsmächte waren, die einen Monopolanspruch darauf hatten, Überzeugungen zu prägen. Das ist nicht mehr der Fall.

"Wir haben einen aktiver werdenen Atheismus und einen starken, vielgestaltigen Islam in Deutschland."

Was hat sich verändert?

Huber: Wir haben eine starke säkulare Strömung, bei der ein großer Teil für eine laizistische Umgestaltung unserer Gesellschaft eintritt. Wir haben einen aktiver werdenden Atheismus und nicht nur einen Gewohnheitsatheismus im Osten Deutschlands aus den Erfahrungen der Zeit der SED-Herrschaft. Wir haben einen starken, in sich vielgestaltigen Islam in Deutschland. Es macht keinen Sinn, die Nachkriegsjahrzehnte zum Maßstab zu nehmen und zu sagen: Die Kirchen haben an gestaltendem Einfluss verloren, ohne diese Veränderungen überhaupt mit zu reflektieren.

Wo stehen die Kirchen denn heute?

Huber: Wenn man diese gesellschaftliche Situation anschaut und dann die deutsche Situation vergleicht mit anderen Ländern einschließlich der USA, stellt man fest, dass die Kirchen in Deutschland auf gesellschaftliche Debatten und auf politische Entscheidungsprozesse in einer Weise einwirken, die deutlich ausgeprägter ist als in manchen anderen politisch und kulturell vergleichbaren Ländern.

Sie haben nicht nur auf EKD-Ebene an Strukturveränderungen gearbeitet, sondern auch in Ihrer Landeskirche. Wie lange dauert es, bis die unterschiedlichen Milieus von West-Berlin, Ost-Berlin, Brandenburg und der Oberlausitz ein gemeinsames Identitätsgefühl als Landeskirche entwickeln?

Huber: Wenn Sie sich die unterschiedlichen Lebenssituationen anschauen, die in der Berlin-brandenburgischen Kirche schon präsent waren, bevor es zu der Vereinigung mit der Oberlausitz kam, muss man sagen: Wir sind von Anfang an ziemlich vielfaltserprobt gewesen. Es ist nicht so sehr ein landsmannschaftliches Problem, sondern ein Problem der Sozialräume, die unterschiedliche Gestalten kirchlichen Lebens hervorbringen. Und die schlesische Oberlausitz soll ja auch ihre besondere Tradition wahren: Es ist der letzte Teil Schlesiens, der auf deutschem Boden liegt. Ich rate dazu, mit diesen unterschiedlichen Prägungen zuversichtlich in die Zukunft zu gehen. Eine Landeskirche ist nicht erst dann zustande gekommen, wenn alle gleich ticken.

In Berlin erreichte der "Pro Reli"-Volksentscheid für Religionsunterricht nicht das nötige Quorum – war es richtig, diesen Weg einzuschlagen?

Huber: Wir hätten von uns aus diesen Weg nicht eingeschlagen, das Vorhaben ging vielmehr von einer Bürgerinitiative aus.  Von einem gewissen Punkt an standen wir als Kirche vor der Frage, ob wir diesen Weg mitgehen. Überlegen Sie einmal, wie es wohl gewesen wäre, wenn wir christlichen Eltern, die nicht den Religionsunterricht bekommen, den sie eigentlich erwarten, gesagt hätten: Mit Eurem Volksbegehren haben wir nichts zu tun – obwohl sie das Modell vertreten, für das wir uns politisch immer eingesetzt haben. Das war in meinen Augen eine undenkbare Option.

"Da war ich nicht immer so heiter, wie man eigentlich sein sollte"

Ich muss aber einräumen: Wenn das Volksbegehren erfolgreich war und der Volksentscheid bevorsteht, kann man nicht mehr inhaltlich diskutieren und nach Kompromissen suchen; es geht nur noch um Ja oder Nein. Auch in diesem Fall verhärteten sich die Fronten; das brachte mich als Bischof in eine außerordentlich schwierige Situation. Da war ich nicht immer so heiter, wie man eigentlich sein sollte, und es ist mir nicht gelungen, die Sachauseinandersetzung und die Offenheit für alle Beteiligten ausreichend durchzuhalten.

Die Hauptstadt Berlin wird gelegentlich als "gottlos" bezeichnet – wo stimmt das, wo ist es falsch?

Huber: Im Kern stimmt es nicht. Denn es setzt ja voraus, dass Gott eine Region dieser Erde frei lässt und sich nicht ihr zuwendet. Deshalb ist das Wort "gottlos", auf eine Stadt oder eine Region angewandt, ein in sich selbst gottloses Wort. Gott liebt auch diese Stadt und er hat in dieser Stadt Menschen, die das wissen. Berlin ist eine religiös vielfältige Stadt, aber sie gehört zu einer religiös gemäßigten Zone – das aber nicht erst seit gestern oder vorgestern. Schon Schleiermacher hat das am Ende des 18. Jahrhunderts beschrieben.

Berlin ist eine Stadt, in der man heute religiöse Gleichgültigkeit, manifesten Atheismus, und säkulare Grundhaltungen genauso erlebt wie lebendiges Gemeindeleben mit ganz unterschiedlichen christlichen Frömmigkeitsprägungen sowie einen sehr vitalen Islam. Da geht es darum, selbstbewusst evangelische Kirche zu sein und mit den anderen christlichen Kirchen zusammen unseren ökumenischen Reichtum erfahrbar zu machen.

Bevor Sie sich 1993 für die Kandidatur um das Berliner Bischofsamt entschieden, waren Sie kurz davor, für die SPD für den Bundestag zu kandidieren. Sigmar Gabriel meinte kürzlich, dann hätte die Partei keine Troika, sondern ein Quartett. Wo sähen Sie sich heute, wenn Sie Politiker geworden wären?

Huber: Ich hoffe, dass ich beharrlich bei den Motiven geblieben wäre, deretwegen ich damals zu einer Bundestagskandidatur bereit war. Ich hatte damals die Idee, die Themen praktisch einzubringen, für die ich vorher als Ethiker theoretisch gearbeitet hatte. Das waren Themen der Friedensverantwortung und der Verantwortung für die Menschenrechte. Hätte mein Weg mich in die Politik geführt, dann könnte ich hoffentlich heute sagen: Aus diesen inhaltlichen Schwerpunkten habe ich etwas gemacht – in welcher Form und in welcher Funktion auch immer.

"Wenn ich ja sage, dann meine ich auch ja - nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen"

Nochmals nah dran an der Politik waren Sie nach dem Rücktritt von Christian Wulff. Sie waren fast einen Sonntag lang als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch. Was ist in diesen Stunden passiert?

Huber: In diesen Stunden ist dreierlei passiert: Ich bin in Südafrika angerufen worden mit der Frage, ob man meinen Namen nennen dürfe in dieser Diskussion. Dann habe ich intensiv mit meiner Frau gesprochen und wir haben dazu gemeinsam Ja gesagt. Wir waren bereit, in einer überraschenden Situation unsere Lebensplanung zu ändern und uns noch einmal auf ein öffentliches Amt, in diesem Fall von ganz herausgehobenem Charakter, einzulassen. Das zweite: Wenn ich ja sage, dann meine ich auch ja – nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Darauf war die richtige Reaktion, eine lange Wanderung zu unternehmen, den Kopf freizubekommen und mit Freunden zusammen zu sein. Das dritte war die Offenheit dafür, dass es gut ist, wie es kommt. So, wie es jetzt ist, ist es sehr gut.

Im Sommer ist eine Biografie erschienen, die sich kritisch mit Person und Wirken Wolfgang Hubers auseinandersetzt. Einen breiten Raum nimmt dabei das nicht einfache Verhältnis zu Ihrem Vater Ernst-Rudolf ein, einem führenden Verfassungsrechtler im NS-Staat. Haben Sie damit ihren Frieden geschlossen oder bewegt Sie das Thema weiterhin?

Huber: Es bleibt immer der Punkt, dass ich mich im Rückblick frage: Wäre es eigentlich möglich gewesen, das Gespräch mit meinem Vater selbst noch früher und noch intensiver zu führen? Vieles blieb unausgesprochen, was ich doch gerne besprochen und ausgesprochen hätte. Aber dies ruft nicht eine innere Friedlosigkeit im Verhältnis zu meinem Vater hervor, sondern im Bewusstsein seiner Verstrickung, die ihm auch selber bewusst war, habe ich ihn sehr geliebt und trage diese Liebe in meinem Herzen. Ich bin dankbar für viele sehr wichtige Erfahrungen, die ich mit ihm machen konnte – auch für Kontroversen. Er ist auch sehr kritisch mit meiner Theologie umgegangen, und ich hoffe, dass mir das auch ein Stück Selbstkritik mitgegeben hat.

Ihre Mutter erscheint in der Biografie als ein Mensch, der wenig Emotionen gezeigt hat. Was hat Ihnen das mitgegeben für den Umgang mit Ihren eigenen Kindern?

Huber: Es gibt sehr viele Situationen, in denen ich merke, wie tief das auch in mir selber drinsitzt, dass ich anderen Menschen gegenüber vielleicht eher im zweiten als im ersten Schritt emotional aufgeschlossen bin. Das gilt auch für das Verhältnis zu den eigenen Kindern. Diese hohe Wertschätzung von Diskretion, die meine Mutter Tag für Tag ausgestrahlt hat, schüttelt ein Sohn auch dann nicht ab, wenn er die Grenzen einer solchen Verhaltensweise kennt. Auch meine Mutter hat natürlich mehr zarte und empfindsame Seiten gehabt, als sie selber nach außen gezeigt hat.

Wie werden Sie Ihren Geburtstag verbringen?

Huber: Ich werde mit der Familie eine ganze Woche in den Alpen sein; wir werden aus diesem Anlass einfach eine Woche zusammen leben und gemeinsam wandern. Etwas Schöneres kann ich mir nicht wünschen.